Primärtherapie

Primärtherapie … ist die deutschsprachige Bezeichnung für eine von dem US-amerikanischen Psychologen Arthur Janov entwickelte psychotherapeutische Behandlungsmethode. Sie beruht auf der von ihm entwickelten Primärtheorie, deren Grundlagen er in seinem Erstlingswerk „Der Urschrei“… beschrieben hat.

Die Primärtherapie basiert auf der Annahme, dass frühkindliche schmerzhafte und katastrophale (traumatische) psychobiologische Erfahrungen und Erlebnisse die gesamte Entwicklung und das spätere Leben von Menschen nachhaltig negativ beeinflussen können und dass durch Wiedererleben dieser Erfahrungen und Erlebnisse ihre negativen Auswirkungen gemildert und verringert werden können. …

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Was ist mein gegenwärtiger therapeutischer Stil?

Kurzfassung:

Mein gegenwärtiger therapeutischer Stil ist stark von Personzentrierte Psychotherapie, Focusing, der Gewaltfreien Kommunikation, von einer humanistischen Variante der Hypnotherapie, von der Gestalttherapie bzw. dem Psychodrama, von der NLP-Arbeit und von der Reichianischen Atemarbeit (Rebirthing, Holotrophes Atmen usw.) beeinflusst. Read More „Was ist mein gegenwärtiger therapeutischer Stil?“

Wieso ist Humanistische Psychotherapie ein emanzipatorisches Verfahren?

Die humanistische Psychotherapie strebt an, als Teil der öffentlichen Gesundheitsversorgung zur Approbationsausbildung und zur Abrechnung über die Krankenkassen zugelassen zu werden. Sie versteht sich als Verfahren zur Heilung oder Linderung psychischer Krankheiten. Dabei geht sie davon aus, dass anhaltendes psychisches Leid ein Resultat multipler Entfremdungen ist, die wiederum Aspekte sozialer Verwerfungen auf der gesellschaftlichen Ebene sind. Read More „Wieso ist Humanistische Psychotherapie ein emanzipatorisches Verfahren?“

Was sind „Korrektive Erfahrungen“?

In der humanistischen Psychotherapie hat der Patient die Möglichkeit, in der Interaktion mit dem Therapeuten alternative, korrektive Beziehungsmuster zu erleben, die geeignet sind, pathogene Beziehungserfahrungen zu verändern, vor allem dann, wenn die therapeutische Beziehung im Rahmen einer Langzeittherapie zu einer längerfristigen, vertieften Bindungserfahrung wird. Read More „Was sind „Korrektive Erfahrungen“?“

Was versteht man darunter, die Emotionen zu „halten“?

Patienten kommen in eine Psychotherapie, weil sie mit ihren Gefühlen nicht zurechtkommen. Sie leiden unter schwer erträglichen (manchmal dissoziierten oder somatisierten) Gefühlen von Trauer, Schmerz, Wut, Scham oder Angst, oder unter einem noch schwerer erträglicheren Zustand der Gefühllosigkeit, in dem aus Angst vor Überflutung manche oder alle Emotionen wie betäubt sind. Durch traumatische Überlastungen oder pathogene Beziehungsverstrickungen waren oder sind die Patienten mit Gefühlen konfrontiert, die sie weder verarbeiten noch angemessen regulieren können. Sie schwanken zwischen Überflutung und Abspaltung, zwischen Ausagieren und Vermeiden dieser Gefühle. Read More „Was versteht man darunter, die Emotionen zu „halten“?“

Antworten auf Interviewfragen von Jens Lubbadeh, Redakteur Wissen/Science Editor, Welt am Sonntag

Was kann therapeutische Hypnose? Für wen empfiehlt sich Hypnotherapie?

Eine therapeutische Hypnose macht Sinn, wenn auch anderen Methoden von Psychotherapie Sinn machen, d. h. bei allen psychischen Störungen mit Krankheitswert.

Was kann sie nicht?

Sie kann nicht zaubern. Read More „Antworten auf Interviewfragen von Jens Lubbadeh, Redakteur Wissen/Science Editor, Welt am Sonntag“

Keine Preise für Gewalt! Kein Preis für den Film Elternschule! von Angela Ohlendorf

Der Film Elternschule,  ist für den Grimme-Preis nominiert. Ein Fakt, der eine Welle der Empörung ausgelöst hat. Unter dem Hashtag „keinepreisefürgewalt“ und „keinpreisfürgewalt“ protestieren tausende von Menschen in den Sozialen Medien. Ein Aufruf an die hiesigen Medien, eine öffentliche sachliche Diskussion zu führen, blieb bisher erfolglos. Bereits als der Film im Oktober 2018 in die Kinos kam, wurde der Film sehr stark kritisiert. Read More „Keine Preise für Gewalt! Kein Preis für den Film Elternschule! von Angela Ohlendorf“

Was sind Ich-syntone Störungen?

Nicht alles, was einem Patienten oder dessen sozialem Umfeld (und damit indirekt auch wieder dem Patienten) Probleme bereitet, ist dem Patienten als Problem bewusst. Manches nimmt er gar nicht wahr, anderes erscheint ihm als selbstverständlich („das machen doch alle“, „so war ich schon immer“), oder nicht als Problem („so bin ich nun mal“). Wir sprechen hier von Ich-syntonen Störungen, also von Leid aufrechterhaltenden Beziehungsmustern, die mit den momentanen Normen und Werten des Patienten übereinstimmen. Read More „Was sind Ich-syntone Störungen?“

Was versteht man unter der „selektiven Authentizität des Therapeuten“?

Insbesondere im Bereich von Struktur- und Bindungsstörungen setzt ein nachhaltig wirksamer psychotherapeutischer Transformationsprozess voraus, dass der Therapeut sich dem Patienten gegenüber dauerhaft auf eine Weise verhält, die eine authentische Akzeptanz und Wertschätzung dem Patienten gegenüber als Person zum Ausdruck bringt (Eckert et al 2012, Keil & Stumm 2002, 2014). Read More „Was versteht man unter der „selektiven Authentizität des Therapeuten“?“

Was heißt „Moderation von Interaktionen“?

Der Therapeut ist nicht nur in die verbalen und nonverbalen, bewussten und unbewussten Interaktionen mit dem Patienten eingewoben, er moderiert auch aktiv und gegebenenfalls ritualisierend auf reflektierende oder vorbereitend-einübende Weise die inneren und äußeren Interaktionen des Patienten, um Transformationen von Beziehungsmustern anzustoßen und sie einer emotionalen Verarbeitung und wenn möglich einer alltagspraktischen Neugestaltung zuzuführen. Das kann entweder auf der Gesprächsebene geschehen oder durch Rollenspiele oder unter Einbeziehung von imaginativen oder körperorientierten Techniken. Read More „Was heißt „Moderation von Interaktionen“?“

Was versteht man unter Emotionsfokussierung und Erlebensorientierung?

  • Humanistische Psychotherapie versteht sich als emotionsfokussierendes Verfahren (Elliott 2007, Greenberg 2016). Das bedeutet, dass die Emotionen (Gefühle, Affekte, Empfindungen) als Thema und Inhalt im Mittelpunkt der Psychotherapie stehen. Auch die transformativen Techniken der humanistischen Psychotherapie sind auf das Thematisieren, Reflektieren und Verarbeiten oder Weiterentwickeln von emotionalen Reaktionen auf dem Hintergrund habitueller Interaktionsmuster fokussiert.
  • Humanistische Psychotherapie versteht sich als erlebensorientiertes Verfahren. Das heißt, dass sowohl die Probleme und Themen des Patienten als auch der Prozess der Verarbeitung und Überwindung derselben in der Therapie unmittelbar erlebbar gemacht werden. Das kann entweder durch Aktivieren und Fokussieren der Achtsamkeit oder mithilfe von Imaginationsübungen, Rollenspielen, Körperwahrnehmungs- oder Ausdrucksarbeit usw. geschehen (AGHPT 2010-1).

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Wie geht das Erschließen unbewusster Motivationen?

Patienten kommen zur Psychotherapie, weil sie merken, dass sie unter bestimmten Anteilen ihrer Gefühlswelt, ihrer Beziehungen, ihrer Gedanken, ihres Verhaltens oder ihrer körperlichen Regulationsprozesse leiden. Sie leiden unter Gefühlen, die sie nicht loswerden, unter Verhaltensweisen oder Beziehungsverwicklungen, denen sie sich nicht entziehen können, oder unter Körperreaktionen, denen sie sich ausgeliefert fühlen. Read More „Wie geht das Erschließen unbewusster Motivationen?“

Was ist Sex-Sucht?

Symptome von Sex-Sucht

Wenn man sexsüchtig ist, dann hat man, wenn man keinen Sex hat, psychische Entzugserscheinungen (Unruhezustände, Angst, depressive Verstimmungen, Selbstmordgedanken, das Verlangen nach weiterem Sex), manchmal sogar körperliche Entzugserscheinungen (Unruhe, Schweißausbrüche, Zittern, Schwächegefühl, Gliederschmerzen, Magenkrämpfe, Muskelzittern, Brechreiz, Kreislaufstörungen, Tränenfluss). Read More „Was ist Sex-Sucht?“

Was ist Achtsamkeit am Rande des Gewahrseins?

