Was ist Skotomisation?

Skotomisation – auch als Skotomisierung oder Skotomatisierung bezeichnet – beschreibt in psychoanalytischen und psychotherapeutischen Zusammenhängen das unbewusste Ausblenden bestimmter Aspekte der inneren oder äußeren Realität. Gemeint ist eine Form selektiver Wahrnehmung, bei der belastende, konflikthafte oder mit dem eigenen Selbstbild schwer vereinbare Erfahrungen nur eingeschränkt wahrgenommen, verarbeitet oder in ihrer Bedeutung erfasst werden.

Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort skotos für „Dunkelheit“ sowie vom medizinischen Begriff Skotom ab. In der Augenheilkunde bezeichnet ein Skotom einen umschriebenen Ausfall innerhalb des Gesichtsfeldes. In psychologischer Übertragung lässt sich Skotomisation deshalb anschaulich als ein psychischer blinder Fleck verstehen: Bestimmte Aspekte einer Situation sind grundsätzlich vorhanden und für andere Menschen möglicherweise deutlich erkennbar, werden von der betroffenen Person jedoch kaum oder gar nicht registriert.

Begriffsherkunft

Der Begriff wurde in den 1920er-Jahren insbesondere durch den französischen Psychoanalytiker René Laforgue geprägt und in die psychoanalytische Diskussion eingebracht. Laforgue versuchte damit Vorgänge zu beschreiben, bei denen Teile der Realität psychisch so ausgeblendet werden, dass sie für das bewusste Erleben zeitweise gleichsam nicht vorhanden sind.

Sigmund Freud setzte sich ebenfalls mit dem Begriff auseinander, verwendete ihn jedoch nicht als zentralen Terminus seiner eigenen Theorie. In der psychoanalytischen Literatur wurde Skotomisation später vor allem als bildhafte Beschreibung besonderer Formen der Realitätsabwehr verwendet.

Heute gehört der Begriff nicht zu den gebräuchlichsten Fachbegriffen der klinischen Psychologie. Ähnliche Phänomene werden, abhängig vom theoretischen Zusammenhang, beispielsweise als selektive Wahrnehmung, Verleugnung, Aufmerksamkeitsverzerrung, Abwehr, Bestätigungsfehler oder Einschränkung des Gewahrseins beschrieben.

Psychologische Grundidee

Skotomisation lässt sich als ein Schutzmechanismus verstehen. Wahrnehmungen, Gefühle oder Erkenntnisse, die starke Angst, Scham, Schuld, Hilflosigkeit oder eine Bedrohung des eigenen Selbstbildes hervorrufen könnten, gelangen nur eingeschränkt in das bewusste Erleben.

Die betreffende Person entscheidet dabei in der Regel nicht bewusst, etwas nicht wahrnehmen zu wollen. Vielmehr wird die Wahrnehmung unbewusst so organisiert, dass bestimmte Informationen weniger Beachtung finden, sofort relativiert, umgedeutet oder aus dem Zusammenhang herausgelöst werden.

Das Entscheidende ist daher nicht bewusste Täuschung, sondern eine unbewusste Begrenzung des Wahrnehmungsfeldes.

Eine Person kann beispielsweise zahlreiche Hinweise darauf erhalten, dass eine Beziehung problematisch geworden ist. Freunde äußern Bedenken, Konflikte häufen sich, Grenzen werden wiederholt verletzt. Dennoch werden diese Hinweise kaum in ihrer Bedeutung wahrgenommen. Die Person kann jeden einzelnen Vorfall kennen und dennoch das übergeordnete Muster nicht erkennen. In diesem Sinne betrifft Skotomisation nicht nur das Erinnern, sondern häufig bereits die psychische Verarbeitung des Wahrgenommenen.

Abgrenzung zu anderen Abwehrmechanismen

Skotomisation steht mehreren psychoanalytischen und psychologischen Konzepten nahe. Die Übergänge sind teilweise fließend. Dennoch lassen sich einige Unterschiede herausarbeiten.

Verdrängung

Bei der Verdrängung werden psychische Inhalte, Wünsche, Vorstellungen oder Konflikte vom Bewusstsein ferngehalten. Vereinfacht gesprochen handelt es sich um Inhalte, die psychisch wirksam bleiben, dem bewussten Erleben jedoch nicht oder nur indirekt zugänglich sind.

