Was sind Incels?

Der Begriff „Incel“ ist ein englisches Kofferwort aus involuntary und celibate und bedeutet wörtlich etwa „unfreiwillig sexuell enthaltsam“.

Ursprünglich bezeichnete der Ausdruck Menschen, die sich eine sexuelle oder partnerschaftliche Beziehung wünschen, diese jedoch trotz eigener Bemühungen nicht verwirklichen können. Dabei war der Begriff zunächst weder auf Männer beschränkt noch mit einer bestimmten politischen oder frauenfeindlichen Weltanschauung verbunden.

Diese ursprüngliche Bedeutung hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erheblich verändert. Heute bezeichnet „Incel“ im öffentlichen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch häufig eine überwiegend männliche Online-Subkultur, innerhalb derer unfreiwillige Partnerlosigkeit mit bestimmten Vorstellungen über Geschlecht, Attraktivität, Sexualität und gesellschaftliche Machtverhältnisse erklärt wird.

In radikaleren Teilen dieser Szene finden sich ausgeprägte Misogynie, Antifeminismus, biologische und soziale Determinismusvorstellungen sowie teilweise Gewaltfantasien. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt Incels entsprechend als eine überwiegend online aktive Szene, in der Frauen und gesellschaftliche Veränderungen teilweise für die eigene Beziehungslosigkeit verantwortlich gemacht werden.

Es ist jedoch wichtig, zwischen unfreiwilliger Partnerlosigkeit als persönlicher Lebenssituation und der Incel-Subkultur als ideologischem Milieu zu unterscheiden. Ein Mann, der keine Partnerin findet, sich einsam fühlt oder sexuell unerfahren ist, ist deshalb keineswegs automatisch ein „Incel“ im heutigen engeren Sinne. Auch innerhalb der Online-Szene bestehen erhebliche Unterschiede hinsichtlich Weltanschauung, Frauenbild und Gewaltbefürwortung. Die Forschung warnt daher davor, den Begriff zu undifferenziert auf sämtliche sozial isolierten oder sexuell unerfahrenen Männer anzuwenden.

Die Anfänge: Alanas „Involuntary Celibacy Project“

Die Geschichte des Begriffs unterscheidet sich deutlich von der heutigen Bedeutung. In den 1990er-Jahren gründete eine kanadische Studentin, die öffentlich lediglich unter ihrem Vornamen Alana bekannt wurde, ein Internetprojekt über unfreiwillige sexuelle und romantische Beziehungslosigkeit. 1997 verwendete sie dafür den Ausdruck „involuntary celibacy“, aus dem später die Kurzform „incel“ entstand. Ihr Projekt richtete sich ausdrücklich nicht nur an Männer. Es sollte Menschen unterschiedlicher Geschlechter und sexueller Orientierungen ermöglichen, über Einsamkeit, Schwierigkeiten bei der Partnersuche, sexuelle Unerfahrenheit und soziale Unsicherheit zu sprechen.

Die ursprüngliche Idee hatte somit eher den Charakter einer Selbsthilfe- und Unterstützungscommunity. Im Vordergrund standen gegenseitiges Verständnis und die Erfahrung, mit Schwierigkeiten bei Sexualität und Partnersuche nicht allein zu sein. Misogynie, Antifeminismus oder Vorstellungen eines angeblichen männlichen Anspruchs auf Sexualität gehörten nicht zur ursprünglichen Konzeption.

Bereits darin zeigt sich der weitreichende Bedeutungswandel des Begriffs: Aus einer geschlechtsneutralen Bezeichnung einer belastenden Lebenssituation entwickelte sich im Laufe von etwa zwei Jahrzehnten die Selbstbezeichnung einer weitgehend männlich geprägten Internet-Subkultur.

Alana zog sich später von der entstehenden Szene zurück. Wissenschaftliche Darstellungen berichten, dass sie die zunehmend negative Entwicklung der Diskussionen problematisch empfand und ihr ursprüngliches Projekt Anfang der 2000er-Jahre beendete.