Die Achtsamkeit und das Gewahrsein des Psychotherapeuten und des Patienten richten sich nicht nur auf die offensichtlichen kognitiven Inhalte, die im Gespräch geäußert werden, und auch nicht nur auf das, was beide an nonverbalen Äußerungen beim anderen und bei sich selbst oder in sich an Gefühlsregungen, Impulsen und Fantasien unmittelbar wahrnehmen, sondern auch auf Erlebnisebenen am Rande des Gewahrseins, die zunächst nur vage wahrnehmbar, aber noch nicht konzeptuell, symbolisch oder begrifflich gefasst werden können (Gendlin 2012, Gendlin & Wiltschko 2007, Weiser-Cornell 2013). Read More „Was ist Achtsamkeit am Rande des Gewahrseins?“

Was heißt „intuitives Erfassen von Interaktionsmustern“?

Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die ein humanistischer Psychotherapeut entwickelt haben muss (neben der Fähigkeit zur Empathie und zur Selbst-Zurücknahme) ist die Fähigkeit, Beziehungsmuster zu erfassen. Mustererkennung geht über psychopathologische Diagnostik hinaus. Beziehungsmuster sind vielfältig und vielgestaltig, manche tauchen nur passager oder situationsspezifisch auf, sie können durch standardisierte Tests oder Fragebögen in ihrer Komplexität nicht erfasst werden. Read More „Was heißt „intuitives Erfassen von Interaktionsmustern“?“

Was ist die hermeneutische Spirale?

Das Verstehen des Patienten zielt auf die Person des Patienten als Einheit, in seiner Ganzheit. Einen isolierten, einzelnen Satz, den ein Mensch sagt, eine einzelne Geste, einen einzelnen Körperausdruck kann man für sich genommen nicht verstehen. Wenn man einen Menschen zum ersten Mal sieht, und er sagt z.B.: „Mein Leben ist gerade nicht einfach“, oder er seufzt oder lässt die Schultern hängen, dann kann das vieles bedeuten. Die Bedeutung einzelner Sätze oder Gesten ergibt sich erst aus dem Zusammenhang. Man muss zumindest einiges von der ganzen Person des anderen wissen und verstanden haben, bevor man einzelne Sätze oder Körperausdrücke verstehen kann. Das Ganze der Person wiederum versteht man erst allmählich durch einzelne Äußerungen hindurch. Read More „Was ist die hermeneutische Spirale?“

Was ist die Simonton-Methode?

Carl Simonton und die Psycho-Onkologie

Im März 1998 hatte ich im Rahmen eines Seminars die Gelegenheit, Carl Simonton M.D. kennenzulernen. Simonton gilt seit seinem 1981 erschienenen Buch „Wieder gesund werden“ international als Begründer und der Repräsentant der psychologischen Krebstherapie mit Hypnose- und Selbsthypnosetechniken.

Um es gleich vorwegzunehmen: die Bedeutung Carl Simontons liegt nicht darin, daß er „die“ Technik entwickelt hätte, um Krebs psychotherapeutisch zu heilen. Auch wenn viele Teilnehmer sicher insgeheim mit dieser Hoffnung zu dem Seminar gekommen waren, Simonton hat den Stein der Weisen der psychotherapeutischen Krebsheilung nicht gefunden. Er benutzt noch nicht einmal ganz besondere, speziell ausgetüftelte Methoden. Er arbeitet vielmehr mit weit verbreiteten und in der Psychotherapie gut bekannten Techniken. Er war lediglich einer der ersten, der sich getraut hat, diese Methoden auf die Arbeit mit Krebskranken anzuwenden. Read More „Was ist die Simonton-Methode?“

Was heißt Entfremdung?

Eine intersubjektive, dialogische, personzentrierte Haltung einzunehmen beziehungsweise sich immer wieder darum zu bemühen ist so etwas wie die Wertschätzung des Friedens, der Demokratie, der Menschenwürde, der Gleichberechtigung, der Inklusion oder der sozialen Gerechtigkeit. Jeder vernünftig (also nicht rechtspopulistisch) denkende Mensch würde all das für selbstverständlich halten. Es scheint gar nicht der Rede wert zu sein, sich damit zu beschäftigen. Dennoch ist die konkrete Umsetzung humanistischer Werte im täglichen Leben und besonders in der Arbeit mit Menschen gerade in Zeiten des weltweiten Wiedererstarkens antipluralistischer und aggressiv-autoritärer Orientierungen notwendiger denn je, aber in der Praxis manchmal eine recht diffizile Angelegenheit. Read More „Was heißt Entfremdung?“

Was ist Phänomenologisches Verstehen?

Humanistische Psychotherapie kann verstanden werden als verstehende Auseinandersetzung, als Verstehen von Auseinandersetzungen, als Auseinandersetzung um zu Verstehen, als Veränderung durch Verstehen und als Hilfe zum Selbstverstehen.

Patienten kommen zur Therapie, wenn sie unter etwas leiden, das sie nicht verstehen. Sie fühlen sich eigenen Gefühlen und Reaktionen ausgeliefert. Innere Konflikte, Mangelzustände und leidvolle Identifizierungen werden in der humanistischen Psychotherapie verarbeitet, indem Patient und Therapeut gemeinsam versuchen zu verstehen, worum es eigentlich geht. Dabei bemüht sich ein humanistischer Psychotherapeut, in seinem Verstehen nahe am Erleben des Patienten und an seinem eigenen Erleben zu bleiben (Rogers 2014). Read More „Was ist Phänomenologisches Verstehen?“

Was sind die „Ebenen“ einer Interaktion?

Patient und Therapeut sind im psychotherapeutischen Prozess gegenseitig aufeinander bezogen, und zwar bewusst und unbewusst, kognitiv, emotional und vegetativ. Die Interaktion zwischen Patient und Therapeut findet nicht nur auf der kognitiven Ebene der sprachlichen Inhalte statt. Auch die Gefühle, die psychovegetativen Regulationsprozesse, die Fantasien, Impulse und Intentionen interagieren miteinander. Patient und Therapeut kommunizieren durch Worte, aber auch durch ihre Stimmlage, ihr Sprechtempo, ihre Körperhaltung, ihre Mimik und ihre Ausdrucksgesten miteinander (Storch et al 2010, Fogel 2013). Read More „Was sind die „Ebenen“ einer Interaktion?“

Was ist Humanistische Hypnotherapie?

Humanistische Hypnotherapie ist eine spezielle Anwendung von therapeutischer Hypnose im Rahmen der Humanistischen Psychotherapie.

Im Folgenden ist die Rede von „dem Patienten“, das kann sowohl eine Frau als auch ein Mann als auch ein/e Transgender sein.
Im Folgendem ist die Rede von „dem Thema“ des Klienten, das kann sowohl ein Symptom als auch ein Problem oder eine Frage oder ein Trauma des Klienten sein. Read More „Was ist Humanistische Hypnotherapie?“

Was versteht man unter aus „dialogischer Auseinandersetzung“?

In der Humanistischen Psychotherapie wird die Patient-Therapeut-Beziehung verstanden als dialektische, dialogische Auseinandersetzung in einem kooperativen Such-, Orientierungs- und Bewältigungsprozess.

Was ein Mensch fühlt und was sein Erleben für ihn bedeutet, wird in der humanistischen Psychotherapie intersubjektiv in einem fortgesetzen Dialog in Empathie und Introspektion erkundet. Das setzt eine Haltung der Offenheit auch für Unerwartetes, sowie wohlwollendes Interesses auf Basis eines grundlegenden Nichtwissens voraus. Ein humanistischer Psychotherapeut fokussiert sich auf das, was der Patient und der Therapeut in diesem Moment erleben, was zwischen ihnen geschieht, und was das für beide bedeutet. Read More „Was versteht man unter aus „dialogischer Auseinandersetzung“?“

Was versteht man unter der Ko-Konstruktion einer therapeutischen Beziehung?

Der Interaktionsprozess der Patient-Therapeut-Beziehung wird von beiden Beteiligten gemeinsam ko-konstruiert. Es kann nicht exakt unterschieden werden, was darin durch die bewussten Handlungen oder unbewussten Motivationen des Patienten oder die des Therapeuten erzeugt oder bestimmt ist. Es handelt sich um ein gemeinsam gestaltetes und sich selbst gestaltendes Kommunikationsfeld. Read More „Was versteht man unter der Ko-Konstruktion einer therapeutischen Beziehung?“

Wie ist das Verhältnis von Involviertheit und Distanz?

