Was ist eine vermeidende Bindung?

Begriff und bindungstheoretische Einordnung

Eine vermeidende Bindung bezeichnet ein Beziehungsmuster, bei dem emotionale Nähe, Abhängigkeit und Verletzlichkeit tendenziell begrenzt oder vermieden werden.
In der Bindungstheorie wird dieses Muster als eine Form unsicherer Bindungsorganisation verstanden.

Menschen mit vermeidenden Bindungstendenzen wirken häufig besonders selbstständig, autonom und wenig auf andere angewiesen. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie kein Bedürfnis nach Nähe, Zugehörigkeit oder emotionaler Verbundenheit haben. Vielmehr haben sie häufig Strategien entwickelt, mit denen Bindungsbedürfnisse abgeschwächt, kontrolliert oder aus dem bewussten Erleben herausgehalten werden.

Ein charakteristisches inneres Beziehungsschema könnte vereinfacht lauten:

„Ich komme am besten allein zurecht. Wenn ich mich zu sehr auf andere verlasse oder zu viel von mir zeige, könnte ich enttäuscht, zurückgewiesen, kontrolliert oder abhängig werden.“

Aus bindungstheoretischer Perspektive handelt es sich dabei weniger um eine bewusste Entscheidung gegen Nähe als vielmehr um eine erlernte Strategie der Bindungs- und Emotionsregulation.

Entstehung vermeidender Bindungsmuster

Die Grundlagen vermeidender Bindungsstrategien können bereits in frühen Beziehungserfahrungen entstehen. Nach der klassischen Bindungstheorie entwickeln Kinder Erwartungen darüber, ob andere Menschen verfügbar, zuverlässig und emotional ansprechbar sind. Aus wiederkehrenden Beziehungserfahrungen entstehen sogenannte innere Arbeitsmodelle von Bindung. Diese betreffen sowohl das Bild von sich selbst als auch die Erwartungen an andere Menschen.

Ein Kind entwickelt beispielsweise Vorstellungen darüber:

● ob seine Bedürfnisse wichtig und legitim sind,

● ob es Trost und Unterstützung erwarten kann,

● ob andere Menschen in belastenden Situationen erreichbar sind,

● ob das Zeigen von Angst, Traurigkeit oder Hilfsbedürftigkeit zu Nähe oder eher zu Zurückweisung führt.

Vermeidende Bindungsstrategien können insbesondere dann begünstigt werden, wenn Bezugspersonen wiederholt wenig sensibel oder emotional wenig verfügbar auf Bindungssignale reagieren. Dies muss keineswegs in Form offensichtlicher Ablehnung oder Vernachlässigung geschehen. Auch subtilere Formen emotionaler Nichtverfügbarkeit können eine Rolle spielen. Ein Kind kann beispielsweise erleben, dass seine Bezugspersonen zwar zuverlässig für praktische Bedürfnisse sorgen, jedoch mit Angst, Traurigkeit, Hilflosigkeit oder dem Wunsch nach Trost wenig anfangen können.

Möglicherweise erhält das Kind indirekte oder direkte Botschaften wie:

„Du musst alleine zurechtkommen.“

„Sei nicht so empfindlich.“

„Dafür gibt es doch keinen Grund.“

„Du bist doch schon groß.“

Das Kind kann daraus lernen:

„Wenn ich meine Bedürftigkeit zeige, bekomme ich nicht zuverlässig die Nähe, die ich brauche. Deshalb ist es sicherer, meine Bedürfnisse möglichst wenig zu zeigen.“

Die Anpassungsleistung besteht dann darin, das Bindungssystem nach außen möglichst wenig sichtbar werden zu lassen. Das Kind versucht, emotional unabhängig zu erscheinen. Das Bindungsbedürfnis selbst verschwindet dadurch nicht unbedingt. Vielmehr wird sein Ausdruck deaktiviert oder gehemmt. Diese Strategie kann in der Kindheit durchaus funktional sein. Sie schützt beispielsweise vor wiederholter Enttäuschung und ermöglicht dem Kind, sich an eine Umgebung anzupassen, in der emotionales Angewiesensein wenig Resonanz findet. Problematisch kann sie werden, wenn dieses ursprünglich adaptive Muster später automatisch auf erwachsene Beziehungen übertragen wird.

