Was ist Selbstliebe?
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Selbstliebe bedeutet, sich selbst mit Wohlwollen, Respekt, Fürsorge und Mitgefühl zu begegnen – auch dann, wenn man Fehler macht, Schwächen zeigt oder den eigenen Erwartungen nicht entspricht.
Es geht nicht darum, sich ständig großartig zu finden, immer zufrieden mit sich zu sein oder die eigenen Schwächen zu übersehen. Selbstliebe bedeutet vielmehr, sich als Mensch grundsätzlich anzunehmen – mit allen Stärken, Unsicherheiten, Bedürfnissen, Grenzen und Widersprüchen. Ein selbstliebender Mensch kann sich sagen:
- „Ich bin nicht perfekt. Ich mache Fehler und habe Schwächen. Trotzdem bin ich wertvoll und verdiene es, mit Achtung behandelt zu werden – auch von mir selbst.“
Selbstliebe ist damit weniger ein angenehmes Gefühl als eine grundlegende innere Haltung gegenüber der eigenen Person.
Was gehört zur Selbstliebe?
- Selbstakzeptanz: Sich selbst so anzunehmen, wie man gegenwärtig ist, ohne den eigenen Wert ständig von Leistung, Aussehen, Erfolg oder der Anerkennung anderer abhängig zu machen. Selbstakzeptanz schließt die Bereitschaft zur persönlichen Veränderung nicht aus.
- Selbstmitgefühl: Sich bei Misserfolgen, Enttäuschungen und persönlichem Leid verständnisvoll zu begegnen, anstatt sich mit Vorwürfen und Selbstabwertungen zusätzlich zu belasten. Die Psychologin Kristin Neff unterscheidet dabei drei wesentliche Aspekte: Freundlichkeit gegenüber sich selbst, das Bewusstsein, dass Fehler und Leiden zum Menschsein gehören, sowie einen achtsamen Umgang mit schwierigen Gefühlen.
- Selbstfürsorge: Die eigenen körperlichen und seelischen Bedürfnisse wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Dazu gehören beispielsweise ausreichend Schlaf, Bewegung, Erholung, soziale Nähe, aber auch Rückzug und persönliche Freiräume.
- Selbstachtung: Die eigenen Werte, Gefühle und Grenzen zu respektieren. Wer sich selbst achtet, kann für seine Bedürfnisse eintreten und gegebenenfalls Nein sagen, ohne sich deshalb grundsätzlich schuldig oder egoistisch fühlen zu müssen.
- Selbstvergebung: Eigene Fehler anzuerkennen, Verantwortung dafür zu übernehmen und daraus zu lernen, ohne sich dauerhaft dafür zu verurteilen.
- Authentizität: Sich zu erlauben, die eigene Persönlichkeit zu leben, anstatt sich ständig den Erwartungen anderer Menschen anzupassen.
Was Selbstliebe nicht bedeutet
Selbstliebe ist nicht mit Egoismus, Selbstverliebtheit oder Narzissmus gleichzusetzen. Während egozentrisches Verhalten die eigenen Interessen übermäßig in den Mittelpunkt stellt und die Bedürfnisse anderer vernachlässigen kann, schließt gesunde Selbstliebe Rücksichtnahme und Mitgefühl ausdrücklich ein.
Auch vom Narzissmus unterscheidet sich Selbstliebe. Narzisstische Persönlichkeitszüge können mit einem übersteigerten Bedürfnis nach Bewunderung, Überlegenheitsgefühlen oder einem verletzlichen Selbstwertgefühl einhergehen. Gesunde Selbstliebe benötigt dagegen weder die Abwertung anderer noch ständige äußere Bestätigung.
Selbstliebe bedeutet außerdem nicht, sich ununterbrochen glücklich, zufrieden oder selbstbewusst zu fühlen. Man darf traurig, enttäuscht, wütend, unsicher oder unzufrieden mit sich sein und trotzdem grundsätzlich freundlich mit sich umgehen.
Ebenso wenig ist Selbstliebe ein Freibrief, problematische Verhaltensweisen zu entschuldigen. Im Gegenteil: Wer sich selbst annehmen kann, ist häufig eher in der Lage, eigene Fehler anzuerkennen und konstruktiv zu verändern, weil diese nicht mehr den gesamten Selbstwert infrage stellen.
Wie entsteht Selbstliebe?