Die zentrale Widerspruchsganzheit in der sich (wenn auch in asymmetrischer Weise) sowohl der Patient als auch der Therapeut als auch beide miteinander befinden, ist der Widerspruch zwischen emotionaler Involviertheit einerseits und reflektierender Distanz andererseits, zwischen interaktiver Musterwiederholung einerseits und ko-konstruierender Wahlfreiheit andererseits. Read More „Wie ist das Verhältnis von Involviertheit und Distanz?“

Was versteht man unter der Dialektik der Patient-Therapeut-Beziehung?

Die Beziehung zwischen Patient und Therapeut ist eine ganz besondere zwischenmenschliche Konstellation. Sie beinhaltet eine Reihe von spezifischen Widersprüchen (von denen einige weiter unten beschrieben werden), die nicht als logische Paradoxien oder als ausschließendes Entweder-Oder verstanden werden können, sondern als Dialektiken, bei denen jeweils eine Seite die andere ermöglicht und bedingt, und deren Reibung miteinander den Fortschritt des therapeutischen Prozesses hervorbringt. Read More „Was versteht man unter der Dialektik der Patient-Therapeut-Beziehung?“

Wie ist das Verhältnis zwischen Wahlfreiheit und Geworfenheit?

Existenzphilosophisch betrachtet hat der Mensch jederzeit die Möglichkeit, ja er kommt gar nicht darum herum, unter den zunächst bloß vorgefundenen Bedingungen seines Lebens durch fortgesetzte Wahl aus einem Spektrum von Möglichkeiten seine eigene Existenz zu gestalten und damit seine Existenzbedingungen mitzugestalten. Der Mensch ist geworfen in vielfältige Bedingungen, die er vorfindet, die er aber zugleich individuell und kollektiv reproduziert oder umgestaltet. Der Mensch ist bedingt und wahlfrei zugleich,geworfen in eine Welt, die er sich nicht aussucht, die er aber durch die Art, wie er sein Leben lebt, mitgestaltet und umgestalten kann (Bakewell 2016, Lévy 2002, Sartre 1993, Sartre 2000). Read More „Wie ist das Verhältnis zwischen Wahlfreiheit und Geworfenheit?“

Was ist Intersubjektivität?

In der humanistischen Psychotherapie versteht man die therapeutische Beziehung als intersubjektiven Prozess professioneller Auseinandersetzung mit den Problemen des Patienten.

Das intersubjektive, dialogische Verständnis wurde von humanistischen Psychotherapeuten bereits in den 1960 er Jahren betont, lange bevor es von nahezu allen anderen psychotherapeutischen Verfahren adaptiert wurde (Bohm 2017, Buber 1999, Doubrawa & Staemmler 2003, Friedmann 1987, Hycner 1989, Staemmler 2015, Wenck 2008, Yontef 1999 u.v.a.). Read More „Was ist Intersubjektivität?“

Was sind Beziehungsmuster?

In der humanistischen Psychotherapie geht es zentral um das Erkunden und Transformieren generalisierten Beziehungsmuster.

Unter Beziehung werden hier sowohl
dauerhafte Strukturen der Gestaltung des Kontakts mit anderen Menschen verstanden, als auch
– die Art und Weise, wie ein Mensch auf sich selbst (z.B. auf seine Identität, seine Überzeugungen, seinen Körper, seine Geschichte, seine Zukunftspläne usw.) bezogen ist, und auch
– die vielfältigen Interaktionen zwischen Anteilen der Persönlichkeit, die selbst wechselseitig und komplex aufeinander bezogen sind.

Manche Beziehungsmuster sind im unmittelbaren Erleben präsent, andere werden nur in ihren Auswirkungen erlebt, dann müssen die zugrundeliegenden Beziehungsmuster erst entschlüsselt und zugeordnet werden. Read More „Was sind Beziehungsmuster?“

Was ist Übertragung und Gegenübertragung?

Grundsätzlich handelt es sich bei den als „Übertragung“ und „Gegenübertragung“ bezeichneten Prozessen um Phänomene, die in jeder Form von Kontakt zwischen Menschen auftreten. Gemeint ist damit, dass alte Erfahrungenen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Bindungen, alte Gefühle, Erwartungen, Fantasien, Wünsche und Ängste in aktuellen Beziehungen reaktiviert werden.

Die vielfältigen Bezüge zwischen der alten Dynamik, so wie sie real damals gewesen ist, ihrer bewussten und unbewussten Verarbeitung und Interpretation durch die Beteiligten und den unterschiedlichen Formen ihrer Reaktivierung in aktuellen Interaktionen stellen ein komplexes System dar, in dem vielerlei Faktoren und Ebenen eine Rolle spielen. Das Grundprinzip ist jedoch recht einfach: Read More „Was ist Übertragung und Gegenübertragung?“

Was ist eine Psychose?

Eine Psychose ist eine schwere psychische Störung, die gekennzeichnet ist durch einen zeitweiligen oder dauerhaften tiefgreifenden strukturellen Wandel im Erleben des eigenen Ich und der Umwelt mit weitgehendem Verlust des Realitätsbezuges.

Psychosen werden unterteilt in: Read More „Was ist eine Psychose?“

Wie funktioniert klassische Hypnose?

Was ist klassische Hypnose?

Die klassische, direktive Hypnose war bis etwa in die 1980er Jahre weltweit die gebräuchliche, ja in der Regel die einzig bekannte Technik der Hypnose. Heute wird sie meistens gemischt mit den modernen Methoden der ericksonianischen Hypnose. Von manchen (insbesondere älteren) Hypnotherapeuten, im medizinischen Bereich, im Rahmen der Verhaltenstherapie und in der klinischen Forschung wird die klassische Hypnose auch heute häufig noch unverändert angewandt.

Read More „Wie funktioniert klassische Hypnose?“

Was ist Borderline?

Vorbemerkungen

Den Begriff „Borderline“ verstehe und verwende ich weniger im Sinne der Diagnose einer psychischen Störung bzw. Krankheit, also einer individualisierenden Etikettierung, sondern eher als Bezeichnung einer psychischen Dynamik, also einer allgemein menschlichen Reaktionsmöglichkeit, einer existenziellen Funktions- und Erlebensebene. Read More „Was ist Borderline?“

Wie wirkt sich Migration auf psychische Probleme aus?

Eine junge Frau, 22 Jahre, kommt zum ersten mal in eine psychotherapeutische Sprechstunde. Sie ist Migrantin der 3. Generation, ihre Großeltern kommen aus dem Iran. Sie hat bis vor kurzem Englisch und Geschichte für das Lehramt studiert. Sie war ein Jahr lang mit einem Iraner zusammen. Vor drei Monaten haben die beiden begonnen, ihre Hochzeit vorzubereiten. Das Brautkleid wurde gekauft, die Lokalitäten wurden reserviert. Plötzlich und für sie völlig unerwartet sagte der Mann, dass er sie doch nicht heiraten wolle, weil sie ihm »zu schwierig« sei.  Seitdem ist sie am Boden zerstört. Read More „Wie wirkt sich Migration auf psychische Probleme aus?“

Wie funktioniert Wahrsagen und Hellsehen?

„Wahrsager“, „Hellseher“ und „Mentalisten“ arbeiten mit einer Psychotechnik, die als „Cold Reading“ bezeichnet wird. Sie erwecken damit Eindruck, z.B. Gedanken lesen zu können oder etwas über die Vergangenheit oder die Zukunft des Kunden zu wissen. Es handelt sich um eine Kommunikationstechnik auf Basis von Pacing und Kalibrierung, also nicht um etwas Übernatürliches, sondern um die praktische Anwendung eines Sets von psychologischen Techniken bzw. um ein „Spiel“, in dem man so tut, als könne man etwas über einen anderen Menschen sagen, was man eigentlich nicht wissen kann, weil man ihn noch nie gesehen hat. Read More „Wie funktioniert Wahrsagen und Hellsehen?“

Wie kann ein Psychotherapeut seine PatientInnen verstehen?

In vielen Formen von Psychotherapie geht es ganz zentral um Verstehen. Patienten kommen zur Therapie, weil etwas mit Ihnen los ist, das sie nicht verstehen. Sie fühlen sich ihren eigenen Gefühlen und Reaktionen ausgeliefert, ihrer Angst, ihrer Eingeengtheit, ihrer Niedergeschlagenheit, ihrem Schmerz. Sie verstehen nicht, was mit Ihnen los ist und finden keinen Ansatzpunkt, um ihrem Leid zu entkommen. Psychotherapie ist Verstehen und Veränderung, ja Veränderung durch Verstehen und durch Hilfe zum Selbstverstehen. Read More „Wie kann ein Psychotherapeut seine PatientInnen verstehen?“

Wie wirken Psychopharmaka?

Psychopharmaka sind psychisch wirksame Medikamente. Sie beeinflussen die biochemische Prozesse im Gehirn und bewirken dadurch eine Veränderung des psychischen Zustandes. Im Folgenden möchte ich einen Überblick und Basisinformationen über die Wirkungen der verschiedenen Psychopharmaka-Gruppen geben. Read More „Wie wirken Psychopharmaka?“

Was ist Resonanz?

