Was ist Ehrliches Mitteilen?

Ehrliches Mitteilen“ ist ein Kommunikations- und Beziehungsansatz, der darauf abzielt, radikal ehrlich, transparent und gegenwartsbezogen mitzuteilen, was gerade innerlich los ist – ohne Vorwurf, Interpretation oder Strategie.

Der Begriff ist vor allem durch den Psychotherapeuten Gopal Norbert Klein bekannt geworden.

Kernidee

Statt über den anderen zu sprechen („Du bist immer …“) teilt man ausschließlich eigene innere Wahrnehmungen mit – z. B.:

  • Gefühle
  • Körperempfindungen
  • Impulse
  • Gedanken als Gedanken

ohne Forderung, Rechtfertigung oder Manipulation.

Die 4 Ebenen des Ehrlichen Mitteilens

Typischerweise wird auf vier Ebenen gesprochen:

  1. Körperempfindung „Ich spüre Druck in der Brust.“
  2. Gefühl / Emotion „Ich fühle mich gerade unsicher.“
  3. Gedanke „Ich habe den Gedanken, dass ich dir egal bin.“ (nicht: „Du findest mich egal.“)
  4. Impuls / Bedürfnis „Ich habe den Impuls, mich zurückzuziehen.“

Wichtige Regeln

  • Keine Vorwürfe
  • Keine Deutungen über den anderen
  • Keine versteckten Forderungen
  • Alles im Ich-Bezug
  • Nur das mitteilen, was jetzt da ist
  • Verantwortung für das Eigene übernehmen

Wozu das Ganze?

Ehrliches Mitteilen soll:

  • emotionale Abhängigkeiten sichtbar machen
  • Konflikte entschärfen
  • echte Nähe ermöglichen
  • Manipulation und Machtspiele reduzieren
  • Selbstwahrnehmung stärken

Es wird häufig in:

  • Paarbeziehungen
  • Therapie
  • Selbsterfahrungsgruppen
  • Konfliktklärung

angewendet.

Kurzes Beispiel

„Du hörst mir nie zu.“ =} „Ich merke Enge im Bauch und fühle mich gerade frustriert. Ich habe den Gedanken, nicht wichtig zu sein.“

Kritik (wichtig!)

Der Ansatz ist nicht unumstritten:

  • kann ungeübt sehr konfrontativ wirken
  • braucht klare Regeln und Reife
  • ersetzt keine Therapie
  • kann missbraucht werden, um Verantwortung zu vermeiden („Ich teile nur mit…“)

Hier ist ein klarer, strukturierter Vergleich zwischen Ehrlichem Mitteilen (EM) und Gewaltfreier Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg:

Kurzfassung

  • GFK = verbindend, lösungsorientiert, alltagstauglich
  • Ehrliches Mitteilen = radikal ehrlich, beziehungsdiagnostisch, konfrontativ

1. Grundhaltung

Gewaltfreie Kommunikation (GFK)

  • Ziel: Verbindung herstellen
  • Fokus: gegenseitiges Verständnis
  • Geht davon aus, dass alle Bedürfnisse gleichwertig sind
  • Kommunikation ist bewusst gestaltbar

Ehrliches Mitteilen (EM)

  • Ziel: Wahrheit sichtbar machen
  • Fokus: innere Zustände offenlegen
  • Geht davon aus, dass Beziehungsmuster unbewusst gesteuert sind
  • Kommunikation ist Entdeckungsprozess, nicht Steuerung

2. Struktur

GFK – 4 Schritte

  1. Beobachtung (ohne Bewertung)
  2. Gefühl
  3. Bedürfnis
  4. Bitte (konkret, erfüllbar, freiwillig)

Stark strukturiert und trainierbar

EM – 4 Ebenen

  1. Körperempfindung
  2. Gefühl
  3. Gedanke
  4. Impuls

Keine Bitte, keine Lösung, kein Ziel

3. Umgang mit dem Gegenüber

GFK

  • Das Gegenüber wird aktiv einbezogen
  • Bitten ermöglichen Verhandlung
  • Verantwortung wird geteilt

Beispiel:

„Wärst du bereit, mir zu sagen, ob du mich gehört hast?“

EM

  • Das Gegenüber wird nicht adressiert
  • Keine Bitten, keine Appelle
  • Verantwortung bleibt radikal bei mir

Beispiel:

„Ich merke Anspannung und habe den Impuls, mich zu rechtfertigen.“

4. Manipulation & Strategie

GFK

  • Kann (ungeübt) strategisch eingesetzt werden
    („Ich formuliere nett, um etwas zu bekommen“)