Vermeidende Bindung als Deaktivierungsstrategie

Ein zentraler Begriff zum Verständnis vermeidender Bindung ist die Deaktivierung des Bindungssystems. Während ängstlich gebundene Menschen ihr Bindungssystem bei Unsicherheit häufig stark aktivieren – also verstärkt Nähe suchen, nachfragen, sich rückversichern oder Verlustängste entwickeln –, versuchen vermeidend gebundene Menschen eher, Bindungsaktivierung herunterzuregulieren.

Sie reduzieren beispielsweise:

● die Wahrnehmung eigener Bindungsbedürfnisse,

● das Zeigen von Verletzlichkeit,

● die Suche nach Trost,

● emotionale Abhängigkeit,

● die Bedeutung von Beziehungen für das eigene Selbstverständnis.

Die zugrunde liegende Strategie könnte lauten:

„Wenn ich nichts brauche, kann ich auch nicht enttäuscht werden.“

Dies bedeutet jedoch nicht, dass tatsächlich keine Bedürfnisse vorhanden sind. Gerade diese Unterscheidung ist für das Verständnis vermeidender Bindung wesentlich: Das Fehlen sichtbarer Bedürftigkeit ist nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit dem Fehlen eines Bindungsbedürfnisses.

Kernmerkmale im Erwachsenenalter

1. Starke Betonung von Autonomie und Selbstgenügsamkeit

Menschen mit ausgeprägten vermeidenden Bindungstendenzen legen häufig besonderen Wert auf Selbstständigkeit. Autonomie ist grundsätzlich eine gesunde Fähigkeit. Bei einem vermeidenden Bindungsmuster kann sie jedoch eine defensive Funktion erhalten.

Es entsteht eine Form von Hyper-Unabhängigkeit:

„Ich brauche niemanden.“

„Ich muss meine Probleme selbst lösen.“

„Ich möchte von niemandem abhängig sein.“

Hilfe anzunehmen kann als unangenehm erlebt werden, weil dies das Gefühl erzeugt, auf einen anderen Menschen angewiesen zu sein. Auch die Abhängigkeit anderer kann als belastend erlebt werden. Ein Partner mit ausgeprägten Bedürfnissen nach Nähe oder Unterstützung kann daher schnell als fordernd oder einengend wahrgenommen werden.

2. Regulierung von Nähe durch Distanz

Ein weiteres charakteristisches Merkmal besteht darin, dass Nähe häufig nur bis zu einem bestimmten Grad gut toleriert werden kann. Solange eine Beziehung emotional unverbindlicher bleibt, kann sich ein vermeidend gebundener Mensch durchaus wohlfühlen. Mit zunehmender Intimität können jedoch Spannungen entstehen.

Dies kann insbesondere geschehen, wenn:

● der Partner mehr Verbindlichkeit wünscht,

● starke Gefühle ausgesprochen werden,

● Erwartungen an gegenseitige Unterstützung entstehen,

● Verletzlichkeit sichtbar wird,

● Konflikte eine intensive emotionale Auseinandersetzung erfordern.

Dann kann ein Bedürfnis nach Distanz entstehen.

Dieses zeigt sich beispielsweise durch Rückzug, Schweigen, Ablenkung, verstärkte Beschäftigung mit Arbeit oder Hobbys oder durch den Wunsch, „erst einmal seine Ruhe zu haben“. Der Rückzug dient häufig der Regulation emotionaler Überforderung.

3. Emotionale Deaktivierung

Vermeidende Bindungsstrategien betreffen nicht nur äußeres Verhalten, sondern auch die Wahrnehmung eigener Gefühle. Manche Betroffene nehmen ihre Bindungsbedürfnisse nur eingeschränkt bewusst wahr. Sie wissen möglicherweise sehr genau, was sie denken, aber weniger genau, was sie fühlen oder brauchen.

Auf Fragen wie:

„Was hat das emotional mit dir gemacht?“

oder

„Was brauchst du gerade von deinem Partner?“

folgen möglicherweise Antworten wie:

„Keine Ahnung.“

„Eigentlich nichts.“

„Ist doch nicht so wichtig.“

„Ich will nur meine Ruhe.“

Es können Überschneidungen mit Schwierigkeiten der Gefühlswahrnehmung und -benennung bestehen, die an alexithyme Phänomene erinnern. Vermeidende Bindung und Alexithymie sind jedoch nicht dasselbe und sollten diagnostisch nicht gleichgesetzt werden.