Skotomisation betont demgegenüber stärker die Wahrnehmungsseite. Etwas, das objektiv vorhanden ist, wird nur eingeschränkt wahrgenommen oder in seiner Bedeutung nicht erfasst.

Die vereinfachte Gegenüberstellung lautet daher:

Verdrängung: Ein psychischer Inhalt wird dem Bewusstsein entzogen.

Skotomisation: Ein relevanter Aspekt der Wirklichkeit gelangt gar nicht oder nur verzerrt in das bewusste Wahrnehmungsfeld.

Diese Unterscheidung ist allerdings eher theoretischer Natur. In der klinischen Realität können beide Prozesse miteinander verbunden sein.

Verleugnung

Bei der Verleugnung wird eine grundsätzlich wahrgenommene Realität nicht in ihrer Bedeutung anerkannt. Ein Mensch kann beispielsweise wissen, dass seine Beziehungspartnerin sich getrennt hat, innerlich jedoch weiterhin so reagieren, als sei diese Trennung nicht endgültig. Bei der Skotomisation liegt der Schwerpunkt dagegen stärker darauf, dass bestimmte Hinweise überhaupt nicht oder nur sehr eingeschränkt wahrgenommen werden. Vereinfacht formuliert:

Verleugnung: „Ich sehe es, aber ich erkenne seine Bedeutung nicht an.“

Skotomisation: „Dieser Teil der Wirklichkeit taucht in meinem bewussten Erleben kaum auf.“

Auch hier sind die Übergänge fließend.

Dissoziation

Unter Dissoziation versteht man eine teilweise Trennung normalerweise miteinander verbundener psychischer Funktionen. Dies kann Wahrnehmung, Erinnerung, Identität, Gefühle oder Körpererleben betreffen.

Skotomisation bezeichnet dagegen eher eine selektive Ausblendung bestimmter Inhalte oder Aspekte der Realität.

Eine ausgeprägte Erinnerungslücke nach einem extrem belastenden Ereignis wäre deshalb nicht automatisch als Skotomisation zu bezeichnen. Je nach klinischem Zusammenhang könnten dissoziative Prozesse eine treffendere Erklärung darstellen.

Klinische Erscheinungsformen

Skotomisation kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen.

  • Patientinnen und Patienten berichten beispielsweise ausführlich über eine Beziehung und erwähnen zahlreiche Situationen, in denen sie verletzt, abgewertet oder kontrolliert wurden. Gleichzeitig können sie überzeugt sein, die Beziehung sei im Grunde harmonisch.
  • Andere Menschen nehmen wiederholt wahr, dass ihre Verhaltensweise Konflikte hervorruft, können jedoch den eigenen Anteil daran kaum erkennen.
  • Auch widersprüchliche Informationen können gewissermaßen voneinander getrennt bleiben. Eine Person kann beispielsweise sagen: „Niemand interessiert sich für mich.“ Im selben Gespräch berichtet sie jedoch von Freunden, die regelmäßig anrufen, Unterstützung anbieten und sich nach ihrem Befinden erkundigen.

Die positiven Erfahrungen werden durchaus erlebt, aber sie erhalten psychisch wenig Gewicht. Hinweise auf Zurückweisung werden dagegen sehr stark registriert. Die Person konstruiert also nicht bewusst eine falsche Realität. Vielmehr ist ihre Wahrnehmung selektiv organisiert.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Ein Vorgesetzter ist stark mit dem Erfolg eines wichtigen Projektes identifiziert. Sein berufliches Selbstbild hängt wesentlich davon ab, dass dieses Projekt gelingt. Nach und nach treten deutliche Schwierigkeiten auf. Kosten steigen, Termine werden nicht eingehalten und Mitarbeitende äußern zunehmend Zweifel. Der Vorgesetzte erhält diese Informationen zwar, bewertet sie jedoch immer wieder als unwichtig, vorübergehend oder irrelevant. Kritische Hinweise werden überhört, relativiert oder schnell vergessen. Für Außenstehende ist das Scheitern möglicherweise bereits deutlich erkennbar. Für den Betroffenen entsteht dagegen ein psychischer blinder Fleck. Das Eingeständnis des Scheiterns könnte sein Selbstwertgefühl erheblich bedrohen. Die selektive Wahrnehmung erfüllt deshalb eine psychische Schutzfunktion.