Transformation nach dem Jahr 2000

In den 2000er- und frühen 2010er-Jahren entstanden unterschiedliche Internetforen für Männer, die über soziale Unsicherheit, sexuelle Zurückweisung, Partnersuche oder sogenannte „love shyness“ diskutierten. Parallel entwickelte sich die breitere „Manosphere“ – ein Netzwerk teilweise sehr unterschiedlicher Online-Milieus rund um Männerrechte, Pick-up-Kultur, Antifeminismus, „Men Going Their Own Way“ und später Incels.

Zwischen diesen Gruppen bestanden und bestehen erhebliche Unterschiede. Dennoch zirkulierten bestimmte Vorstellungen zunehmend zwischen verschiedenen Foren:

  • die Idee eines „sexuellen Marktes“,
  • die Einteilung von Männern und Frauen nach Attraktivität,
  • Vorstellungen weiblicher „Hypergamie“ sowie
  • die Annahme, gesellschaftliche Gleichstellung habe Männer gegenüber Frauen benachteiligt.

Forschungen ordnen die Incel-Szene deshalb häufig als eine besondere Strömung innerhalb der weiter gefassten Manosphere ein.

Bedeutung von 4chan und anonymer Internetkultur

Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung entsprechender Kommunikationsformen spielten in den 2000er- und frühen 2010er-Jahren anonyme oder pseudonyme Internetforen. Besonders häufig wird in diesem Zusammenhang 4chan genannt.

Vor allem Bereiche wie das Board /r9k/ entwickelten eine Kultur, in der soziale Isolation, sexuelle Frustration, Depression, Selbstabwertung und Schwierigkeiten im Kontakt mit Frauen miteinander diskutiert wurden. In solchen Umgebungen verbanden sich persönliche Erfahrungen teilweise mit provokantem Humor, Zynismus, sogenanntem Shitposting und zunehmend aggressiven Vorstellungen über Frauen und gesellschaftliche Hierarchien. Dabei ist es zu einfach, 4chan als alleinige Ursache der Radikalisierung zu betrachten. Entscheidend war vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren:

  • weitgehende Anonymität,
  • geringe soziale Sanktionierung extremer Äußerungen,
  • Wettbewerb um Aufmerksamkeit,
  • provokante Ironie und eine Kommunikationskultur,
  • in der immer drastischere Aussagen teilweise als Statusgewinn innerhalb der Gruppe funktionieren konnten.

Die Grenze zwischen Provokation, schwarzem Humor und tatsächlich vertretenen Überzeugungen wurde dadurch zunehmend undeutlich. Aus ursprünglich selbstironischen Beschreibungen persönlicher Erfolglosigkeit konnten sich feste Identitätskategorien entwickeln.

Reddit und die Konsolidierung einer Incel-Identität

In den 2010er-Jahren verlagerte sich ein erheblicher Teil der Incel-Kommunikation auf Reddit. Dort konnten sich thematisch klar abgegrenzte Gemeinschaften – sogenannte Subreddits – entwickeln. Besonders bekannt wurde r/incels. Im Unterschied zu heterogeneren Plattformen konnten sich Nutzer dort zunehmend um eine gemeinsame Incel-Identität organisieren. Dadurch entstand ein relativ geschlossenes Vokabular mit eigenen Begriffen, Erklärungsmodellen und sozialen Kategorien.

Reddit schloss r/incels im November 2017 nach einer Verschärfung seiner Regeln gegen die Förderung und Verherrlichung von Gewalt. Zum Zeitpunkt der Schließung hatte die Community ungefähr 40.000 Mitglieder. Anschließend verlagerte sich ein Teil der Nutzer unter anderem zu r/Braincels, das wiederum im September 2019 geschlossen wurde. Später entstanden beziehungsweise wuchsen eigenständige Incel-Websites und weniger stark moderierte Kommunikationsräume.

