Was ist Whataboutism?
Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet eine rhetorische Strategie, bei der auf Kritik, einen Vorwurf oder eine schwierige Frage nicht unmittelbar eingegangen wird. Stattdessen wird auf einen anderen Missstand oder auf ein vergleichbares Fehlverhalten anderer verwiesen, häufig mit Formulierungen wie „Aber was ist mit …?“ oder „Und ihr?“.
Typisch ist folgendes Muster: Eine Person kritisiert ein bestimmtes Verhalten. Die kritisierte Seite beantwortet den Vorwurf nicht direkt, sondern verweist auf ein anderes Fehlverhalten der kritisierenden Person oder einer dritten Partei. Dadurch soll die ursprüngliche Kritik relativiert, ihre Berechtigung infrage gestellt oder die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema gelenkt werden.
Whataboutism wird häufig als Variante des sogenannten Tu-quoque-Arguments („Du auch“) eingeordnet. Dabei wird sinngemäß argumentiert, die Kritik sei weniger glaubwürdig oder ungültig, weil die kritisierende Seite selbst ähnlich gehandelt habe. Logisch widerlegt dies jedoch den ursprünglichen Vorwurf nicht. Auch eine Person, die sich selbst widersprüchlich verhält, kann in einer konkreten Sache eine zutreffende Kritik äußern.
Ein einfaches Beispiel lautet:
Person A: „Diese Regierung hat gegen geltendes Recht verstoßen.“
Person B: „Aber was ist mit den Rechtsverstößen der anderen Regierung?“
Der zweite Hinweis kann für sich genommen berechtigt sein. Er beantwortet jedoch nicht die Frage, ob der zuerst angesprochene Rechtsverstoß tatsächlich stattgefunden hat.
Whataboutism kann verschiedene Funktionen erfüllen:
- Er kann dazu dienen, Verantwortung abzuwehren,
- eigenes Fehlverhalten zu relativieren oder
- eine moralische Gleichwertigkeit zwischen unterschiedlichen Vorgängen herzustellen. In politischen Debatten und sozialen Medien kann er außerdem dazu führen,
- dass Diskussionen zunehmend aus gegenseitigen Vorwürfen bestehen und die ursprüngliche Sachfrage aus dem Blick gerät.
Der Begriff leitet sich vom englischen Ausdruck „What about …?“ („Was ist mit …?“) ab. Bekannt wurde die Bezeichnung insbesondere im Zusammenhang mit politischen Auseinandersetzungen während des Kalten Krieges. Kritik westlicher Staaten an der Sowjetunion wurde teilweise mit Verweisen auf Missstände in westlichen Ländern beantwortet. Die zugrunde liegende Argumentationsweise ist jedoch weder auf diese historische Situation noch auf eine bestimmte politische Richtung beschränkt.
Im Umgang mit Whataboutism kann es hilfreich sein, die verschiedenen Themen voneinander zu trennen. Man kann beispielsweise anerkennen, dass auch der neu angesprochene Missstand diskutiert werden sollte, gleichzeitig aber darauf bestehen, zunächst die ursprüngliche Frage zu klären.
Kurz gesagt: Whataboutism bedeutet, auf Kritik mit einem Verweis auf das Fehlverhalten anderer zu reagieren, ohne die ursprüngliche Kritik inhaltlich zu beantworten.
Werner Eberwein
