Was ist Trotz? Was ist Aggression?

Trotz und Aggression bezeichnen unterschiedliche Verhaltensweisen, die gemeinsam auftreten können:

  • Trotz ist vor allem durch Widerstand gegen eine Forderung oder eine als Einschränkung erlebte Einflussnahme gekennzeichnet.
  • Aggression bezeichnet im engeren psychologischen Sinn Verhalten, das darauf gerichtet ist, andere zu verletzen, zu schädigen oder einzuschüchtern. Für die Unterscheidung sind das konkrete Verhalten, seine Funktion und der jeweilige Kontext entscheidend.

Trotz: Ausdruck von Widerstand und Selbstbestimmung

Trotz zeigt sich als beharrliches Festhalten an einem eigenen Wunsch oder einer Position gegenüber Anweisungen, Erwartungen oder Grenzen anderer. Häufig entsteht er, wenn eine Person sich bevormundet, unter Druck gesetzt oder in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt fühlt. Das Verhalten kann dazu dienen, die eigene Autonomie zu schützen oder ein Gefühl von Einfluss und Selbstwirksamkeit wiederherzustellen. Trotz kann sich durch Verweigerung, demonstratives Schweigen, wiederholtes Widersprechen oder bewusstes Zuwiderhandeln äußern. Er kann mit Wut, Weinen und körperlicher Anspannung verbunden sein. Eine Schädigung anderer ist dabei nicht zwingend beabsichtigt.

Im Kleinkindalter tritt solches Verhalten häufig im Rahmen der sogenannten Autonomiephase auf. Diese beginnt meist im zweiten Lebensjahr und ist häufig zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr besonders ausgeprägt. Kinder entwickeln zunehmend eigene Vorstellungen und den Wunsch, selbst zu entscheiden. Gleichzeitig sind ihre Fähigkeiten zur Impulskontrolle und zum Umgang mit Frustration noch in Entwicklung. Wenn eigene Wünsche auf äußere Grenzen treffen, können deshalb heftige emotionale Reaktionen entstehen.

Auch Erwachsene können trotzig reagieren. Ein verwandter psychologischer Begriff ist die Reaktanz: Sie bezeichnet eine motivationale Reaktion auf eine tatsächliche oder wahrgenommene Einschränkung der eigenen Freiheit. Reaktanz kann zu verstärktem Widerstand führen, ist aber nicht mit Trotz gleichzusetzen.

Nicht jede Ablehnung ist trotzig. Ein begründetes Nein, eine abweichende Meinung oder das Setzen einer persönlichen Grenze können Ausdruck angemessener Selbstbehauptung sein. Die Bezeichnung „Trotz“ sollte deshalb nicht allein daraus abgeleitet werden, dass jemand einer Erwartung nicht entspricht.

Aggression: auf Schädigung gerichtetes Verhalten

Aggression bezeichnet im engeren psychologischen Verständnis Verhalten mit einer schädigenden Absicht. Die Schädigung kann körperlich, psychisch oder sozial erfolgen. Beispiele sind Schlagen, Beschimpfen, Drohen, gezieltes Demütigen oder absichtliches Ausgrenzen. Je nach Begriffsverständnis werden auch Angriffe auf Gegenstände einbezogen. Die Absicht ist allerdings nicht unmittelbar beobachtbar. Sie muss aus dem Verhalten und dem situativen Zusammenhang erschlossen werden. Besonders bei kleinen Kindern ist zu berücksichtigen, dass das Verständnis von Folgen und die Fähigkeit zur bewussten Handlungssteuerung noch begrenzt sind. Ein Schlag kann daher als aggressives Verhalten eingeordnet werden, ohne dem Kind eine überlegte Schädigungsabsicht oder eine dauerhaft feindselige Haltung zu unterstellen.

Unterschiede und Überschneidungen

  • Bei Trotz steht der Widerstand gegen eine Forderung oder Einschränkung im Vordergrund.
  • Bei Aggression steht das angreifende oder schädigende Verhalten im Vordergrund. .

Die Begriffe beschreiben daher unterschiedliche Aspekte eines Geschehens.

Ein Kind, das sich weigert, seine Schuhe anzuziehen, kann trotzig reagieren, ohne aggressiv zu handeln. Wenn es dabei jemanden schlägt, können Trotz und Aggression gleichzeitig vorliegen. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung erklärt möglicherweise den Hintergrund; es hebt den verletzenden Charakter des Verhaltens jedoch nicht auf. Trotz führt nicht zwangsläufig zu Aggression. Überforderung, zunehmende Frustration und erlebte Ohnmacht können eine Eskalation begünstigen. Aus einzelnen Auslösern oder aus dem Verhalten nach einem Konflikt lässt sich jedoch keine sichere Zuordnung ableiten. Auch Reue oder das anschließende Suchen von Nähe schließen vorausgegangene Aggression nicht aus.

Umgang mit trotzigem und aggressivem Verhalten

Für den Umgang mit beiden Verhaltensweisen ist es hilfreich, Gefühle und Bedürfnisse von den konkreten Handlungen zu unterscheiden. Wut, Enttäuschung und der Wunsch nach Selbstbestimmung können anerkannt werden, während verletzendes Verhalten klar begrenzt wird.

  • Bei trotzigem Verhalten können nachvollziehbare Regeln, angemessene Wahlmöglichkeiten und ausreichend Zeit zur Beruhigung hilfreich sein. Dabei sollte geprüft werden, ob die Anforderung verständlich, altersangemessen und bewältigbar ist.
  • Bei aggressivem Verhalten haben der Schutz der Beteiligten und die Unterbrechung von Angriffen Vorrang. Anschließend lässt sich klären, welche Auslöser, Erwartungen oder Folgen das Verhalten beeinflussen und welche anderen Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Dazu können das Benennen von Gefühlen, das Einfordern einer Pause, sprachliches Grenzensetzen und gewaltfreie Konfliktlösung gehören.

Werner Eberwein