4. Schwierigkeiten mit Verletzlichkeit

Emotionale Verletzlichkeit kann als riskant erlebt werden. Sich einem anderen Menschen anzuvertrauen bedeutet schließlich auch, dass dieser Mensch Bedeutung gewinnt. Damit entsteht potenziell Abhängigkeit – und damit die Möglichkeit von Enttäuschung oder Verlust. Deshalb können gerade besonders wichtige Beziehungen paradoxerweise stärkere Distanzierungsimpulse auslösen. Der Betroffene kann einen Menschen sehr lieben und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, diese emotionale Bedeutung auszuhalten.

5. Idealisierung von Unabhängigkeit

Bei ausgeprägter vermeidender Bindungsorganisation wird Unabhängigkeit teilweise stark idealisiert. Beziehungen können dagegen relativiert oder abgewertet werden.

Typische Vorstellungen können sein:

„Jeder ist letztlich für sich selbst verantwortlich.“

„Man sollte niemanden brauchen.“

„Zu viel Nähe macht abhängig.“

„Gefühle machen alles nur kompliziert.“

Solche Überzeugungen können teilweise Ausdruck einer tatsächlich autonomen Persönlichkeit sein. Sie können jedoch auch eine defensive Funktion erfüllen: Wenn Beziehungen als weniger wichtig dargestellt werden, reduziert dies die psychische Bedeutung möglicher Zurückweisung.

Deaktivierungsstrategien in Partnerschaften

In erwachsenen Beziehungen können verschiedene sogenannte Deaktivierungsstrategien auftreten. Sie dienen dazu, emotionale Nähe innerlich oder äußerlich zu reduzieren.

Dazu können gehören:

● verstärkte Konzentration auf Fehler des Partners,

● Zweifel an der Beziehung, sobald diese verbindlicher wird,

● Idealisierung früherer oder unerreichbarer Partner,

● starke Betonung persönlicher Freiheit,

● emotionale oder körperliche Distanzierung,

● Vermeidung tiefgehender Gespräche,

● Rückzug nach besonders intensiven Momenten von Nähe,

● Konzentration auf Arbeit, Hobbys oder andere Aktivitäten,

● Rationalisierung emotionaler Konflikte.

Ein Mensch kann beispielsweise nach einer Phase großer Nähe plötzlich beginnen, sich intensiv mit vermeintlichen Unzulänglichkeiten des Partners zu beschäftigen:

„Eigentlich passen wir vielleicht doch nicht zusammen.“

„Mich stört plötzlich ihre Art zu reden.“

„Vielleicht brauche ich einfach mehr Freiheit.“

Solche Gedanken müssen selbstverständlich nicht immer Ausdruck eines Bindungsmusters sein. Beziehungen können tatsächlich unpassend oder problematisch sein. Wenn jedoch regelmäßig gerade nach zunehmender Nähe eine starke Abwertung des Partners oder ein Bedürfnis nach Distanz entsteht, kann dies als mögliche Deaktivierungsstrategie verstanden werden. Gefühle werden häufig rationalisiert oder heruntergespielt.

Vermeidend gebundene Menschen können dazu neigen, emotionale Konflikte stark kognitiv zu bearbeiten. Statt über Angst, Verletzung oder Sehnsucht zu sprechen, wird beispielsweise argumentiert:

„Das ist doch objektiv gar kein Problem.“

„Du interpretierst da zu viel hinein.“

„Man muss nicht über alles reden.“

Diese Rationalisierung kann eine wichtige Schutzfunktion erfüllen. Die darunterliegende emotionale Ebene könnte wesentlich verletzlicher sein:

„Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, dass du mir so wichtig bist.“

oder:

„Wenn ich mich wirklich auf dich verlasse, könntest du mich enttäuschen.“

Diese primären Gefühle sind häufig wesentlich schwerer zugänglich als die sichtbare Distanzierung.