Studien zu solchen Plattformmigrationen zeigen allerdings ein differenziertes Bild: Verbote können die Reichweite problematischer Communities deutlich reduzieren, zugleich können Teile besonders engagierter Nutzer auf kleinere, stärker abgeschottete Plattformen ausweichen. Eine automatische Aussage, dass Plattformverbote grundsätzlich Radikalisierung verstärken, lässt sich daraus nicht ableiten.

Die „Blackpill“ als zentrales Deutungsmuster

Für einen großen Teil der heutigen Incel-Ideologie ist die sogenannte „Blackpill“ von zentraler Bedeutung. Der Begriff knüpft sprachlich an die aus dem Film The Matrix entlehnte Metapher der „Red Pill“ an, die in Teilen der Manosphere für die vermeintliche Erkenntnis einer „wahren“ Geschlechterordnung verwendet wird. Die „Blackpill“ geht darüber hinaus und verbindet diese Vorstellungen mit einem ausgeprägten Fatalismus. Danach werde der romantische und sexuelle Erfolg eines Menschen weitgehend durch unveränderliche biologische beziehungsweise körperliche Eigenschaften bestimmt:

  • Gesicht, Körpergröße,
  • genetische Merkmale,
  • ethnische Zugehörigkeit oder gesellschaftlicher Status.

Frauen würden demnach überwiegend eine kleine Gruppe besonders attraktiver Männer auswählen, während weniger attraktive Männer strukturell vom sexuellen und romantischen Markt ausgeschlossen seien.

Innerhalb dieser Vorstellung entsteht eine streng hierarchische Welt. Besonders attraktive und sexuell erfolgreiche Männer werden häufig als „Chads“ bezeichnet, stereotyp als besonders attraktive Frauen dargestellte Personen als „Stacys“. Incels verorten sich selbst überwiegend am unteren Ende dieser vermeintlichen Attraktivitätshierarchie.

Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass solche Vorstellungen häufig selektiv mit vermeintlich biologischen, evolutionspsychologischen oder statistischen Argumenten begründet werden. Dabei werden wissenschaftliche Befunde teilweise aus ihrem Kontext gelöst, übergeneralisiert oder so interpretiert, dass sie bereits vorhandene Überzeugungen bestätigen.

Die Blackpill kann psychologisch besonders problematisch sein, weil sie Hoffnungslosigkeit und Kontrollverlust verstärken kann. Wenn Beziehungserfolg als vollständig genetisch vorbestimmt betrachtet wird, erscheinen soziale Fähigkeiten, persönliche Entwicklung, Psychotherapie, Veränderung des eigenen Verhaltens oder neue Beziehungserfahrungen als letztlich bedeutungslos.

Scham, Kränkung und Selbstwert

Hinter aggressiven oder frauenfeindlichen Äußerungen können bei manchen Betroffenen erhebliche Gefühle von Einsamkeit, Scham und sozialem Versagen stehen. Sexuelle und romantische Zurückweisung wird dabei nicht ausschließlich als konkrete zwischenmenschliche Erfahrung erlebt, sondern kann zu einer umfassenden Bewertung des eigenen Selbst werden:

  • „Niemand will mich“,
  • „Ich bin unattraktiv“,
  • „Ich bin kein richtiger Mann“ oder
  • „Ich werde niemals geliebt werden“.

Damit kann sich ein chronisches Gefühl von Minderwertigkeit entwickeln.

Aus psychodynamischer Perspektive lässt sich bei manchen Personen eine Scham-Wut-Dynamik beschreiben. Stark beschämende Erfahrungen können unter bestimmten Bedingungen in Ärger, Groll oder Feindseligkeit umgewandelt und nach außen verlagert werden. Aus „Ich fühle mich wertlos“ kann dann beispielsweise die Überzeugung entstehen: „Frauen sind oberflächlich und ungerecht.“

Eine solche Externalisierung kann kurzfristig psychisch entlastend wirken, weil die Ursache des Leidens nicht mehr im eigenen vermeintlichen Defizit, sondern bei einer äußeren Gruppe lokalisiert wird. Langfristig können entsprechende Erklärungsmuster jedoch soziale Isolation und Verbitterung verstärken.