EM

  • Soll nicht strategisch sein
  • Jede Absicht, etwas zu bewirken, gilt als Störung

EM ist absichtlich „unwirksam“

5. Beziehungsebene

GFK

  • Sehr gut für:
    • Konfliktlösung
    • Mediation
    • Arbeitskontexte
    • Co-Parenting

EM

  • Sehr gut für:
    • Paarbeziehungen
    • emotionale Abhängigkeiten
    • Nähe-/Distanz-Themen
    • Therapie & Selbsterfahrung

6. Sicherheit & Grenzen

GFK

  • Bietet emotionale Sicherheit
  • Gut geeignet für Menschen mit Trauma-Hintergrund
  • Klare Schutzmechanismen

EM

  • Kann überfordernd sein
  • Kann retraumatisieren, wenn unbegleitet
  • Braucht hohe Selbstverantwortung

Merksatz

GFK will Verbindung gestalten.

Ehrliches Mitteilen will Wahrheit sichtbar machen.

Situation

Alex kommt abends nach Hause, schaut aufs Handy, sagt kaum etwas.

Sam fühlt sich übergangen und verletzt.

Ehrliches Mitteilen (EM)

Rahmen:

  • Kein Ziel
  • Keine Bitte
  • Keine Veränderungserwartung
  • Nur innere Zustände mitteilen

Sam:

„Ich merke Enge im Bauch und Druck im Brustkorb. Ich fühle mich gerade traurig und unsicher. Ich habe den Gedanken, nicht wichtig zu sein. Ich habe den Impuls, mich zurückzuziehen.“ (Pause. Kein „und deshalb…“)

Alex (antwortet ebenfalls mit EM):

„Ich spüre Spannung im Nacken. Ich fühle mich überfordert. Ich habe den Gedanken, dass ich gerade nichts geben kann. Ich habe den Impuls, still zu sein.“

Was hier passiert:

  • Keine Lösung
  • Keine Klärung
  • Aber: emotionale Realität beider wird sichtbar
  • Nähe entsteht ohne Einigung

Gewaltfreie Kommunikation (GFK)

Rahmen:

  • Ziel: Verbindung & Veränderung
  • Struktur mit Bitte
  • Dialogisch

Sam:

„Als du vorhin nach Hause kamst und direkt aufs Handy geschaut hast, habe ich mich traurig und ausgeschlossen gefühlt, weil mir Nähe und Austausch wichtig sind. Wärst du bereit, mir kurz zu sagen, wie es dir gerade geht?“

Alex:

„Ich höre, dass du dir Nähe wünschst. Ich bin gerade sehr erschöpft und brauche kurz Ruhe. Könnten wir in 20 Minuten reden?“

Sam:

„Ja, das ist okay.“

Was hier passiert:

  • Bedürfnis wird benannt
  • Konkrete Lösung entsteht
  • Beziehung wird aktiv gestaltet
Ehrliches MitteilenGewaltfreie Kommunikation
Keine BitteKlare Bitte
Keine LösungLösung erwünscht
Innere WahrheitBeziehungsgestaltung
Kann unbequem seinEher alltagstauglich
Nähe durch OffenheitNähe durch Verständigung

Faustregel

  • Wenn du verstehen willst, was wirklich in dir passiert → EM
  • Wenn du etwas klären oder verändern willst → GFK

Viele Menschen nutzen:

EM für Selbsterkenntnis – GFK für den Alltag.

Verdeckter Vorwurf im Ich-Satz

Misslungen

„Ich fühle mich verletzt, weil du mich ignorierst.“
Das ist kein EM, sondern ein Vorwurf mit Ich-Verpackung. Die Verantwortung wird dem anderen zugeschoben.

Korrekt

„Ich fühle mich verletzt. Ich habe den Gedanken, ignoriert zu werden.“

Gedanke wird als Wahrheit verkauft

Misslungen

„Ich habe den Gedanken, dass du kein Interesse an mir hast.“
Klingt wie EM, ist aber Interpretation des anderen.

Korrekt

„Ich habe den Gedanken, nicht wichtig zu sein.“
Der Gedanke bleibt bei mir, nicht beim Gegenüber.

EM als Druckmittel („Ich teile nur mit …“)

Misslungen

„Ich teile nur ehrlich mit, dass ich total traurig bin, wenn du jetzt gehst.“
Implizite Botschaft: „Du darfst jetzt nicht gehen.“

→ emotionale Manipulation

Korrekt

„Ich fühle mich traurig. Ich spüre Schwere im Körper. Ich habe den Impuls zu weinen.“
(ohne Erwartung, dass der andere bleibt)

EM wird zur Endlosschleife

Misslungen

„Ich spüre Angst. Ich spüre noch mehr Angst. Jetzt kommt Panik. Jetzt noch mehr Panik.“
Keine Selbstregulation, nur Abreaktion. Das Gegenüber wird zum Container gemacht.