„Resonanz ist das Versprechen der Moderne – Entfremdung ist ihre Realität.“
Hartmut Rosa

Resonanz

In seinem aktuellen Buch „Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung“ (Suhrkamp Verlag Berlin 2016) beschreibt der Jenaer Professor für allgemeine und theoretische Soziologe Hartmut Rosa Resonanz und Entfremdung als allgemeine Formen der Weltbeziehung. Read More „Was ist Resonanz?“

Macht der Kapitalismus depressiv?

Was der Frankfurter Soziologe und Psychoanalytiker Martin Dornes in seinem neuesten Buch „Macht der Kapitalismus depressiv? Über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften“ (Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016) schreibt, gefällt mir politisch gar nicht. Es handelt sich um eine durch eine Flut von Daten gestützte Polemik gegen einen verbreiteten gesellschaftskritischen Ärger, der behauptet, dass es uns im Zuge der Entwicklung des Neoliberalismus psychisch immer schlechter geht. Dornes stellt diese Theorie infrage.

Seine Gegenthese lautet, dass die Verbreitung und Intensität psychischer Krankheiten in Deutschland in den letzten Jahrzehnten im Großen und Ganzen konstant geblieben sei. Die teilweise markante Zunahme bestimmter Diagnosen, z.B. Depressionen, Burnout, ADHS, narzisstische und Borderline-Störungen, Traumafolgestörungen usw. führt Dornes auf eine gesteigerte Sensibilität der Diagnostiker gegenüber diesen Störungen sowie auf eine vorher nach seiner Meinung vorhanden gewesene Unterdiagnostik zurück.

Die Analyse von Dornes kontrastiert mit meinen Erfahrungen aus meiner 30jährigen klinischen psychotherapeutischen Praxis, die, soweit ich aus Gesprächen mit Kollegen erkennen kann, von vielen Psychotherapeuten geteilt wird, und die auf eine massive Zunahme der sozial bedingten Stressbelastung bei den Patienten, die wir sehen, mit den entsprechenden psychischen Folgeerscheinungen hinweist. Allerdings bin ich weder Wissenschaftler noch Epidemiologe und kann daher nicht auf empirisch abgesicherte Daten und Studien verweisen, sondern nur auf das, was ich tagtäglich in meiner Praxis erlebe. Eigenartigerweise scheint nämlich das, was die Patienten ihren Psychotherapeuten (zumindest mir) nachvollziehbar berichten, nicht mit den empirischen Daten (die Dornes anführt) übereinzustimmen.

Mit großem empirischen und argumentativen Aufwand verteidigt Dornes die Theorie der individualpsychologischen Genese von psychischen Störungen als Persönlichkeitsmangel relativ unabhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen, so wie es von der Mainstream-Psychoanalyse vertreten wird. Die Ursachen psychischen Leids sind seiner Meinung nach nicht in den gesellschaftlichen Bedingungen und schon gar nicht in zunehmender Arbeitsbelastung zu sehen (wie von vielen Zeitkritikern behauptet wird), sondern vielmehr im Individuum, d.h. in seiner unzulänglichen Verarbeitung sozialer Belastungen.

Nach Dornes habe der Neoliberalismus mit einigen [aber durchaus gravierenden, W.E.] Ausnahmen [z.B. zunehmende Arbeitslosigkeit, Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich, W.E.] die Lebensbedingungen der Menschen in den hoch entwickelten kapitalistischen Ländern nicht verschlechtert, sondern vielmehr verbessert.

[Ich möchte dem entgegenstellen, dass diese unbestreitbare Verbesserung (auch den unteren Schichten in Deutschland geht es heute deutlich besser als beispielsweise in den 1950 er Jahren) nur auf Kosten der gnadenlosen Ausbeutung der ökologischen, ökonomischen und menschlichen Ressourcen in der Dritten Welt realisiert werden konnte. Die indirekten Auswirkungen dieses rücksichtslosen globalisierten Raubtierkapitalismus sehen wir heute in den sozialen, politischen und gesundheitlichen Katastrophen vor allem in den Armutsregionen Afrikas, Asiens und Südamerikas sowie indirekt in der Flüchtlingswelle, die letzten Endes auf den auf Betrug beruhenden Überfall von George W. Bush auf den Irak und die beginnenden klimatischen Veränderungen in Nordafrika aufgrund der Erderwärmung (und in der Folge Wasserknappheit) zurückzuführen ist. W.E.]

Dornes zitiert diverse epidemiologische Studien nach denen die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in den letzten 30 Jahren Jahren im Mittel bei Erwachsenen bei 27 %, bei Kinder und Jugendlichen bei 17 % liege. Dabei habe die Erkrankungshäufigkeit in den letzten 30 Jahren nicht zugenommen, sondern sei im Großen und Ganzen gleichgeblieben. In der Erkrankungshäufigkeit gab es für praktisch alle Störungsbilder, also bei Depressionen, Süchten, Eststörungen, Psychosen usw. nach dem Zweiten Weltkrieg einen Anstieg, der sich aber nach 1975 bis heute (2016) nicht fortgesetzt habe. Auch im Osten Deutschlands sei es nach der Wende 1989 trotz aller sozioökonomischer Verwerfungen nicht zu einer Zunahme der Gesamtanzahl psychischer Erkrankungen gekommen.

Die Suizidrate sei nach dem Zweiten Weltkrieg bis etwa 1980 gestiegen, danach aber wieder gefallen, und sie falle weiter. Was den Alkoholkonsum betrifft, sei Deutschland zwar nach wie vor ein Hochkonsumland, aber der Konsum gehe kontinuierlich zurück, ebenso die alkoholbezogene Sterblichkeitsrate.

Die Idee, dass im „klassischen“ (fordischen, tailoristischen) Kapitalismus seit dem Zweiten Weltkrieg bis ungefähr in die siebziger Jahre die psychischen Erkrankungen geringer gewesen seien als heute, bezeichnet Dornes als „nostalgische Mystifizierung der guten alten Zeiten“, die es so nie gegeben habe.

Untersuchungen, wie beispielsweise in dem Buch „Gleichheit – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“ von Wilkinson und Pickett (Haffmans & Tolkemitt 2016), aus denen hervorgehen, dass sozialökonomische Ungleichheit durchweg zu einer Zunahme psychischer Störungen führe, führt Dornes auf eine selektive Auswahl der untersuchten Länder zurück. [Ich habe das zitierte Buch gelesen und fand seine Thesen empirisch außerordentlich gut empirisch belegt.]

Wenn man die Anzahl der Diagnosen einer Störung unmittelbar als Indikator der Zu- bzw. Abnahme der Erkrankungsrate interpretieren würde, müsste man, so Dornes, auch glauben, dass sich in den Vereinigten Staaten die Zahl der Autisten in den letzten 20 Jahren verzwanzigfacht und die der bipolar gestörten Kinder in zehn Jahren vervierzigfacht habe. Nach Dornes habe in Wirklichkeit in dieser Zeit lediglich die diagnostische Aufmerksamkeit für diese Störungen zugenommen.

Es sei heutzutage leichter, mit einer psychischen Erkrankung frühverrentet zu werden als etwa mit Krebs oder mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, was lediglich auf die veränderte Begutachtungspraxis zurückgehe.

Die Idee, dass der spätmoderne Mensch aufgrund pausenloser Erreichbarkeit z.B. via Smartphone gestresster sei als früher, was zu einer Zunahme psychischer Störungen führe, gehe auf „dramatisierte Berichterstattung“ zurück, sei irreführend und falsch, denn nur wenige Menschen seien „ständig erreichbar“ [was allerdings gar nicht mit den Erfahrungen praktisch aller meiner Patienten, Bekannten und auch meiner Wenigkeit übereinstimmt, W.E.].

Auch die Idee, dass die Arbeitsbelastung in den letzten Jahrzehnten angestiegen sei, sei eine „Fehlwahrnehmung“. Es fühlten sich nur wenige Menschen von ihrer Arbeit überfordert, und darüber hinaus weniger als noch vor einigen Jahrzehnten. Etwa die Hälfte von 1700 Betriebsräten bezeichneten beispielsweise die Arbeitsbedingungen in ihren Betrieben als „gut“. Außerdem sei auch Unterforderung mit Arbeit und Langeweile bei der Arbeit („Bore-out“) für relevant viele Menschen ein Problem. „Zeitdruck“ in der Arbeit bedeute oft lediglich „ein schlechtes Verhältnis zum Vorgesetzten“ (S. 51).

Burnout hänge primär „von der Persönlichkeitsstruktur ab“ und nicht von den Arbeitsbedingungen (ebenda), daher sei es effektiver, den Individuen beizubringen, wie sie besser mit Stress umgehen könnten, statt die Arbeitsbedingungen zu verändern: „Verhaltensänderung … ist wirksamer als Verhältnisänderungen“ (ebenda). [Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob Dornes sich eine körperlich, psychisch oder emotional anstrengende, sehr monotone oder stark gesundheitsbelastende Arbeit, die zu Burnout führen kann, möglicherweise nicht vorstellen kann. W.E.]