Gruppendynamik und Echo-Kammern

Online-Communities können für sozial isolierte Menschen zunächst eine wichtige entlastende Funktion erfüllen. Ein Mann, der über Jahre Zurückweisung, Einsamkeit oder sexuelle Unerfahrenheit verschweigt, kann dort erstmals Menschen finden, die ähnliche Erfahrungen beschreiben.

Das Gefühl „Andere verstehen mich“ kann zunächst Zugehörigkeit schaffen und Scham reduzieren. Problematisch wird dies, wenn innerhalb einer Community zunehmend nur noch bestimmte Interpretationen akzeptiert werden. Erlebnisse werden dann nicht mehr offen diskutiert, sondern durch ein geschlossenes ideologisches Raster erklärt.

Eine Zurückweisung durch eine einzelne Frau wird beispielsweise nicht mehr als individuelles Ereignis verstanden, sondern als Beweis dafür, dass „Frauen grundsätzlich nur Chads auswählen“. Eine erfolgreiche Beziehung eines durchschnittlich aussehenden Mannes kann dagegen als Ausnahme, Täuschung oder Beweis für verborgene Statusfaktoren umgedeutet werden.

Dadurch entsteht ein selbstbestätigendes Weltbild. Informationen, die die Ideologie bestätigen, werden hervorgehoben; widersprechende Erfahrungen werden abgewertet. Diese Prozesse entsprechen in Teilen den bekannten Mechanismen von Echo-Kammern und Gruppenpolarisation. Neuere Forschung untersucht ausdrücklich, wie soziale Isolation, die Suche nach Schuldigen und zunehmende ideologische Einbindung aufeinanderfolgende Elemente eines Radikalisierungsprozesses darstellen können.

Ein bemerkenswertes Merkmal der Incel-Ideologie besteht darin, dass viele Incels sich selbst keineswegs als gesellschaftlich mächtig erleben. Im Gegenteil: Sie beschreiben sich häufig als Verlierer einer männlichen Statushierarchie. Gerade deshalb ist der Bezug zum soziologischen Konzept der hegemonialen Männlichkeit interessant.

Misogynie und das Konzept der hegemonialen Männlichkeit

Die Incel-Welt unterscheidet zwischen dominanten, attraktiven und sexuell erfolgreichen Männern sowie unterlegenen Männern, die kaum Zugang zu Frauen hätten. Obwohl Incels sich selbst auf der untergeordneten Seite dieser Hierarchie verorten, stellen sie die Hierarchie als solche häufig nicht grundsätzlich infrage.

Stattdessen reproduzieren sie zentrale Bestandteile davon: männlicher Wert wird über Attraktivität, sexuelle Erfolge, körperliche Dominanz, Status und Konkurrenz definiert. Frauen erscheinen zugleich nicht als autonome Beziehungspartnerinnen, sondern teilweise als Ressourcen innerhalb eines männlichen Konkurrenzsystems.

Forschungen zur Blackpill argumentieren deshalb, dass Incel-Diskurse Vorstellungen männlicher Dominanz reproduzieren können, obwohl sich die jeweiligen Männer subjektiv selbst als von dieser Ordnung ausgeschlossen erleben.

Vom Selbsthilfeprojekt zur frauenfeindlichen Subkultur

Der Vergleich zwischen Alanas ursprünglichem Projekt und heutigen radikaleren Incel-Communities verdeutlicht den historischen Wandel besonders deutlich. Alanas Community beruhte auf der Vorstellung: „Menschen können unter unfreiwilliger Beziehungslosigkeit leiden und brauchen dafür Verständnis und Unterstützung.“

Radikalere gegenwärtige Incel-Ideologien formulieren dagegen eher ein geschlossenes gesellschaftliches Erklärungsmodell: „Frauen und gesellschaftliche Veränderungen erzeugen eine ungerechte sexuelle Hierarchie, aus der bestimmte Männer dauerhaft ausgeschlossen werden.“

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von Selbsthilfe zu Schuldzuweisung, von einer individuellen Lebenssituation zu einer kollektiven Identität und teilweise von gegenseitiger Unterstützung zu ideologischer Abgrenzung und Feindbildbildung.