Besser

  • EM dosieren
  • Pausen zulassen
  • ggf. sagen:

„Ich merke, dass es gerade zu viel wird. Ich stoppe hier.“

EM ohne Beziehungskontext

Misslungen

„Ich spüre Wut und den Impuls zu schreien.“
Für das Gegenüber bedrohlich, wenn kein sicherer Rahmen da ist.

Korrekt

„Ich spüre viel Energie im Körper und Wut. Mir ist wichtig zu sagen, dass ich verantwortlich bleibe.“

EM wird mit Authentizität verwechselt

Misslungen

„Ich bin halt ehrlich: Du triggert mich total.“
Das ist ungefilterte Projektion, kein EM.

Korrekt

„Ich merke starke Aktivierung im Körper und habe den Gedanken, getriggert zu sein.“

EM zur Vermeidung von Handlung

Misslungen

„Ich teile nur mit, dass ich mich überfordert fühle.“
(immer wieder – aber nichts ändert sich)

EM wird benutzt, um keine Verantwortung für Grenzen oder Entscheidungen zu übernehmen.

Wichtig

EM ersetzt keine:

  • Grenze
  • Entscheidung
  • Handlung
  • Klärung

Merksatz

EM scheitert immer dort, wo es nicht mehr bei mir bleibt.

Oder zugespitzt:

Sobald dein EM etwas beim anderen bewirken soll, ist es kein EM mehr.

Situation: Starker Streit

Beide sind hoch aktiviert. Stimmen werden laut. Alte Verletzungen sind da.

Alex:

„Du denkst immer nur an dich!“

Sam:

„Du verdrehst alles! Mit dir kann man nicht reden!“

Das ist Eskalation: Vorwurf, Verteidigung, Kampfmodus.

Warum EM hier oft nicht sofort geht

Bei starkem Streit ist das Nervensystem meist:

  • im Fight-or-Flight
  • nicht selbstregulierbar
  • nicht aufnehmend

EM braucht minimale Selbstanbindung.

Ohne die wird EM schnell:

  • vorwurfsvoll
  • übergriffig
  • oder emotional manipulativ

Misslungener Versuch von EM im Streit

Sam (zu früh):

„Ich spüre Wut, weil du mich nie ernst nimmst.“

Klingt wie EM, ist aber:

  • Schuldzuweisung
  • Eskalationsverstärker

Alex:

„Ach ja? Jetzt bin ich also wieder schuld?!“

Streit explodiert weiter.

Zwischenschritt: EM zur

Deeskalation

Im starken Streit ist EM verkürzt und regulierend, nicht ausführlich.

Sam:

„Stopp.

Ich merke extreme Anspannung im Körper. Ich kann gerade nicht klar sprechen.“
(kein Inhalt, keine Geschichte)

Alex (wenn möglich):

„Ich spüre Hitze und Druck im Kopf. Ich bin gerade im Kampfmodus.“

Was passiert:

  • Fokus geht weg vom Inhalt
  • Nervensystem wird benannt
  • Tempo sinkt

EM

Nach der Eskalationsspitze

Jetzt ist EM wieder möglich.

Sam:

„Ich spüre Zittern im Bauch. Ich fühle Angst und Wut. Ich habe den Gedanken, allein zu sein. Ich habe den Impuls, anzugreifen oder zu fliehen.“

Alex:

„Ich spüre Schwere im Brustkorb. Ich fühle mich hilflos. Ich habe den Gedanken, zu versagen. Ich habe den Impuls, dichtzumachen.“

Wichtig:

Kein „Du hast…“, kein Klären, kein Lösen.

Ganz wichtige Grenze

EM ist kein Streitwerkzeug.

EM ist ein Nach-Streit-Werkzeug.

Wenn:

  • jemand schreit
  • beleidigt
  • Angst auslöst
  • Grenzen überschreitet

dann zuerst:

  • Pause
  • Abstand
  • klare Grenze

z. B.:

„Ich gehe jetzt. Wir reden später.“

Das ist kein EM, aber notwendig.

Merksätze für starken Streit

  • Je höher die Erregung, desto kürzer das EM
  • EM ersetzt keine Pause
  • Ohne Selbstkontakt kein EM
  • Erst regulieren, dann mitteilen

Das ist eine sehr wichtige Frage.

