Was ist El Niño?
Der Name „El Niño“ stammt aus dem Spanischen und bedeutet wörtlich „der Junge“. In diesem Zusammenhang bezieht er sich auf das Christkind: Fischer vor Peru bezeichneten damit ursprünglich eine um die Weihnachtszeit auftretende warme Meeresströmung. Später wurde der Begriff auf das großräumige Klimaphänomen übertragen.
El Niño ist eine natürliche, großräumige Klimaschwankung im tropischen Pazifik. Kennzeichnend ist eine über mehrere Monate anhaltende, ungewöhnliche Erwärmung des Oberflächenwassers im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik. Gleichzeitig verändern sich die Windverhältnisse, die Luftdruckverteilung und die Niederschlagsmuster. El Niño betrifft deshalb sowohl den Ozean als auch die Atmosphäre.
Das Phänomen bildet die warme Phase des sogenannten ENSO-Systems (El Niño–Southern Oscillation). Dabei bezeichnet El Niño die Erwärmung des Meerwassers, während „Southern Oscillation“ die damit verbundenen Schwankungen der Luftdruckverhältnisse beschreibt. Beide Vorgänge sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig.
Unter gewöhnlichen Bedingungen wehen über dem äquatorialen Pazifik überwiegend Passatwinde von Osten nach Westen. Sie transportieren warmes Oberflächenwasser in Richtung Indonesien und Australien. Im westlichen Pazifik entsteht dadurch ein ausgedehntes Gebiet mit besonders warmem Meerwasser. Dort steigt feuchte Luft auf, wodurch sich Wolken und kräftige Niederschläge bilden. Im östlichen Pazifik steigt dagegen kaltes, nährstoffreiches Wasser aus tieferen Meeresschichten auf. Dieser Vorgang wird als Auftrieb oder „Upwelling“ bezeichnet. Die aufsteigenden Nährstoffe fördern das Wachstum von Plankton und bilden damit eine wichtige Grundlage für die reichen Fischbestände vor der südamerikanischen Küste.
Während einer El-Niño-Phase schwächen sich die Passatwinde ab. Zeitweise können in bestimmten Gebieten auch Winde aus westlicher Richtung auftreten. Warmes Wasser breitet sich weiter nach Osten aus, und der Nachschub an kaltem, nährstoffreichem Wasser zur Oberfläche nimmt ab. Gleichzeitig verlagern sich die Gebiete mit aufsteigender feuchter Luft und starken Niederschlägen nach Osten. Diese Veränderungen können sich gegenseitig verstärken: Die Erwärmung beeinflusst die Atmosphäre, und die veränderten Winde begünstigen wiederum die Erwärmung des Ozeans.
El Niño tritt unregelmäßig auf, gewöhnlich in Abständen von etwa zwei bis sieben Jahren. Eine Episode dauert häufig ungefähr neun bis zwölf Monate, kann aber auch länger anhalten. Zur wissenschaftlichen Einordnung werden die Meerestemperaturen in festgelegten Gebieten des tropischen Pazifiks untersucht. Ein häufig verwendeter Schwellenwert ist eine Abweichung von mindestens 0,5 °C über dem langjährigen Mittel. Entscheidend sind jedoch auch die Dauer der Erwärmung und entsprechende Veränderungen der Atmosphäre. Ein einzelner ungewöhnlich warmer Monat reicht daher nicht aus, um ein vollständiges El-Niño-Ereignis festzustellen.
Die Auswirkungen reichen weit über den Pazifik hinaus. Veränderungen der tropischen Luftzirkulation beeinflussen auch großräumige Windströmungen und die Zugbahnen von Wettersystemen. Typische Folgen können sein:
● Peru und Ecuador: Besonders bei ausgeprägten Ereignissen können an den Küsten starke Regenfälle, Überschwemmungen und Erdrutsche auftreten.
● Indonesien und Australien: In vielen Gebieten steigt das Risiko für Trockenheit, Dürren und Waldbrände.
● Fischerei vor Peru: Ein geringerer Nährstoffnachschub kann die Produktivität des Meeres vermindern. Fischbestände können zurückgehen oder sich räumlich verlagern.
● Nordamerika: El Niño begünstigt im Winter häufig mildere Bedingungen im Norden und feuchtere Bedingungen in Teilen des Südens.
● Weitere Regionen: Auch Niederschläge im südlichen Afrika, in Ostafrika und der indische Monsun können beeinflusst werden.
Diese Zusammenhänge beschreiben erhöhte Wahrscheinlichkeiten. Sie bedeuten nicht, dass bei jedem El Niño dieselben Wetterereignisse auftreten. Die Folgen hängen unter anderem von der Stärke und räumlichen Ausprägung des Ereignisses, der Jahreszeit und anderen Klimafaktoren ab.
Die Gegenphase heißt La Niña. Bei ihr ist das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik ungewöhnlich kühl, und die Passatwinde sind häufig stärker als gewöhnlich. Viele typische Niederschlags- und Temperaturmuster unterscheiden sich dadurch von denen während El Niño. Die Auswirkungen sind allerdings keine vollständige spiegelbildliche Umkehr. Zwischen beiden Phasen können außerdem längere neutrale Zeiträume liegen; ein regelmäßiger Wechsel findet nicht statt.
El Niño ist Teil der natürlichen Klimavariabilität. Zugleich kann es die globale Durchschnittstemperatur vorübergehend erhöhen, weil sich der Wärmeaustausch zwischen Ozean und Atmosphäre verändert. Diese kurzfristige Schwankung überlagert die langfristige menschengemachte Erwärmung. Wie sich der Klimawandel auf Häufigkeit und Stärke künftiger ENSO-Ereignisse auswirkt, ist eine eigene wissenschaftliche Forschungsfrage.
Werner Eberwein