Im Laufe der letzten 60 Jahre könne man innerhalb Deutschlands keine Zunahme stressbedingter Symptome finden. Dass die Burnout-Diagnosen sich von 2000 bis 2011 verzwölffacht (!) haben, ginge ebenfalls auf eine gesteigerte diagnostische Sensibilisierung zurück. [Auch wenn es einen solchen Sensibilisierungseffekt geben mag, erscheint es mir doch vermessen, den drastischen Anstieg der Burnout-Diagnosen ausschließlich auf diesen zurückzuführen. Ich habe – bei allem Respekt – den Eindruck, dass Dornes die Daten so zurechtbiegt, dass sie seine Hauptthese bestätigen. W.E.]

Weil sich in den letzten 15 Jahren die Zahl der Psychotherapeuten in Deutschland verdoppelt hat, geht Dornes von einer „angebotsinduzierten Nachfrage“ aus: sei ein Angebot erst einmal da, werde es auch frequentiert (S. 58).

Die Zahl der Diagnosen bestimmter Störungen sei stark von den lokalen Versorgungsgrad bezüglich dieser Störungen abhängig. Beispielsweise sei auffällig, dass in Gegenden, in denen Hochburgen der ADHS-Forschungen und -Behandlung angesiedelt seien, die Zahl der ADHS-Diagnosen weit überdurchschnittlich hoch seien. Das selbe treffe auf die Depressionsziffern zu.

Im Gegensatz zu den Thesen von z.B. Ehrenberg und Byung-Chul Han fördere der Neoliberalismus Depressionen nicht. Depressionen seien in typischen neoliberalen Gesellschaften wie den USA nicht häufiger als beispielsweise in den nordeuropäischen „Sozialstaatsparadiesen“ und habe in beiden Ländern seit den siebziger Jahren nicht zugenommen.

Die drastische Zunahme der Depressionsdiagnosen (die sich zwischen 2002 und 2013 verdoppelt haben) und des Verbrauchs von Antidepressiva (2013 wurden 6 % der Erwerbspersonen in Deutschland mit Antidepressiva behandelt), wie auch von Stimulanzien wie Ritalin (dessen Verbrauche sich seit 2000 in Deutschland verzehnfacht hat) sei zwar unstrittig, gehe aber ebenfalls auf einen Ausgleich einer vorherigen Unterdiagnostik und medikamentösen Unterversorgung sowie auf eine gesteigerte diagnostische Sensibilität zurück, nicht aber auf eine Steigerung der tatsächlichen Erkrankungsraten.

Darüber hinaus habe eine schwedische Studie belegt, dass die Vervielfachung der Verschreibung von Antidepressiva mit einer Reduktion der Suizidrate um 25 % einherging. Der Verbrauch von Beruhigungsmitteln (z.B. Valium) sei dagegen in Deutschland seit 1993 rückläufig.

Auch der in der Presse oft „skandalisiert“ beschriebene „Zerfall der Familie“ sei keineswegs nur negativ zu bewerten, sondern auch als Fortschritt im Sinne einer Integration der Frauen in die Arbeitswelt, verbesserter Arbeits- und Erziehungsbedingungen usw. Eltern hätten noch nie so viel Zeit mit ihren Kindern verbracht wie heute (S. 84).

Die Arbeitswelt und die Situation der Familien habe sich mit der Herausbildung des Neoliberalismus nicht verschlechtert, sondern verbessert, was Dornes mit diversen Bezugsgrößen belegt (z.B. Abnahme schwerer körperlicher und monotoner Arbeit, Abnahme des allgemeinen Krankenstandes, Zunahme der Rentenbezugssdauer usw.)

Dass zwischen 2002 und 2012 die Fälle von Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychischen Diagnosen sowie die Arbeitsunfähigkeitstage und die Früh- bzw. Invaliditätsberentung wegen psychischer Diagnosen erheblich zugenommen haben, führt Dornes wiederum auf einen Einstellungswandel in Bezug auf psychische Leiden und „die zunehmende Bereitschaft“ zurück, „sich deswegen diagnostizieren, krankschreiben, behandeln und berenten zulassen“ (S. 86).

Diverse gesellschaftliche Bedingungen wie etwa die Integration Homosexueller, unehelicher Mütter und Kinder, die Abnahme häuslicher Gewalt und weiblicher Suizide, das Verbot der Prügelstrafe in den Schulen, die Zulassung der Abtreibung, verbesserte Bildungschancen für Arbeiterkinder und Mädchen, verbesserte medizinische Behandlungsmöglichkeiten, Abnahme der relativen Armutsquote, usw. hätten sich in den letzten 30 Jahren erheblich verbessert (S. 87 ff). Weltweit habe die neoliberale Globalisierung zu einer Abnahme der Einkommensunterschiede zwischen erster und dritter Welt geführt [was Daten über das zunehmende, weltweite Auseinanderdriften der Schere zwischen armen und reichen Ländern sowie zwischen dem Besitz der Superreichen und dem der Ärmsten der Welt allerdings diametral widerspricht, W.E.].

Auch die Situation der Menschenrechte, der Minderheitsrechte und der Geschlechtergleichstellung habe sich verbessert, das Nord-Süd-Gefälle und die Armut in den Entwicklungsländern habe abgenommen, die Demokratie in den Entwicklungsländern habe zugenommen. [Ich weiß nicht, ob die Opfer von Boko Haram und des IS hier zustimmen würden. Und wieso erleben wir dann zurzeit eine gigantischen Flüchtlingswelle aus den nordafrikanischen Ländern?]

Dass bestimmte Ängste, z.B. die Angst vor sozialem Abstieg, zugenommen habe, gehe in Wirklichkeit darauf zurück, dass vorher viele Menschen sozial aufgestiegen sein. Dagegen seien andere Ängste wie z.B. die Angst vor Nuklearkrieg zurückgegangen, so dass die „Summe der Angstgefühle“ nicht zugenommen habe (S. 102). [Wieso sehen wir dann zurzeit eine drastische Zunahme der Angst vor Terroranschlägen, sowie von Fremdenangst inklusive entsprechender Anschläge auf Flüchtlingsheime?]

Auch die Zunahme früher bzw. Persönlichkeitsstörungen sei „vielleicht“ nur ein Artefakt veränderter klinischer Diagnosegewohnheiten“ (S. 110).

Bei der oft berichteten Zunahme der psychischen Störungen handele es sich um eine bloß „gefühlte Zunahme“ und einen „Hype um die kranke Seele“ (S. 128).

Politisch sei die Suche nach einer Alternative zum Kapitalismus „verlorene Mühe“, vielmehr sollten wir uns auf „Veränderungspotenzial innerhalb des Kapitalismus konzentrieren“ (Seite 129).

Werner Eberwein

Wie ist der Stand der Planungen zum künftigen Direktstudium „Psychotherapeut/in mit Approbation“?

Am 22.9.2016 hielt Manfred Thielen, Sprecher des Ausschusses „Aus-, Fort- und Weiterbildung“ der Psychotherapeutenkammer Berlin im Rahmen einer Informationsveranstaltung zur Ausbildungsreform einen 40-minütigen Vortrag, in dem er den Stand der Planungen zum kommenden Direktstudium „Master-Psychotherapeut/in mit Approbation“ erläuterte.

Sie können den Vortrag >>hier online nachhören.

Hier einige zusammenfassende Stichworte dazu:

In diesem Spätsommer soll der Referentenentwurf zur Novellierung des Psychotherapeutengesetzes
(PsychThG) und zu einer neuen Approbationsordnung des Bundesministeriums für
Gesundheit (BMG) vorliegen. Die Vorstände und die DelegiertInnen der Bundes- (BPtK) und
der Landespsychotherapeutenkammern haben sich intensiv mit der Thematik beschäftigt,
und der Vorstand der BPtK und die Bund-Länder-AG haben entsprechende Eckpunkte zur
Novellierung, Approbationsstudium und Weiterbildung vorgelegt. Wegweisend sind dabei die
Beschlüsse des 25. Deutschen Psychotherapeutentages (DPT), der Delegiertenversammlung
der BPtK, vom November 2014. Dort wurde beschlossen, dass es ein
Direktstudium Psychotherapie geben soll, in dem die vier Grundorientierungen der
Psychotherapie – verhaltenstherapeutisch, psychodynamisch, systemisch und humanistisch
– gleichberechtigt und mit Strukturqualität vermittelt werden sollen und mit einer Approbation
endet. Danach soll eine Weiterbildung erfolgen, in der die Fachkunde erworben werden
kann.
Die Eckpunkte beziehen sich auf 3 Bereiche: Novellierung des PsychThG, Approbationsstudium
und Weiterbildung.
Der Berliner Ausschuss „Aus-, Fort-, Weiterbildung“ (AFW) hat zu den Eckpunkten eine
eigene Stellungnahme entwickelt. Die kritischen Punkte der gegenwärtigen
Ausbildungsdiskussion werden im Folgenden kurz erläutert.
Novellierung: Bei der Auseinandersetzung um die Novellierung des PsychThG geht es vor
allem um eine Neufassung der Legaldefinition Psychotherapie und die Rolle des
Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP). Auf der Bundesebene scheint die
Aufhebung der Bindung der psychotherapeutischen Tätigkeit an „wissenschaftlich
anerkannte Verfahren“ Konsens zu sein, im AFW wird sie kontrovers diskutiert. Nach § 11
des PsychThG kann eine jeweilige Landesbehörde bei Zweifeln über die
Wissenschaftlichkeit eines Psychotherapieverfahrens den Wissenschaftlichen Beirat
Psychotherapie (WBP) beratend heranziehen. Wenn eine wissenschaftliche Anerkanntheit
eines Verfahrens durch den WBP nachvollzogen wurde, dann ist es berufsrechtlich
anerkannt und es kann darin die Fachkunde und die Approbation erworben werden. Die
Mehrheit des AFW hat sich für die Beibehaltung des WBP, aber für eine Wahl seiner
Mitglieder ausgesprochen.
Darüber hinaus wird kritisiert, dass die notwendigen Finanzierungsfragen, um das geplante
„Approbationsstudium“ durchführen zu können, nach wie vor vollständig ungeklärt sind.
Approbationsstudium: In den Eckpunkten wird von einem 6-semestrigen Bachelor (BA)-
Studium ausgegangen, auf das ein 5- semestriges Masterstudium (MA) folgt, das 1
Praxissemester beinhaltet und mit einem Staatsexamen endet. Der Ausschuss hält
insbesondere das MA-Studium für zu kurz, um ausreichend psychotherapeutische
Qualifikationen vermitteln zu können und fordert ein 12-semestriges Studium. Weiter tritt er
dafür ein, dass bereits im BA-Studium eine Ausrichtung auf Psychotherapie in Form von
Fallseminaren u.a. erfolgen soll. Im Eckpunktepapier wird hingegen von einem, durch
Praktika ergänztes, BA-Psychologie-Studium ausgegangen, das Psychotherapiestudium im
engeren Sinne soll erst im Masterstudium beginnen. Inhaltlich sollen bereits im BA-Studium
die vier Grundorientierungen gleichberechtigt vermittelt werden. Im Widerspruch dazu
steht allerdings, dass nach Auffassung des VS der BPtK die Hochschulambulanzen, in
denen die StudentInnen auch Praktikas bzw. Praxissemester machen können, nur „zwei
wissenschaftlich anerkannte Verfahren“ anbieten müssen. Für den Ausschuss ist dies nicht
konsistent mit den Beschlüssen des 25. DPT.
In den Eckpunkten wird darüber hinaus von „Selbstreflexion“ gesprochen, während sich der
AFW einhellig für den Begriff „Selbsterfahrung“ ausspricht. Die Selbsterfahrung wird als
wesentlicher Bestandteil der psychotherapeutischen Qualifikation angesehen. Mehrheitlich
wird die Position vertreten, Selbsterfahrung im Umfang von mind. 50 Std. im Studium
anzubieten.
Weiterbildung: In den Eckpunkten wird sie auf die „wissenschaftlich anerkannten Verfahren“
beschränkt. Die Mehrheit des AFW möchte sie aber für alle Grundorientierungen, auch die
Humanistische Psychotherapie, öffnen, während die Minderheit den Eckpunkten zustimmt.
Für eine Weiterbildung aus einer Hand setzt sich ebenfalls die Mehrheit ein. Die bisherigen
Ausbildungsinstitute, die jahrzehntelange Erfahrungen in der Ausbildung haben, sollten als
zukünftige Weiterbildungsinstitute ihr Curriculum zur verfahrensspezifischen Fachkunde
konsistent und kohärent anbieten.
In den Eckpunkten soll auf einer Basisweiterbildung von 200 Std. eine Verfahrensvertiefung
anknüpfen. Sie soll 400 Std. Theorie, 1.600 Behandlungsstunden mit 200
Stunden Supervision, 120 Stunden Selbsterfahrung umfassen. Die Mehrheit des AFW geht
er von deutlich niedrigeren Zahlen aus, nämlich 300 Stunden Theorie, mind. 600
Behandlungsstunden mit 125 Stunden Supervision, 120 Stunden Selbsterfahrung. Er
orientiert sich dabei im Wesentlichen an den Anforderungen zur Fachkunde der jetzigen
Ausbildung. Darüber hinaus unterstützt er natürlich die Forderung der PiA nach einer
angemessenen Vergütung ihrer Tätigkeit und fordert, dass die entsprechenden
Finanzierungsmöglichkeiten rechtssicher und verlässlich geschaffen werden.

25.07.2016
gez. Manfred Thielen, Sprecher des Ausschusses Aus,- Fort- Weiterbildung der PTK Berlin

Beruht die Theorie der Spiegelneuronen auf einer Überinterpretation neurobiologischer Befunde?

In seinem Buch »Warum wir verstehen was andere fühlen. Der Mythos der Spiegelneuronen« (Hanser Verlag München, 2015, 364 Seiten) bringt der renommierte Hirnforscher Gregory Hickock eine Reihe von ernstzunehmenden Argumenten gegen die zur Zeit unter Psychologen und Psychotherapeuten überaus verbreitete Theorie der Spiegelneuronen vor.

Hickock ist Professor für Verhaltensforschung an der Universität von Kalifornien. Dort leitet er das Center for Language Science und das Auditory and Language Neuroscience Lab. Hickock ist einer der profiliertesten Kritiker der Spiegelneuronentheorie. Read More „Beruht die Theorie der Spiegelneuronen auf einer Überinterpretation neurobiologischer Befunde?“

Was ist das Selbst?

„Das Selbst“ ist ein Begriff, der in der Psychologie mit vielen, teilweise unterschiedlichen Bedeutungen verwandt wird. In der Regel ist damit gemeint, dass und wie ein Mensch „sich selbst“ als einheitliches, autonom denkendes und handelndes Wesen wahrnimmt, also als ganze Person, als Persönlichkeit.

Von dem US-amerikanischen Psychologen William James stammt die Unterscheidung zwischen dem „Ich“ und dem „Mich“. Diese Unterscheidung wird deutlich z.B. in dem Satz: „Ich nehme mich wahr“. Read More „Was ist das Selbst?“

Was ist eine Reifikation?

Reifikation (gesprochen Re-ifikation mit Betonung auf dem „e“, auch Reifizierung) bedeutet Vergegenständlichung. Das Wort kommt vom lateinischen res = Sache und facere = machen. Gemeint ist eine geistige Operation, in der ein Prozess, eine Abstraktion oder ein Erleben so betrachtet und behandelt wird, als ob es ein konkreter Gegenstand sei.

Reifikationen sind in unserer Sprache und unserem Denken allgegenwärtig. Oft ist das nicht weiter problematisch, weil wir daran gewöhnt sind, in anschaulichen Bildern zu denken. An bestimmten Stellen führt das jedoch zu geistigen Verwirrungen, aus denen man kaum mehr herausfindet, wenn man das Prinzip der Reifikation nicht versteht. Read More „Was ist eine Reifikation?“

Sind die populären Interpretationen der Ergebnisse der Hirnforschung bloße Neuromythologie?

Beruht die Faszination für das, was uns in den letzten Jahren in diversen populären Veröffentlichungen und Kongressvorträgen als „Ergebnisse der Hirnforschung“ offeriert wurde möglicherweise auf einem grundlegenden und letztlich banalen Fehlschluss? Können Hirnforscher wirklich „dem Gehirn beim Denken zusehen“? Read More „Sind die populären Interpretationen der Ergebnisse der Hirnforschung bloße Neuromythologie?“

Was ist eine Auseinandersetzungskultur?

Eine Auseinandersetzungskultur ist die Fähigkeit von Menschen, sich mit sich selbst und mit anderen Menschen in einem respektvollen, konstruktiven, aber auch kritischen Dialog aufeinander zu beziehen in dem fortgesetzten Versuch, einander zu verstehen, sich selbst zu verstehen, dem anderen sich selbst mitzuteilen, das eigene vom anderen zu unterscheiden, aber auch das eigene mit dem anderen in Bezug zu setzen.

Was im optimalen Fall daraus entsteht, ist ein respektvoller, demokratischer Dialog, der Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede herausarbeitet, unterschiedliche Sichtweisen miteinander in Beziehung setzt, Differenzen verdeutlicht und gemeinsame Optionen eröffnet. Read More „Was ist eine Auseinandersetzungskultur?“

Was sind Paradiesfantasien?

Paradiesfantasien sind unrealistisch idealisierte Vorstellungen. Sie sind ungemein verbreitet in unserer narzisstischen Kultur:

  • In Reiseprospekten wird uns der perfekte Urlaubsort vorgegaukelt.
  • Dating-Portale und Liebesschnulzen suggerieren uns den idealen Partner.
  • Abnehm-Programme versprechen uns die ideale Figur.
  • Klamotten-Versandfirmen versprechen uns das perfekte Outfit.