Physiologische Aktivierung trotz subjektiver Gelassenheit

Ein besonders interessantes Ergebnis der Bindungsforschung besteht darin, dass äußeres Verhalten, subjektives Erleben und körperliche Stressreaktionen nicht immer übereinstimmen. Menschen mit vermeidenden Bindungsstrategien können nach außen relativ ruhig und unabhängig erscheinen und subjektiv berichten:

„Das macht mir nichts aus.“

„Ich brauche niemanden.“

„Ich bin damit völlig okay.“

Gleichzeitig können unter bestimmten experimentellen Bedingungen körperliche Stressreaktionen auftreten. Dies unterstützt die Annahme, dass vermeidende Bindung nicht einfach bedeutet, dass Bindungsereignisse emotional bedeutungslos sind. Vielmehr kann eine Diskrepanz zwischen Bindungsaktivierung und bewusster Wahrnehmung beziehungsweise Ausdruck bestehen. Die Person hat möglicherweise gelernt, Bindungsstress psychisch möglichst wenig wahrzunehmen oder sichtbar werden zu lassen.

Wichtige begriffliche Unterscheidungen

Der Begriff „vermeidende Bindung“ wird im allgemeinen Sprachgebrauch häufig unscharf verwendet. Dabei sollten verschiedene Konzepte unterschieden werden.

Unsicher-vermeidende Bindung im Kindesalter

In der klassischen Bindungsforschung bezeichnet unsicher-vermeidende Bindung ein beobachtbares Bindungsmuster bei Kindern. Das Kind zeigt beispielsweise nach einer Trennung von der Bezugsperson relativ wenig sichtbare Belastung und vermeidet oder reduziert bei der Wiedervereinigung den Kontakt. Dies darf jedoch nicht vorschnell so interpretiert werden, dass dem Kind die Bezugsperson gleichgültig sei. Die geringe sichtbare Bindungsaktivierung wird vielmehr als Ergebnis einer deaktivierenden Bindungsstrategie verstanden.

Abweisend-vermeidende Bindung im Erwachsenenalter

Im Bereich erwachsener Bindungsmuster wird häufig von dismissing-avoidant, auf Deutsch etwa „abweisend-vermeidend“, gesprochen.

Typisch sind:

● starke Betonung von Unabhängigkeit,

● geringe bewusste Bedeutung von Bindungsbedürfnissen,

● Distanz gegenüber emotionaler Abhängigkeit,

● teilweise Idealisierung früher Bezugspersonen.

Im Adult Attachment Interview kann beispielsweise eine auffällig idealisierte Darstellung der Kindheit vorkommen, für die gleichzeitig nur wenige konkrete unterstützende Erinnerungen genannt werden können.

Ängstlich-vermeidende beziehungsweise fearful-avoidant Bindung

Diese Form sollte nicht mit der abweisend-vermeidenden Bindung gleichgesetzt werden. Bei fearful-avoidant Bindungsmustern besteht häufig gleichzeitig:

● ein starkes Bedürfnis nach Nähe

● und eine starke Angst vor Nähe beziehungsweise Zurückweisung.

Die Person möchte Bindung, fürchtet aber zugleich die Verletzlichkeit, die damit verbunden ist. Dadurch kann ein ausgeprägtes Annäherungs-Vermeidungs-Muster entstehen:

„Komm zu mir – aber komm mir nicht zu nahe.“

Die Person sucht Nähe, zieht sich dann zurück, vermisst den Partner und sucht erneut Kontakt.

Abgrenzung zur desorganisierten Bindung

Auch eine desorganisierte Bindungsorganisation sollte nicht einfach mit vermeidender Bindung gleichgesetzt werden. Bei einer organisierten vermeidenden Strategie existiert grundsätzlich eine erkennbare Regulationsstrategie:

Bindungsaktivierung wird durch Distanzierung und Deaktivierung kontrolliert.

Bei desorganisierten Bindungsmustern fehlt dagegen zeitweise eine konsistente Strategie zur Regulation von Nähe und Bedrohung. Es können widersprüchliche, fragmentierte oder desorientierte Reaktionen auftreten.

Die Nähe-Distanz-Dynamik in Paarbeziehungen

Besonders deutlich werden vermeidende Bindungsstrategien häufig in Beziehungen mit einem Partner, der eher ängstlich oder verlustängstlich gebunden ist. Hier kann sich ein sich selbst verstärkender Nähe-Distanz-Kreislauf entwickeln.

Ein typischer Ablauf sieht folgendermaßen aus:

Unsicherheit → verstärkte Suche nach Nähe → Druckerleben → Rückzug → zunehmende Verlustangst → noch stärkere Suche nach Nähe → noch stärkerer Rückzug.