Die Fähigkeit zur Selbstliebe entwickelt sich häufig bereits in frühen zwischenmenschlichen Beziehungen. Kinder, die erfahren, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse wahrgenommen und respektiert werden, entwickeln eher ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit und persönlichem Wert. Wer dagegen wiederholt Ablehnung, Abwertung, emotionale Vernachlässigung oder Zuwendung nur unter bestimmten Bedingungen erlebt, kann Überzeugungen entwickeln wie:
- „Ich bin nur liebenswert, wenn ich etwas leiste.“
- „Ich darf keine Fehler machen.“
- „Meine Bedürfnisse sind weniger wichtig als die der anderen.“
- „Ich muss mich anpassen, damit ich nicht verlassen werde.“
Solche frühen Erfahrungen können das Selbstbild bis ins Erwachsenenalter prägen. Sie bestimmen jedoch nicht unwiderruflich, wie ein Mensch sich selbst erlebt. Durch unterstützende Beziehungen, neue emotionale Erfahrungen und psychotherapeutische Arbeit kann sich eine freundlichere und stabilere Beziehung zur eigenen Person entwickeln.
Selbstliebe aus psychotherapeutischer Sicht
In der Psychologie ist Selbstliebe kein einheitlich definierter Fachbegriff. Vielmehr umfasst sie verschiedene wissenschaftlich untersuchte Konzepte wie Selbstakzeptanz, Selbstwertgefühl, Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge. Die unterschiedlichen psychotherapeutischen Ansätze betrachten diese Fähigkeiten aus verschiedenen Perspektiven.
Die Bindungstheorie
Nach John Bowlby und Mary Ainsworth beeinflussen frühe Bindungserfahrungen, wie Menschen sich selbst und andere wahrnehmen. Wer in wichtigen Beziehungen Verlässlichkeit, emotionale Sicherheit und Wertschätzung erfährt, entwickelt eher die innere Überzeugung:
- „Ich bin liebenswert, und meine Bedürfnisse dürfen Raum haben.“
Unsichere Bindungserfahrungen können dagegen dazu beitragen, dass Menschen ihren Selbstwert stark von der Anerkennung anderer abhängig machen.
Die humanistische Psychologie
Carl Rogers betonte die Bedeutung der bedingungsfreien positiven Wertschätzung. Wenn Menschen erleben, dass sie nur unter bestimmten Voraussetzungen Anerkennung erhalten, können sie beginnen, unerwünschte Gefühle, Bedürfnisse und Persönlichkeitsanteile abzulehnen. Sie entwickeln möglicherweise ein Idealbild davon, wie sie sein müssten, um liebenswert zu sein.
Selbstliebe bedeutet aus dieser Perspektive, die tatsächlichen eigenen Erfahrungen zunehmend anzuerkennen und in ein realistischeres, umfassenderes Selbstbild zu integrieren.
Selbstmitgefühl und Mitgefühlsorientierte Psychotherapie
Kristin Neff und Paul Gilbert haben wesentlich zur wissenschaftlichen Erforschung und psychotherapeutischen Förderung von Selbstmitgefühl beigetragen. Gilbert beschreibt, wie Selbstkritik, Angst und Scham mit psychischen Bedrohungsreaktionen verbunden sein können. Mitgefühlsorientierte therapeutische Verfahren versuchen deshalb, Fähigkeiten zur Selbstberuhigung, emotionalen Sicherheit und inneren Fürsorge zu stärken.
Untersuchungen zeigen, dass Selbstmitgefühl häufig mit geringerer psychischer Belastung, weniger Selbstkritik sowie geringeren depressiven und ängstlichen Symptomen zusammenhängt. Psychotherapeutische Interventionen zur Förderung von Selbstmitgefühl können diese Belastungen bei manchen Menschen verringern.
Verhaltenstherapie und Schematherapie
Aus kognitiv-verhaltenstherapeutischer Sicht können Schwierigkeiten mit Selbstliebe durch negative Grundüberzeugungen aufrechterhalten werden. Typische Gedanken sind beispielsweise:
- „Ich bin nicht gut genug.“
- „Ich darf keine Schwäche zeigen.“
- „Wenn ich Fehler mache, bin ich wertlos.“
- „Andere sind wichtiger als ich.“
Die Verhaltenstherapie hilft, solche Überzeugungen zu erkennen, kritisch zu überprüfen und durch realistischere, hilfreichere Sichtweisen zu ergänzen.
In der Schematherapie nach Jeffrey Young wird unter anderem mit dem sogenannten inneren Kritiker beziehungsweise strafenden oder fordernden Elternmodi gearbeitet. Gleichzeitig werden die Fähigkeiten des „gesunden Erwachsenen“ gestärkt, der verletzliche Persönlichkeitsanteile verständnisvoll wahrnehmen und angemessen versorgen kann.