Gewalttaten und Radikalisierung

Besondere öffentliche Aufmerksamkeit erhielt die Incel-Szene durch mehrere schwere Gewalttaten. Häufig genannt wird der Angriff von Elliot Rodger 2014 in Isla Vista, Kalifornien, bei dem sechs Menschen getötet wurden, bevor Rodger sich selbst tötete. Seine Schriften und Videos enthielten ausgeprägten Frauenhass und Ressentiments gegen sexuell erfolgreiche Männer. Obwohl die historische Einordnung Rodgers als „Incel“ teilweise differenziert betrachtet wird, wurde er in späteren Incel-Communities von einigen Nutzern verherrlicht und als symbolische Figur vereinnahmt.

Noch eindeutiger war der Bezug beim Van-Angriff von Toronto im April 2018, bei dem zehn Menschen getötet wurden. Der Täter Alek Minassian hatte unmittelbar vor der Tat öffentlich auf eine „Incel Rebellion“ und auf Elliot Rodger Bezug genommen. Der Anschlag trug erheblich dazu bei, dass die Incel-Ideologie international als mögliches extremistisches Radikalisierungsphänomen untersucht wurde.

Auch der Amoklauf von Plymouth 2021 wird regelmäßig im Zusammenhang mit der Incel-Szene diskutiert. Die ideologische Einordnung des Täters ist jedoch komplexer als bei Toronto. Bei solchen Fällen ist deshalb eine differenzierte Einzelfallanalyse angemessener als die pauschale Bezeichnung sämtlicher Täter als „Incel-Terroristen“.

Die große Mehrheit der Menschen, die sich selbst als Incels bezeichnen, begeht keine Gewalttaten. Forschung zum Gefahrenpotenzial versucht daher, zwischen misogynen Einstellungen, Gewaltfantasien, allgemeiner psychischer Belastung und tatsächlicher Gewaltbereitschaft zu unterscheiden.

Klinische und psychotherapeutische Relevanz

Für die psychotherapeutische Arbeit ist es sinnvoll, zwischen Leidenszustand, Identität und Ideologie zu unterscheiden. Hinter einer Incel-Selbstidentifikation können sehr unterschiedliche Probleme stehen: Einsamkeit, soziale Ängste, negative Körperbilder, chronische Zurückweisungserfahrungen, depressive Symptomatik, geringe Selbstwirksamkeit, Schwierigkeiten beim Aufbau intimer Beziehungen oder ausgeprägte Scham.

Therapeutisch erscheint es wenig hilfreich, einen Patienten allein wegen einer entsprechenden Selbstbezeichnung moralisch zu konfrontieren. Gleichzeitig sollten misogynes Denken, Entmenschlichung von Frauen oder Gewaltfantasien keineswegs relativiert werden.

Ein möglicher therapeutischer Ansatz besteht darin, zunächst die zugrunde liegenden emotionalen Erfahrungen zu verstehen und anschließend die daraus entstandenen Überzeugungen zu überprüfen.

Dazu können unter anderem die Bearbeitung chronischer Scham und Kränkung, die Förderung eines stabileren Selbstwertes unabhängig von sexueller Bestätigung, der Aufbau sozialer Kompetenzen und Selbstwirksamkeit, die Veränderung dichotomer und generalisierender Denkmuster sowie bindungs- und emotionsorientierte Interventionen gehören.

Kognitiv besonders relevant sind häufig globale Attributionen wie „Frauen wollen grundsätzlich nur attraktive Männer“, „Mein Aussehen bestimmt mein gesamtes Leben“ oder „Eine Zurückweisung beweist meine Wertlosigkeit“. Solche Überzeugungen können gemeinsam auf ihre empirische Grundlage, ihren Absolutheitsanspruch und ihre emotionalen Konsequenzen untersucht werden.