Der ängstlich gebundene Partner versucht möglicherweise:

„Bitte sag mir, was los ist.“

„Warum redest du nicht mit mir?“

„Liebst du mich überhaupt noch?“

Der vermeidend gebundene Partner erlebt diese Versuche möglicherweise nicht primär als Liebesangebot, sondern als Druck.

Er denkt:

„Ich kann es sowieso nicht richtig machen.“

„Ich werde eingeengt.“

„Ich brauche Abstand.“

Daraufhin zieht er sich zurück. Dieser Rückzug wiederum bestätigt die größte Angst des anderen Partners:

„Ich verliere ihn.“

Daraufhin intensiviert dieser seine Bemühungen um Kontakt. Je stärker einer verfolgt, desto stärker zieht sich der andere zurück. Und je stärker einer sich zurückzieht, desto stärker verfolgt der andere. So entsteht ein zirkulärer Beziehungskonflikt.

Vermeidende Bindung aus Sicht der Emotionsfokussierten Paartherapie

In der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT) wird diese Dynamik häufig als Pursue-Withdraw-Zyklus beschrieben. Der stärker bindungssuchende Partner übernimmt häufig die Rolle des Pursuers, während der vermeidend regulierende Partner eher zum Withdrawer wird.

Entscheidend ist jedoch:

Der Rückzug des Withdrawers ist nicht automatisch Ausdruck von Desinteresse oder fehlender Liebe. Er kann selbst eine Bindungsstrategie darstellen.

Der Rückzug kann beispielsweise bedeuten:

„Ich habe Angst, dich zu enttäuschen.“

„Ich weiß nicht, wie ich dir geben soll, was du brauchst.“

„Wenn wir weiterreden, wird alles nur schlimmer.“

„Ich fürchte, dass ich nicht gut genug für dich bin.“

„Ich möchte unsere Beziehung nicht noch mehr beschädigen, deshalb ziehe ich mich zurück.“

An der Oberfläche erscheint Distanz. Darunter können jedoch Angst, Scham, Hilflosigkeit oder Bindungssehnsucht liegen.

Primäre und sekundäre Emotionen

Für die therapeutische Arbeit ist die Unterscheidung zwischen sichtbaren Reaktionen und tieferliegenden Emotionen besonders wichtig.

Ein vermeidend gebundener Partner zeigt beispielsweise:

An der Oberfläche:

„Lass mich in Ruhe.“

Darunter kann liegen:

„Ich fühle mich überfordert.“

Noch tiefer:

„Ich habe Angst, dass ich dir nicht genüge.“

Und auf der Bindungsebene:

„Du bist mir wichtig, und gerade deshalb macht mir dieser Konflikt Angst.“

Die therapeutische Aufgabe besteht daher nicht einfach darin, den Rückzug zu kritisieren oder den vermeidenden Partner zu mehr Kommunikation zu drängen. Vielmehr geht es darum, die Schutzfunktion der Distanzierung zu verstehen und die darunterliegenden primären Emotionen und Bindungsbedürfnisse zugänglich zu machen.

Vermeidung bedeutet nicht Gefühllosigkeit

Eine der häufigsten Fehlinterpretationen vermeidender Bindung besteht darin, emotionale Distanz mit mangelnder Liebesfähigkeit gleichzusetzen. Das ist zu vereinfachend. Ein Mensch kann starke Gefühle haben und gleichzeitig Schwierigkeiten besitzen, diese wahrzunehmen, auszudrücken oder in einer Beziehung auszuhalten. Manche Menschen regulieren Angst durch Nähe. Andere regulieren Angst durch Distanz. Beides kann letztlich der Versuch sein, Bindungssicherheit herzustellen.

Der ängstlich gebundene Mensch sagt gewissermaßen:

„Komm näher, damit ich mich sicher fühle.“

Der vermeidend gebundene Mensch sagt eher:

„Gib mir Raum, damit ich mich sicher genug fühle, in Beziehung zu bleiben.“

Diese Perspektive verändert das Verständnis von Beziehungskonflikten erheblich.

Bindungsstile sind keine starren Persönlichkeitstypen

Bindungsstile sollten nicht als unveränderliche Etiketten verstanden werden. Ein Mensch ist nicht einfach „ein Vermeider“.

