Was ist Whataboutism?
Whataboutism bezeichnet eine rhetorische Strategie, bei der jemand auf eine Kritik mit einem Gegenvorwurf antwortet, ohne sich zunächst mit der ursprünglichen Kritik auseinanderzusetzen. Die Antwort folgt häufig dem Muster: „Und was ist mit …?“ Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf ein anderes Fehlverhalten, oft auf das der kritisierenden Person oder ihrer Gruppe.
Ein einfaches Beispiel:
- Person A: „Diese Regierung verletzt Menschenrechte.“
- Person B: „Und was ist mit den Menschenrechtsverletzungen in deinem Land?“
Die Gegenfrage kann auf ein reales und wichtiges Problem hinweisen. Sie beantwortet jedoch nicht, ob der Vorwurf gegen die zuerst genannte Regierung zutrifft. Beide Vorwürfe können gleichzeitig berechtigt sein.
Warum ist das argumentativ problematisch?
Der Fehler entsteht, wenn aus dem Fehlverhalten anderer geschlossen wird, dass die ursprüngliche Kritik falsch sei oder nicht beantwortet werden müsse. Whataboutism steht damit dem Tu-quoque-Argument nahe: „Du machst es doch auch.“ Die mögliche Inkonsequenz einer kritisierenden Person sagt für sich genommen nichts darüber aus, ob ihre konkrete Aussage richtig ist. Whataboutism kann eine Diskussion erschweren, weil die Beteiligten das Thema wechseln, bevor der erste Vorwurf geklärt wurde. Wer kritisiert wird, muss dann das eigene Verhalten nicht erläutern; stattdessen gerät die kritisierende Person in die Defensive.
Woher kommt der Begriff?
Das englische what about …? bedeutet etwa „Und was ist mit …?“. Der Begriff wurde besonders im Zusammenhang mit Debatten des Kalten Krieges bekannt. Kritik an Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion wurde mitunter mit Verweisen auf Rassismus und andere Missstände im Westen beantwortet. Solche Hinweise konnten berechtigt sein. Als Antwort auf einen konkreten Vorwurf reichten sie aber nicht aus, um ihn zu widerlegen. Heute wird der Begriff auch für ähnliche Muster in politischen Debatten, sozialen Medien und Alltagsgesprächen verwendet.
Wann ist ein Vergleich berechtigt?
Nicht jede Gegenfrage und nicht jeder Hinweis auf einen vergleichbaren Fall ist Whataboutism. Ein Vergleich kann helfen, gleiche Maßstäbe einzufordern: Wenn Menschenrechtsverletzungen grundsätzlich verurteilt werden, sollte dieser Grundsatz auch für das eigene Land gelten. Entscheidend ist die Funktion des Vergleichs. Trägt er dazu bei, einen Maßstab zu prüfen oder die ursprüngliche Frage besser zu beurteilen? Oder soll er die ursprüngliche Frage verdrängen? Sachliche Konsistenzkritik lässt beide Fragen zu. Whataboutism behandelt den zweiten Vorwurf so, als wäre der erste damit erledigt. Eine mögliche Antwort in der Diskussion lautet:
- „Das ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Lass uns zuerst den konkreten Vorwurf prüfen. Danach können wir besprechen, ob wir in beiden Fällen denselben Maßstab anlegen.“
Werner Eberwein