Skotomisation und Selbstbild

Menschen entwickeln im Verlauf ihres Lebens Vorstellungen darüber, wer sie sind, wie andere Menschen sind und wie Beziehungen funktionieren. Solche Überzeugungen können sehr stabil werden. Beispiele sind:

  • „Ich bin nicht liebenswert.“
  • „Andere Menschen verlassen mich irgendwann.“
  • „Ich darf niemandem vertrauen.“
  • „Ich muss stark sein.“
  • „Meine Bedürfnisse sind unwichtig.“

Erfahrungen, die diese Überzeugungen bestätigen, werden häufig besonders leicht wahrgenommen. Erfahrungen, die ihnen widersprechen, können dagegen weniger Beachtung finden. Eine Person, die tief überzeugt ist, anderen Menschen nicht wichtig zu sein, nimmt möglicherweise ein verspätetes Antworten auf eine Nachricht sehr intensiv wahr. Gleichzeitig registriert sie zahlreiche Zeichen von Zuwendung kaum. Dadurch kann sich die ursprüngliche Überzeugung immer wieder selbst bestätigen. Skotomisation trägt in diesem Sinne dazu bei, ein vertrautes Selbst- und Weltbild aufrechtzuerhalten.

Humanistische Perspektive

In einer humanistischen Psychotherapie lässt sich Skotomisation als eine Einschränkung des Gewahrseins verstehen. Bestimmte Erfahrungen können mit dem bestehenden Selbstbild oder mit früher entwickelten Beziehungserfahrungen unvereinbar erscheinen. Sie werden deshalb nur begrenzt in das bewusste Erleben integriert. Das therapeutische Ziel besteht dabei nicht darin, dem Patienten zu erklären:

  • „Sie sehen die Realität falsch.“

Eine solche Haltung könnte Widerstand, Scham oder defensive Reaktionen hervorrufen. Hilfreicher ist es, das Wahrnehmungsfeld behutsam zu erweitern. Ein Therapeut könnte beispielsweise sagen:

  • „Während Sie erzählen, dass niemand für Sie da ist, haben Sie gleichzeitig von mehreren Menschen berichtet, die sich in dieser Woche bei Ihnen gemeldet haben. Was geschieht gerade in Ihnen, wenn Sie diese beiden Erfahrungen nebeneinander wahrnehmen?“

Der Therapeut widerspricht der Person nicht unmittelbar. Stattdessen lädt er sie dazu ein, bislang getrennte Wahrnehmungen gleichzeitig ins Bewusstsein treten zu lassen. Das therapeutische Interesse richtet sich daher weniger auf die Frage:

  • „Was ist objektiv richtig?“

Sondern vielmehr auf:

  • „Was darf wahrgenommen werden und was nicht?“
  • „Welche Erfahrung bekommt Aufmerksamkeit?“
  • „Welche Erfahrung verschwindet aus dem Bewusstsein?“
  • „Welche Gefühle würden entstehen, wenn auch dieser Teil der Realität wahrgenommen würde?“

Die Schutzfunktion des blinden Flecks

Skotomisation sollte nicht vorschnell als Defizit oder Fehlfunktion betrachtet werden. Ein psychischer blinder Fleck kann ursprünglich eine wichtige Schutzfunktion erfüllt haben. Ein Kind, das emotional stark von seinen Eltern abhängig ist, kann beispielsweise nur schwer wahrnehmen, dass ein Elternteil gleichzeitig fürsorglich und verletzend ist. Die psychische Abhängigkeit kann dazu führen, dass bestimmte negative Aspekte ausgeblendet werden. Auch im Erwachsenenalter können solche Mechanismen fortbestehen. Die Wahrnehmung folgt dann gewissermaßen einer alten inneren Logik:

  • „Es ist sicherer, dies nicht vollständig zu sehen.“

Aus therapeutischer Sicht ist deshalb wichtig, nicht nur den ausgeblendeten Inhalt zu untersuchen, sondern auch die Frage:

  • Wovor schützt das Nicht-Wahrnehmen?