Bindungsmuster können:

● unterschiedlich stark ausgeprägt sein,

● sich je nach Beziehung unterscheiden,

● durch aktuelle Lebenssituationen beeinflusst werden,

● durch korrigierende Beziehungserfahrungen verändert werden.

Ein Mensch kann beispielsweise in einer stabilen Partnerschaft relativ sicher gebunden sein, in einer konfliktreichen Beziehung jedoch deutlich stärkere vermeidende Strategien entwickeln. Auch die Bindungsmuster des Partners beeinflussen das eigene Verhalten. Deshalb ist es häufig sinnvoller, von Bindungsstrategien oder Bindungstendenzen zu sprechen als von unveränderlichen Persönlichkeitseigenschaften.

Veränderungsmöglichkeiten

Vermeidende Bindungsmuster sind grundsätzlich veränderbar. Eine Entwicklung in Richtung größerer Bindungssicherheit wird insbesondere durch Beziehungen gefördert, in denen wiederholt die Erfahrung gemacht werden kann:

„Ich kann mich zeigen, ohne vereinnahmt zu werden.“

„Ich kann jemanden brauchen, ohne meine Autonomie zu verlieren.“

„Meine Gefühle sind für einen anderen Menschen zumutbar.“

„Konflikte bedeuten nicht automatisch Ablehnung oder Beziehungsverlust.“

„Nähe und Selbstständigkeit können gleichzeitig bestehen.“

Hilfreich können dabei sein:

● zunehmende Wahrnehmung eigener Gefühle und Bedürfnisse,

● das Erkennen automatischer Rückzugs- und Deaktivierungsstrategien,

● das Erlernen einer differenzierteren emotionalen Sprache,

● schrittweise Erfahrungen mit Verletzlichkeit,

● klare Kommunikation persönlicher Grenzen,

● sichere und verlässliche Beziehungserfahrungen,

● Paartherapie oder individuelle Psychotherapie.

Ziel ist dabei nicht, Autonomie aufzugeben. Gesunde Bindung bedeutet vielmehr, Autonomie und Verbundenheit miteinander verbinden zu können. Ein sicher gebundener Mensch muss weder vollständig unabhängig noch ständig auf Nähe angewiesen sein. Er kann Nähe zulassen, ohne sich selbst zu verlieren, und Distanz aushalten, ohne sofort den Verlust der Beziehung zu befürchten.

Zusammenfassung

Vermeidende Bindung lässt sich am besten als eine erlernte Strategie verstehen, mit emotionaler Verletzlichkeit und Bindungsunsicherheit umzugehen. Frühe Erfahrungen können einem Menschen vermitteln, dass das offene Zeigen von Bedürfnissen nach Nähe, Trost und Unterstützung wenig erfolgversprechend oder sogar schmerzhaft ist. Als Anpassung kann er lernen, Bindungsbedürfnisse zu deaktivieren, Selbstständigkeit besonders stark zu betonen und emotionale Nähe zu kontrollieren. Im Erwachsenenalter kann sich dies in ausgeprägter Autonomie, Schwierigkeiten mit Verletzlichkeit, emotionalem Rückzug und einer Tendenz zur Distanzierung bei zunehmender Intimität zeigen.

Entscheidend ist jedoch:

Distanz ist nicht zwangsläufig das Gegenteil von Bindung. Sie kann paradoxerweise eine Strategie sein, Bindung zu schützen. Gerade in Paarbeziehungen wird dies im Pursue-Withdraw-Zyklus deutlich. Während der eine Partner aus Bindungsangst mehr Nähe sucht, versucht der andere, dieselbe Unsicherheit durch mehr Distanz zu regulieren. Beide reagieren damit auf ein grundlegendes Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit – allerdings mit entgegengesetzten Strategien.

Therapeutisch besteht die zentrale Aufgabe darin, nicht nur das sichtbare Rückzugsverhalten zu betrachten, sondern dessen Schutzfunktion zu verstehen und Zugang zu den darunterliegenden primären Emotionen und Bindungsbedürfnissen zu ermöglichen.

Damit kann sich allmählich eine neue Erfahrung entwickeln:

Nähe muss weder Abhängigkeit noch Kontrollverlust bedeuten.
Autonomie und Verbundenheit können gleichzeitig möglich sein.

Werner Eberwein