Nach einem heftigen Streit geht es nicht um Klärung, sondern zuerst um Wieder-Kontakt.

Hier ist ein bewährter Ablauf in 4 Phasen, mit konkreten Beispielen.

Phase 1: Eigene Regulierung (allein)

Vor Kontakt

Fragen an dich (still, nicht im Gespräch):

• Ist mein Körper noch im Alarm?

• Will ich Recht haben oder Kontakt?

• Kann ich beim Ich bleiben?

Wenn nein → warten.

Kontakt im Alarmzustand = neuer Streit.

Phase 2: Sich zeigen – ohne Thema

Kontakt herstellen, nicht klären

Ehrliches Mitteilen (kurz & weich)

„Ich merke noch Anspannung im Körper. Ich fühle Unsicherheit. Mir ist gerade Kontakt wichtig.“

Wichtig:

• kein Streitinhalt

• keine Schuldfrage

• keine Rechtfertigung

Das ist eine Kontaktanfrage, keine Diskussion.

Phase 3: Resonanz zulassen

Jetzt nichts erklären, nur hören.

Mögliche Antworten:

• „Ich bin noch nicht so weit.“

• „Mir tut der Streit noch weh.“

• „Ja, ich bin auch vorsichtig.“

Alles davon ist okay.

Antwort mit EM:

„Ich spüre Enttäuschung und gleichzeitig Erleichterung, dass du ehrlich bist.“

Phase 4: Mini-Kontakt vor Inhalt

Erst wenn beide reguliert sind:

Beispiele:

• zusammen Tee trinken

• nebeneinander sitzen

• kurze Umarmung (nur wenn beidseitig stimmig)

• Spaziergang ohne Streitgespräch

Nähe ohne Klärung heilt mehr als jedes Gespräch.

Typische Fehler nach Streit

• sofort alles „besprechen wollen“

• Entschuldigung erzwingen

• EM nutzen, um doch Recht zu bekommen

• alte Themen aufmachen

Erst später: Klärung (optional)

Wenn wieder Sicherheit da ist, dann:

• GFK

• oder moderiertes Gespräch

• oder bewusstes EM

Aber:

Kontakt ist wichtiger als Verständnis.

Merksatz

Nach Streit braucht das Nervensystem Nähe – nicht Analyse.

Nach einem heftigen Streit geht es nicht um Klärung, sondern zuerst um Wieder-Kontakt.

Hier ist ein bewährter Ablauf in 4 Phasen, mit konkreten Beispielen.

Phase 1: Eigene Regulierung (allein)

Vor Kontakt

Fragen an dich (still, nicht im Gespräch):

  • Ist mein Körper noch im Alarm?
  • Will ich Recht haben oder Kontakt?
  • Kann ich beim Ich bleiben?

Wenn nein → warten.

Kontakt im Alarmzustand = neuer Streit.

Phase 2: Sich zeigen – ohne Thema

Kontakt herstellen, nicht klären

Ehrliches Mitteilen (kurz & weich)

„Ich merke noch Anspannung im Körper. Ich fühle Unsicherheit. Mir ist gerade Kontakt wichtig.“

Wichtig:

  • kein Streitinhalt
  • keine Schuldfrage
  • keine Rechtfertigung

Das ist eine Kontaktanfrage, keine Diskussion.

Phase 3: Resonanz zulassen

Jetzt nichts erklären, nur hören.

Mögliche Antworten:

  • „Ich bin noch nicht so weit.“
  • „Mir tut der Streit noch weh.“
  • „Ja, ich bin auch vorsichtig.“

Alles davon ist okay.

Antwort mit EM:

„Ich spüre Enttäuschung und gleichzeitig Erleichterung, dass du ehrlich bist.“

Phase 4: Mini-Kontakt vor Inhalt

Erst wenn beide reguliert sind:

Beispiele:

  • zusammen Tee trinken
  • nebeneinander sitzen
  • kurze Umarmung (nur wenn beidseitig stimmig)
  • Spaziergang ohne Streitgespräch

Nähe ohne Klärung heilt mehr als jedes Gespräch.

Typische Fehler nach Streit

  • sofort alles „besprechen wollen“
  • Entschuldigung erzwingen
  • EM nutzen, um doch Recht zu bekommen
  • alte Themen aufmachen

Erst später: Klärung (optional)

Wenn wieder Sicherheit da ist, dann:

  • GFK
  • oder moderiertes Gespräch
  • oder bewusstes EM

Aber:

Kontakt ist wichtiger als Verständnis.

Merksatz

Nach Streit braucht das Nervensystem Nähe – nicht Analyse.

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