Mögliche Antworten können sein:

  • Angst vor Verlust,
  • Scham,
  • Schuldgefühle,
  • Angst vor Konflikten,
  • Gefühle von Ohnmacht,
  • Bedrohung des Selbstwertes,
  • Angst vor Veränderung,
  • Angst vor Nähe oder
  • Angst vor erneuter Enttäuschung.

Körperorientierte Arbeit

Skotomisation zeigt sich nicht nur auf der Ebene von Gedanken und Erzählungen. Häufig lässt sich beobachten, dass auch körperliche Reaktionen auftreten, sobald bislang ausgeblendete Erfahrungen in den Vordergrund treten. Ein Therapeut könnte beispielsweise fragen:

  • „Was spüren Sie in Ihrem Körper, wenn jemand Ihnen wirklich zugewandt ist?“

Ein Patient, der Zuwendung normalerweise kaum wahrnimmt, bemerkt möglicherweise plötzlich ein Engegefühl im Brustkorb, Spannung im Bauch, einen Impuls zum Rückzug oder ein Gefühl von Misstrauen. Diese körperlichen Reaktionen können Hinweise darauf geben, weshalb eine bestimmte Erfahrung bisher nur schwer zugelassen werden konnte.

Zuwendung kann beispielsweise nicht nur angenehm sein. Sie kann zugleich Verletzlichkeit erzeugen. Wer Nähe zulässt, kann enttäuscht werden. Wer Hoffnung zulässt, kann etwas verlieren. Wer Unterstützung annimmt, muss möglicherweise das bisherige Selbstbild eines völlig unabhängigen Menschen verändern. Der körperliche Zugang kann deshalb helfen, die Schutzfunktion des psychischen blinden Flecks unmittelbar erfahrbar zu machen.

Hypnotherapeutische Perspektive

Hypnotherapeutisch lässt sich Skotomisation als eine Form selektiver Aufmerksamkeit verstehen. Menschen richten ihre Aufmerksamkeit ständig auf bestimmte Reize und lassen andere in den Hintergrund treten. Dieser grundsätzlich normale Vorgang kann sich bei emotional bedeutsamen Themen stark verengen. Therapeutisch kann deshalb mit einer behutsamen Erweiterung der Aufmerksamkeit gearbeitet werden. Eine mögliche hypnotische Intervention könnte beispielsweise lauten:

  • „Und vielleicht kann ein Teil von Ihnen beginnen wahrzunehmen, was bislang eher am Rand Ihrer Aufmerksamkeit geblieben ist … kleine Zeichen von Verbundenheit … Momente, die vielleicht leicht übersehen wurden … Erfahrungen, die schon lange vorhanden sind und bisher nicht wichtig erscheinen mussten … und Sie müssen nichts erzwingen … vielleicht entsteht einfach ein wenig mehr Raum für Neugier … für das, was ebenfalls wahr ist.“

Dabei geht es nicht darum, dem Patienten eine bestimmte Sichtweise zu suggerieren. Das Ziel besteht vielmehr darin, die Wahrnehmungsmöglichkeiten zu erweitern und neue Erfahrungen zugänglich zu machen.

Therapeutisches Vorgehen

Therapeutisch ist es meist wenig hilfreich, Skotomisation frontal aufzudecken. Die Aussage

  • „Sie wollen das einfach nicht sehen“

kann schnell als Vorwurf erlebt werden. Günstiger ist eine explorative Haltung. Mögliche therapeutische Fragen sind:

  • „Was fällt Ihnen auf, wenn Sie beide Seiten gleichzeitig betrachten?“
  • „Welche Informationen nehmen Sie besonders schnell wahr?“
  • „Welche Erfahrungen geraten dagegen leicht aus Ihrem Blickfeld?“
  • „Was würde es für Sie bedeuten, wenn diese andere Erfahrung ebenfalls wahr wäre?“
  • „Welche Gefühle entstehen, wenn Sie diesen Aspekt nicht sofort erklären oder relativieren?“
  • „Was könnte die Funktion dieses blinden Flecks sein?“
  • „Wovor schützt Sie diese Art der Wahrnehmung möglicherweise?“

Dadurch wird Skotomisation nicht als Fehler behandelt, sondern als psychisch sinnvoller Versuch, innere Stabilität aufrechtzuerhalten.