Selbstwertgefühl und Selbstliebe – ein wichtiger Unterschied
Das Selbstwertgefühl beschreibt, wie positiv oder negativ Menschen sich selbst bewerten. Es kann stark davon abhängen, ob jemand erfolgreich, attraktiv, beliebt oder leistungsfähig ist. Wer seinen persönlichen Wert vor allem aus solchen Eigenschaften ableitet, erlebt möglicherweise erhebliche Selbstwertschwankungen. Selbstliebe und insbesondere Selbstmitgefühl sind dagegen weniger von äußeren Erfolgen abhängig.
Ein Mensch kann sich beispielsweise nach einem beruflichen Misserfolg enttäuscht und minderwertig fühlen, ohne sich deshalb grundsätzlich abzulehnen. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass der persönliche Wert nicht mit jeder Niederlage infrage gestellt werden muss.
Wie kann man Selbstliebe entwickeln?
Selbstliebe lässt sich nicht einfach durch positive Selbstbestätigungen erzwingen. Sie entsteht häufig schrittweise durch neue Erfahrungen und einen veränderten Umgang mit den eigenen Gedanken und Gefühlen. Hilfreich kann es sein, den eigenen inneren Kritiker bewusst wahrzunehmen und zu hinterfragen.
Wer nach einem Fehler denkt:
- „Ich bin völlig unfähig“,
könnte versuchen, diesen Gedanken durch eine realistischere und mitfühlendere Haltung zu ersetzen:
- „Das ist mir nicht gut gelungen. Ich bin enttäuscht, aber Fehler gehören zum Leben. Ich kann daraus lernen.“
Ebenso wichtig ist es, eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen, angemessene Grenzen zu setzen und sich in belastenden Situationen Unterstützung zu erlauben. Achtsamkeitsübungen, Mitgefühlsmeditationen, die Arbeit mit inneren Persönlichkeitsanteilen sowie korrigierende Beziehungserfahrungen können diesen Entwicklungsprozess unterstützen. Dabei ist entscheidend, dass Selbstliebe nicht zu einer weiteren Forderung an sich selbst wird:
- „Ich muss mich endlich mehr lieben.“
Denn wer sich dafür kritisiert, dass er sich noch nicht ausreichend liebt, verstärkt möglicherweise genau jene Selbstabwertung, die er überwinden möchte.
Warum Selbstliebe psychologisch bedeutsam ist
Eine wohlwollende Beziehung zu sich selbst kann dazu beitragen, psychische Belastungen besser zu bewältigen, eigene Bedürfnisse rechtzeitig wahrzunehmen und konstruktiver mit Fehlern und Enttäuschungen umzugehen. Sie kann helfen, sich gegenüber übermäßigen Anforderungen abzugrenzen, belastende Beziehungsmuster zu erkennen und Entscheidungen stärker an den eigenen Werten auszurichten.
Eine freundlichere Beziehung zu sich selbst kann jedoch dazu beitragen, Beziehungen gleichberechtigter und weniger von Angst, Anpassungsdruck oder einem übermäßigen Bedürfnis nach Bestätigung abhängig zu gestalten.
Das Paradox der Selbstliebe
Ein scheinbarer Widerspruch besteht darin, dass Selbstliebe häufig gerade dann wachsen kann, wenn Menschen aufhören, sich ständig verändern oder verbessern zu müssen, um sich endlich als wertvoll erleben zu dürfen. Wer sich selbst annimmt, verliert nicht automatisch die Motivation zur persönlichen Entwicklung. Vielmehr kann Selbstakzeptanz die Voraussetzung dafür schaffen, sich ohne übermäßigen inneren Druck weiterzuentwickeln. Selbstliebe bedeutet deshalb nicht:
- „Ich bin perfekt, so wie ich bin.“
Sie bedeutet vielmehr:
- „Ich bin nicht perfekt, und ich muss es auch nicht sein, um mich selbst mit Respekt und Mitgefühl zu behandeln.“
Letztlich bedeutet Selbstliebe, sich selbst ein verlässlicher, verständnisvoller und fürsorglicher Freund zu werden. Vielleicht lässt sich ihr Kern in einem einfachen Satz zusammenfassen:
Selbstliebe heißt nicht, alles an sich gut zu finden.
Sie heißt, sich selbst auch mit dem anzunehmen,
was man an sich nicht gut findet.
Werner Eberwein
