Was ist Schamanismus?

Schamanismus bezeichnet eine Gruppe spiritueller und ritueller Traditionen, die in unterschiedlichen Kulturen weltweit vorkommen, insbesondere in Sibirien, Zentralasien, Nord- und Südamerika, Afrika und Ozeanien.

Er gilt als eine der ältesten bekannten Formen religiöser und heilender Praxis.

Im Zentrum steht der Schamane beziehungsweise die Schamanin als rituelle Fachperson und Vermittler zwischen der menschlichen Alltagswelt und einer spirituell verstandenen Wirklichkeit. Der Begriff „Schamane“ stammt ursprünglich aus sibirischen Traditionen, insbesondere aus tungusischen Sprachen.

Schamanische Praktiken umfassen häufig Techniken zur Herbeiführung veränderter Bewusstseinszustände, etwa durch Trommeln, Gesang, Tanz, Fasten, Atemtechniken oder in manchen Kulturen auch psychoaktive Pflanzen. In diesen Zuständen sollen Kontakte zu Geistern, Ahnen oder Naturkräften möglich werden.

Typische Merkmale schamanischer Traditionen sind:

  • die Vorstellung einer beseelten Natur (Animismus),
  • spirituelle Reisen oder Tranceerfahrungen,
  • Heilungs- und Schutzrituale,
  • die Arbeit mit Symbolen, Krafttieren oder Ahnenvorstellungen,
  • sowie eine enge Verbindung zwischen Spiritualität, Gemeinschaft und Natur.

In vielen schamanischen Weltbildern wird Krankheit nicht nur körperlich verstanden, sondern auch als Störung des seelischen, sozialen oder spirituellen Gleichgewichts. Schamanische Rituale dienen daher häufig der Wiederherstellung von Harmonie und Ordnung innerhalb der Gemeinschaft.

Schamanismus ist keine einheitliche Religion mit festen Glaubenssätzen, heiligen Schriften oder zentralen Institutionen. Der Begriff wird in der Religionswissenschaft vielmehr als Sammelbegriff für unterschiedliche kulturelle Praktiken verwendet.

Seit den 1970er Jahren entwickelte sich im Westen ein sogenannter Neo-Schamanismus, der schamanische Techniken aus ihrem ursprünglichen kulturellen Zusammenhang übernimmt und für Selbsterfahrung, Spiritualität oder alternative Heilmethoden nutzt. Dies wird teilweise positiv bewertet, teilweise aber auch kritisch diskutiert, insbesondere im Hinblick auf kulturelle Aneignung und fehlende wissenschaftliche Nachweise.

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine gesicherten Belege für übernatürliche Wirkungen schamanischer Praktiken. Dennoch berichten viele Menschen von subjektiv bedeutsamen spirituellen, emotionalen oder psychologischen Erfahrungen.

Werner Eberwein