Bedeutung bei verschiedenen psychischen Problemen

Skotomisierende Wahrnehmungsmuster können bei sehr unterschiedlichen psychischen Problemen auftreten.

  • Bei depressiven Entwicklungen können positive Erfahrungen, Anerkennung und eigene Erfolge kaum wahrgenommen werden, während Kritik, Misserfolg und Zurückweisung besonders stark ins Bewusstsein treten.
  • Bei Bindungsproblemen können Zeichen von Verlässlichkeit übersehen werden, während mögliche Hinweise auf Verlassenwerden sehr intensiv registriert werden.
  • Bei narzisstischen Regulationsproblemen können eigene Verletzlichkeit, Abhängigkeit oder persönliche Anteile an Konflikten schwer zugänglich sein, weil deren Wahrnehmung das Selbstbild bedrohen könnte.
  • Bei traumabezogenen Problemen können bestimmte Wahrnehmungen oder Gefühle eingeschränkt zugänglich sein, wobei hier sorgfältig zwischen Skotomisation, Vermeidung und dissoziativen Vorgängen unterschieden werden sollte.

Der Begriff beschreibt also keine bestimmte Diagnose. Er bezeichnet vielmehr einen möglichen psychischen Vorgang, der in sehr unterschiedlichen klinischen Zusammenhängen auftreten kann.

Skotomisation und moderne psychologische Konzepte

Der klassische Begriff der Skotomisation wird heute vergleichsweise selten verwendet. Die zugrunde liegende Beobachtung ist jedoch weiterhin relevant. Moderne psychologische Konzepte beschreiben ähnliche Vorgänge unter anderen Bezeichnungen. Dazu gehören unter anderem:

  • selektive Aufmerksamkeit,
  • Aufmerksamkeitsbias,
  • Bestätigungsfehler,
  • schemaabhängige Informationsverarbeitung,
  • kognitive Verzerrungen,
  • Vermeidung,
  • Abwehr und
  • motivierte Wahrnehmung.

  • Aus kognitionspsychologischer Perspektive könnte man beispielsweise sagen, dass Menschen Informationen bevorzugt wahrnehmen und erinnern, die zu bestehenden Überzeugungen und Schemata passen.
  • Aus psychodynamischer Sicht würde stärker gefragt, welche emotional bedrohlichen Inhalte abgewehrt werden.
  • Aus humanistischer Perspektive würde man von einer Einschränkung des Gewahrseins sprechen.

Diese verschiedenen Modelle beschreiben nicht exakt dasselbe Phänomen, können sich jedoch in der klinischen Betrachtung ergänzen.

Zusammenfassung

Skotomisation bezeichnet eine selektive Einschränkung der psychischen Wahrnehmung, durch die belastende oder mit dem eigenen Selbstbild schwer vereinbare Aspekte der Realität aus dem bewussten Erleben herausgehalten werden. Das Bild des „psychischen blinden Flecks“ verdeutlicht den Vorgang besonders gut.

Dabei handelt es sich in der Regel nicht um bewusste Täuschung und auch nicht einfach um mangelnde Einsicht. Die Wahrnehmung wird vielmehr unbewusst so organisiert, dass bestimmte Erfahrungen stärker und andere schwächer ins Bewusstsein gelangen.

Psychotherapeutisch ist deshalb nicht nur entscheidend, was ein Mensch nicht wahrnimmt, sondern insbesondere:

  • Warum wäre es emotional schwierig, diesen Teil der Wirklichkeit wahrzunehmen?

Die therapeutische Aufgabe besteht darin, solche blinden Flecken nicht gewaltsam aufzudecken, sondern das Gewahrsein schrittweise zu erweitern. Dadurch können bislang ausgeblendete Erfahrungen in das Selbstbild und die persönliche Lebensgeschichte integriert werden. Das Ziel ist nicht, dem Patienten zu sagen:

  • „Du siehst die Wirklichkeit falsch.“

Sondern gemeinsam zu untersuchen:

  • „Welche Teile deiner Erfahrung konnten bisher keinen Platz bekommen – und was wird möglich, wenn auch sie wahrgenommen werden dürfen?“

Werner Eberwein