Klingt gut und ist werbewirksam, stellt sich aber leider alles als unrealistisch heraus. Read More „Was sind Paradiesfantasien?“

Was sind die Symptome von Traumatisierungen?

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[av_textblock size=“ font_color=“ color=“]
Unter einem psychischen Trauma verstehen wir ein schreckliches, unerträgliches Ereignis oder eine Abfolge von schrecklichen Ereignissen, die in der Seele des Betroffenen nicht angemessen verarbeitet werden können, und die daher seelische Notfallmechanismen („Abwehrprozesse“) auslösen, so dass die traumatisierte Person manchmal nach Jahrzehnten darunter leidet.

Nicht jedes schreckliche Ereignis muss zu einem Trauma werden. Wenn die Seele eines Menschen stabil und gefestigt genug ist, wenn die Person über ausreichend Bewältigungsressourcen und ein stabiles, verständnisvolles soziales Netz sowie über genügend zwischenmenschliche Unterstützung verfügt, können schreckliche Ereignisse psychisch verarbeitet werden und werden dann zu einem Teil der Lebensgeschichte: „Es war furchtbar, aber jetzt ist es vorbei.“

Ein Trauma entsteht, wenn ein unerträgliches Ereignis zu überflutenden ambivalenten Emotionen führt (z.B. Verzweiflung, Hilflosigkeit, Ekel, Panik oder Hass verbunden mit Sehnsucht nach Sicherheit, Schutz, Nähe oder Zuwendung oder mit sexueller Stimuliertheit), die von der Seele nicht angemessen verarbeitet werden können, und die daher auf die eine oder andere Weise abgespalten werden müssen.

Traumatische Ereignisse sind in der Regel Erlebnisse von Gewalt, Grenzüberschreitungen, schwere körperliche Krankheiten, Misshandlungen, schwere Unfälle, Folter, Naturkatastrophen, sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen, kriminelle oder Kriegshandlungen, Vernachlässigungen oder auch massive psychische Verwirrung. Traumatisch wirken solche Ereignisse nicht nur, wenn jemand sie selbst erlebt, sondern auch wenn jemand Traumatisierungen bei anderen Menschen miterlebt, etwa bei nahen Familienangehörigen oder sonstwie nahestehenden Menschen („sekundäre Traumatisierung“).

Traumata können einzelne Ereignisse sein, wie etwa ein schwerer Unfall oder eine Vergewaltigung, es kann sich aber auch um wiederholte ähnliche oder vergleichbare Ereignisse handeln („komplexe Traumatisierung“). Nicht nur das Ereignis selbst wirkt traumatisieren, sondern auch das Fehlen oder die Mangelhaftigkeit sozialer Unterstützung oder zusätzliche traumatisierende Einflüsse der sozialen Umwelt (z.B. entwürdigende polizeiliche Verhöre oder Gerichtsverhandlungen, verleugnende, verdrehende oder anschuldigende Reaktionen von Familienangehörigen o.ä.).

Eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Traumata spielt die Frage, ob diese vom sozialen Umfeld des Betroffenen wahrgenommen und als schwerwiegend erkannt und benannt werden, oder ob sie verleugnet, vertuscht, heruntergespielt, bestritten, der traumatisierten Person selbst als Schuld zugewiesen oder angeheizt, als Sensation ausgeschlachtet oder auf lüsterne Weise öffentlich verbreitet werden.

  • Frühe Traumatisierungen (im Säuglingsalter bis zum Alter von etwa drei Jahren) werden in der Regel im impliziten Gedächtnis als Gefühle, automatische Verhaltensmuster, Körperempfindungen oder Wahrnehmungsweisen gespeichert.
  • Spätere Traumatisierungen werden (sofern sie nicht einer traumatischen Amnesie unterliegen) im expliziten Gedächtnisses als bewusste, sprachlich und begrifflich übermittelbare autobiografische Erinnerungen gespeichert.

Aufgrund der Überforderung der psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten der Person werden Traumata ganz oder teilweise dissoziiert. (Ein schreckliches Ereignis, das vollständig, also auch in seinen emotionalen Qualitäten, bewusstseinsfähig ist, das kognitiv reflektiert und verbal kommuniziert werden kann, wirkt in der Seele in der Regel nicht traumatisch.)

Ein Trauma kann ganz oder teilweise verdrängt, also der bewussten Erinnerungen entzogen oder nur zeitweise, in bestimmten Situationen oder bestimmten Menschen gegenüber bewusstseinsfähig und sprachlich kommunizierbar sein. Bestimmte Aspekte, Momente oder Ebenen der traumatischen Erfahrung sowie ihrer nicht gelingenden Verarbeitung können dem Bewusstsein unzugänglich, verzerrt oder verändert erscheinen. Die kognitiven Erinnerungen an das Trauma und ihre begriffliche Einordnung können z.B. beschönigend sein („Ab und zu eine Tracht Prügel hat mir nicht geschadet“), oder sie können Selbstbeschuldigungen enthalten („Ich bin ja selbst mit schuld, weil ich mitgemacht/es zugelassen habe.“) u.ä.

Manche Traumata können ganz oder teilweise bewusst erinnert werden, während die damit verbundenen Gefühle abgespalten sind oder unterdrückt werden, weil als als unerträglich empfunden werden. In anderen Fällen werden traumatisierte Menschen von unerträglichen Gefühlen überflutet, haben aber keine bewussten Erinnerungen dazu und können diese Gefühle nicht zuordnen.

Besonders bei frühen Traumatisierungen kann es für die betroffene Person quälend sein, keine oder keine klaren Erinnerungen an das oder die traumatischen Ereignisse zu haben, sondern nur bspw. endlos sich wiederholende Albträume oder nicht klar unterscheiden zu können, ob es sich um reale Erinnerungen oder symbolische Fantasien handelt. Es stellt für Psychotherapeuten eine enorme Herausforderung dar, diese Unsicherheiten gemeinsam mit dem Patienten auszuhalten und nicht vorschnell und auch nicht unterschwellig Realität oder Irrealität solcher „Erinnerungsfantasien“ zu suggerieren oder zu behaupten. In manchen Fällen bleibt es auch nach jahrelanger intensiver Psychotherapie unklar, ob entsprechende Bilder, Ahnungen und Träume auf reale Ereignisse zurückgehen, oder ob sie z.B. eine missbräuchliche Beziehungsatmosphäre symbolisch zum Ausdruck bringen.

Traumatische Erinnerungen können durch Auslösereize aktiviert werden, die einen Zusammenhang zu der traumatischen Situation haben (z.B. Orte, Begriffe, Personen, Gesten, Stimmlagen, Gerüche, Körperhaltungen usw.). Wenn durch solche Auslöser die traumatische Erinnerung aktiviert wird, erscheint sie dem Betroffenen in diesem Moment als zeitlos. Er fühlt sich wieder so, wie damals in der traumatischen Situation, kann aber oft die Verbindung zum Auslöser bzw. der aktuellen Situation nicht herstellen, was zu massiven Verwirrungen führen kann. (Fragmentierte oder unzutreffend zugeordnete Empfindungen können bspw. bei medizinischen Untersuchungen oder Behandlungen oder bei zärtliche Berührung oder auch momentanen Distanzierungen eines Partners heftige Panikzustände auslösen.)

Die traumatischen Gefühle werden oft unerwartet und mit großer Intensität im Körper wahrgenommen, also nicht im eigentlichen Sinn erinnert, sondern im Hier und Jetzt wiedererlebt („Flashback“). Vorstellungen, Bilder, Erinnerungen und Gefühle können den Betroffenen auch in harmlosen alltäglichen Situationen, wie in der U-Bahn, in der Badewanne oder auf dem Weg zur Arbeit überfallen und Panikreaktionen auslösen („Intrusionen“).

Das psychosomatische System traumatisierter Personen ist durch die Nachwirkungen traumatischer Ereignisse beeinträchtigt. Traumatisierte Menschen leiden daher häufig unter einer latenten oder anhaltenden Übererregung, also einem dauernden Alarmzustand („Hyperarrousal“), oft kombiniert mit emotionaler und vegetativen Erstarrung („Freezing“). Sie haben große Schwierigkeiten, mit Stress umzugehen und sich selbst zu beruhigen und leiden häufig unter einer Beeinträchtigung ihrer emotionalen Vitalität.

Traumatische Erinnerungen können oft nicht oder nicht vollständig oder nicht korrekt bewusst zusammengefügt werden, weil die Traumatisierung die integrativen Funktionen der Psyche außer Kraft gesetzt hat. Das Trauma führt daher häufig zu Missinterpretationen, unangemessenen Bewertungen, Klassifizierungen und Einordnungen (bspw. wenn körperliche Übergriffe eines Elternteils als Aufmerksamkeit oder liebevolle Zuwendung eingeordnet wird).