Bei ausgeprägter ideologischer Verfestigung kann zusätzlich ein Vorgehen sinnvoll sein, das aus der Radikalisierungsprävention und Deradikalisierungsarbeit bekannt ist: nicht primär frontal gegen die gesamte Identität argumentieren, sondern Ambivalenzen fördern, alternative Zugehörigkeiten stärken, Feindbildkonstruktionen hinterfragen und schrittweise wieder Erfahrungen außerhalb der ideologischen Bezugsgruppe ermöglichen. Bei konkreten Gewaltfantasien oder Gewaltabsichten steht selbstverständlich die fachgerechte Risikoabschätzung im Vordergrund.

Zusammenfassende Bewertung

Die Geschichte des Begriffs „Incel“ ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie sich die Bedeutung eines Wortes innerhalb digitaler Kulturen grundlegend verändern kann. Aus einer in den 1990er-Jahren geschaffenen, geschlechtsneutralen Bezeichnung für Menschen, die unter unfreiwilliger sexueller oder romantischer Beziehungslosigkeit litten, entwickelte sich über verschiedene Internetforen und Teile der Manosphere eine überwiegend männliche Online-Subkultur.

Plattformen wie 4chan und später Reddit waren dabei wichtige Kommunikationsräume. Sie waren jedoch nicht einfach die „Ursache“ der Ideologie. Vielmehr ermöglichten sie die Vernetzung von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und zugleich die Ausbildung eines eigenen Vokabulars, einer Gruppenidentität und teilweise immer stärker abgeschotteter Deutungsmuster.

Mit der Blackpill entstand schließlich ein weitgehend deterministisches Weltbild, in dem Attraktivität, Biologie und eine vermeintliche sexuelle Hierarchie als nahezu unveränderliche Ursachen persönlichen Beziehungsmisserfolgs betrachtet werden. In radikaleren Teilen der Szene verbinden sich diese Vorstellungen mit Antifeminismus, Misogynie, Frauenhass und gelegentlich einer Rechtfertigung oder Verherrlichung von Gewalt. Die Forschung beschreibt entsprechend wiederholt Frauenfeindlichkeit, Entmenschlichung und männliche Dominanzvorstellungen in solchen Online-Räumen.

Gleichzeitig wäre es fachlich problematisch, sämtliche Menschen mit einer Incel-Selbstidentifikation als gewaltbereit, extremistisch oder psychisch krank zu betrachten. Die Szene ist heterogen, und hinter der Selbstidentifikation stehen häufig erhebliche Erfahrungen von Einsamkeit, Scham, Zurückweisung und Hoffnungslosigkeit. Gerade diese Doppelperspektive ist für ein psychologisches Verständnis wesentlich: Das individuelle Leiden kann real und behandlungsbedürftig sein, ohne dass daraus entwickelte frauenfeindliche oder gewaltlegitimierende Überzeugungen akzeptiert werden müssen.

Der entscheidende Unterschied zwischen Alanas ursprünglicher Idee und den radikaleren heutigen Ausprägungen der Incel-Subkultur liegt damit letztlich in der Richtung der Erklärung: Das ursprüngliche Projekt verstand unfreiwillige Beziehungslosigkeit als menschliches Problem, bei dessen Bewältigung gegenseitige Unterstützung helfen sollte. Die radikalisierte Incel-Ideologie interpretiert dieselbe Erfahrung dagegen teilweise als Ausdruck eines vermeintlichen gesellschaftlichen Geschlechterkampfes und entwickelt daraus feste Hierarchien, Feindbilder und fatalistische Vorstellungen. Damit hat sich „Incel“ sprachgeschichtlich von der Beschreibung eines Zustandes zunehmend zur Bezeichnung einer Identität und in bestimmten Kontexten schließlich einer Ideologie entwickelt.

Werner Eberwein