Manche traumatisierte Menschen sind auf ihr Trauma oder auf traumatische Reize fixiert oder in ihrer Identität überstark auf die Traumatisierung ausgerichtet. Häufig sind sie nicht in der Lage, auslösende Reize oder ähnliche Situationen angemessen zu verstehen und einzuordnen oder auf einer sprachlichen Ebene angemessenen Kontakt und Distanz zu anderen Menschen herzustellen.

Manche Traumatisierte Personen wurden durch Drohungen oder verwirrende Zuschreibungen dazu gebracht, über ein Trauma Stillschweigen zu bewahren, weshalb sie über das traumatische Ereignis zunächst nicht sprechen können. Dies geht oft mit intensiver Angst, Scham oder Schuldgefühlen einher.

Häufig erkennen traumatisierte Menschen zu ihrer eigenen Bestürzung, dass sie in ihrem Leben die Muster der traumatischen Situation unbewusst wiederholt haben oder in der Gegenwart weiter wiederholen, wobei sie sich sowohl in der Opfer- als auch in der Täter-Rolle befinden können, bisweilen auch in beiden Rollen abwechselnd oder zugleich.

Dies kann einhergehen mit Selbst- und/oder Fremdschädigungen, beispielsweise Selbstverletzungen, Selbstverstümmelungen, zwanghaft-aggressiven Verführungsmustern, ausbeuterischem Verhalten, Rachemanövern an Unschuldigen, unvorhersehbaren aggressiven Ausrastern, sexueller Promiskuität, provokativ-aggressivem Sozialverhalten, kompensatorischen Kontrollzwängen u.ä.).

Traumatisierte Menschen fühlen sich oft schuldig oder verantwortlich für das, was sie erlitten haben (z.B. „Wenn Mama mich schlägt, muss ich ja etwas Böses getan haben“, „Ich habe mich aufreizend gekleidet/verhalten, kein Wunder, dass der Mann mir zwischen die Beine gefasst hat“).

In der traumatisierten Situation fühlte sich der Betroffene machtlos und der traumatischen Gewalt hilflos ausgeliefert. Die Empfindungen, keine Kontrolle über die Situation, den eigenen Körper und die eigenen Grenzen zu haben und sich nicht schützen zu können, kann zu einer anhaltenden Identifizierung als Opfer oder einem kompensatorischen Täterverhalten führen („Jetzt bin ich mal am Drücker!“).

Traumatisierte Personen haben oft Schwierigkeiten, ihre eigene Autonomie wahrzunehmen oder zu beschützen. Es fällt ihnen schwer zu glauben dass ihre Wünsche und Abgrenzungen von anderen Menschen angemessen wahrgenommen und respektiert werden könnten. Dies führt zu einer fundamentalen Störung des Vertrauens, gerade in nahen zwischenmenschlichen Beziehungen, beispielsweise in der Partnerschaft oder in der Familie.

Die Traumatisierung schädigt das Selbstkonzept und die Selbstwahrnehmung der betroffenen Person. Dies kann zu traumatischen Identifizierungen führen („Ich bin eine Schlampe“) oder zu Dissoziationen vom eigenen Körper (Empfindungslosigkeit, „neben sich stehen“).

Besonders Menschen, die in einer traumatisierenden Umgebung aufgewachsen sind, fehlen viele Fähigkeiten zur Regulation sozialer Beziehungen und Konflikte. Daher erleben sie immer wieder Situationen, die sie nicht oder nur mit Notfallmechanismen bewältigen können, was sich im Laufe ihres Lebens zu einer langen Folge nicht angemessen verarbeiteter Erlebnisse summieren kann.

Aufgrund unbewusste Dissoziations- und Projektionsprozesse finden sich traumatisierte Menschen häufig immer wieder in traumatischen Situationen wieder, oder sie induzieren in ihrem Gegenüber unbewusst Täter-Empfindungen oder -Impulse oder werden selbst zum Täter und machen ihr gegenüber zum Opfer („Viktimisierung“). Aufgrund einer mangelnden Fähigkeit, angemessen mit sozialen Konflikten und Konkurrenzsituationen umzugehen, kann ihr soziale Leben sehr konfliktreich oder auch seicht und entleert sein.

Traumatisierte Menschen entwickeln häufig eine große Angst vor Nähe, oft kombiniert mit einem gleichzeitigen, überstarken Bedürfnis danach. Insbesondere Missbrauchsopfer können häufig ihre eigenen Wünsche nach sexueller Intimität oder zärtlicher Verbundenheit nicht angemessen wahrnehmen oder ausdrücken, oder sie können nicht angemessen zwischen erwachsener Sexualität (ihrer eigenen und der des Partners) und liebevoller Fürsorge und Zuwendung unterscheiden. Dies kann zu diversen Verwicklungen, Verwirrungen und Retraumatisierungen führen.

Die Dissoziation vom eigenen Körperempfinden kann so weit gehen, dass der Betroffene sich teilnahmslos fühlt oder „gar nichts mehr“ fühlt bis hin zu einem teilweisen oder völligen Fehlen von körperlichen Schmerzempfindungen oder – umgekehrt – einer Sehnsucht nach Schmerz „um wenigstens irgendetwas zu fühlen“. Das kann zu körperlichen oder psychischen Selbstverletzungen führen, auch um aus unerträglichen Zustände von innerer Anspannung oder Gefühllosigkeit herauszukommen.

Viele traumatisierte Menschen leiden unter Depressionen und Ängsten, Drogensucht, Alkoholismus oder psychosomatischen Beschwerden, psychogenen Schmerzen, Schlafstörungen, Verdauungsbeschwerden, permanenten Infektionen, sexuellen Funktionsstörungen oder massiven sozialen oder Beziehungsstörungen.

Manche traumatisierte Personen erleben sich selbst, ihren Körper oder bestimmte Situationen als unwirklich („Derealisation“). Sie empfinden sich zeitweise als abwesend, als „nicht vorhanden“ oder als „außerhalb der Welt der anderen stehend“, oder sie empfinden relevante soziale Situationen (z.B. den Verlust einer geliebten Person) als bedeutungslos.

Trotz vieler, differenzierter, speziell für traumatisierte Menschen entwickelter psychotherapeutischer Methoden stellt die Behandlung von traumatisierten Menschen den Patienten und den Therapeuten vor enorme Herausforderungen. Insbesondere dass reale Traumatisierungen häufig nicht oder nicht vollständig bewusst sind oder nicht als solche eingeordnet werden, stellt hohe Anforderungen an die Professionalität des Therapeuten und die Bewältigungsfähigkeiten des Patienten.

Zu bedenken ist auch, dass nicht jede Form von psychischem Leid als Folge von Traumatisierungen verstanden werden kann. Manche Patienten beginnen eine Psychotherapie, um „ihr Trauma zu finden“, während ihr psychisches Leid eher auf chronische Beziehungsstörungen in der Kindheit, auf einen Mangel an erlernten Bewältigungskompetenzen, auf überfürsorgliche Eltern, auf sozial-politisch-ökonomische oder sonstige Probleme zurückgeht.

Werner Eberwein
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Wie funktioniert Abnehmen nach Allen Carr?

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Allen Carr (1934-2006) war ursprünglich Wirtschaftsprüfer und Kettenraucher. Er gewöhnte sich selbst das Rauchen ab und schrieb darüber 1983 den internationalen Bestseller „Endlich Nichtraucher“, der in über 40 Sprachen übersetzt wurde und sich mehr als 12 Millionen Mal verkaufte. Auf Basis dieser Methode schrieb er 1998 das Buch „Endlich Wunschgewicht“ über einen natürlichen Weg des Abnehmens mithilfe des gesunden Menschenverstandes, das sich ebenfalls über 1 Million Mal verkaufte. Read More „Wie funktioniert Abnehmen nach Allen Carr?“

Was ist das Unbewusste?

In der psychodynamischen Psychologie und Psychotherapie versteht man unter dem Unbewussten einen Bereich der menschlichen Psyche, der dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist, aber diesem zugrundeliege, also etwas inneres, das wirkt, aber bewusst nicht unmittelbar erfahrbar oder kontrollierbar ist. Die Hypothese, dass das menschliche Seelenleben aus einem – wie auch immer verstandenen – Unbewussten heraus dominiert wird, ist das Fundament der Psychoanalyse. Read More „Was ist das Unbewusste?“

Nehmen Tiere anders wahr als Menschen?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil man Tiere natürlich nicht direkt fragen kann, was und wie sie wahrnehmen. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass es erst mal starke Unterschiede zwischen Tieren und Menschen gibt, abgesehe davon, wie man die definiert und ob man glaubt, ob man sie hart („klare Unterschiede“) oder nur weich („mehr oder weniger“) abgrenzen kann: Tiere haben nun mal keine UNO, keine Wallstreet, keine Atombombe, kein Internet, keine Programmiersprachen und keine Industrieanlagen. Read More „Nehmen Tiere anders wahr als Menschen?“