Was ist das Impostor-Syndrom?
Das Impostor-Syndrom (auch Hochstapler-Syndrom) bezeichnet ein psychologisches Phänomen, bei dem Menschen trotz realer Erfolge glauben, sie seien eigentlich nicht kompetent und würden „irgendwann entlarvt“.
Kurz erklärt
Betroffene führen ihre Erfolge nicht auf eigene Fähigkeiten zurück, sondern auf:
- Glück
- Zufall
- äußere Umstände
- Hilfe anderer
Gleichzeitig haben sie Angst, dass andere merken könnten, dass sie „gar nicht so gut sind, wie alle denken“.
Typische Gedanken
- „Ich hatte einfach nur Glück.“
- „Das kann doch jeder.“
- „Beim nächsten Mal fliege ich auf.“
- „Ich gehöre hier eigentlich nicht hin.“
Wer ist besonders betroffen?
- leistungsstarke Menschen
- Studierende, Berufseinsteiger:innen
- Führungskräfte
- Kreative
- Menschen in neuen Rollen oder Umgebungen
- häufig Frauen (aber alle Geschlechter können betroffen sein)
Typische Folgen
- ständiger Selbstzweifel
- Perfektionismus
- Überarbeitung
- Angst vor Fehlern
- Schwierigkeiten, Lob anzunehmen
Wichtig zu wissen
Das Impostor-Syndrom ist keine psychische Krankheit, sondern ein weit verbreitetes Muster von Gedanken und Gefühlen.
Viele sehr erfolgreiche Menschen berichten davon.
Das Impostor-Syndrom entsteht meist nicht durch einen einzelnen Grund, sondern durch ein Zusammenspiel aus Persönlichkeit, Erfahrungen und Umfeld. Die wichtigsten Ursachen sind:
1. Frühe Prägungen & Erziehung
- Hohe Erwartungen in der Kindheit („Du kannst mehr“, „Nur sehr gut reicht“)
- Lob, das sich nur auf Leistung statt auf Anstrengung bezieht
- Vergleiche mit Geschwistern oder anderen („Schau mal, wie gut … ist“)
Man lernt: Ich bin nur wertvoll, wenn ich perfekt bin.
2. Perfektionismus
- Eigene Maßstäbe sind extrem hoch
- Fehler werden als persönliches Versagen gesehen
- Erfolg fühlt sich nie „gut genug“ an
Alles unter Perfektion gilt innerlich als Beweis der eigenen Unfähigkeit.
3. Neue Rollen & Übergänge
- Studienbeginn, neuer Job, Beförderung, Karrierewechsel
- Man ist plötzlich unter sehr kompetenten Menschen
Vergleich führt zu dem Gefühl: Ich bin hier fehl am Platz.
4. Verzerrte Selbstwahrnehmung
- Eigene Fehler werden überbewertet
- Eigene Erfolge werden relativiert oder erklärt („Glück“, „Timing“)
- Kompetenz anderer wird überschätzt
Man sieht ein ungleiches Bild: andere = kompetent, ich = Zufall.
5. Gesellschaftliche & strukturelle Faktoren
- Minderheiten, Frauen oder Menschen ohne Vorbilder in einer Rolle
- Stereotype („Du passt hier nicht rein“ – offen oder subtil)
- Fehlende Repräsentation
Das Gefühl, „nicht dazuzugehören“, verstärkt Selbstzweifel.
6. Angst vor Bewertung & Ablehnung
- Starker Wunsch, anerkannt zu werden
- Angst, Erwartungen zu enttäuschen
Selbstzweifel dienen unbewusst als Schutz: Wenn ich mich selbst kritisiere, tut Kritik von außen weniger weh.
7. Erfolg ohne innere Anerkennung
- Erfolge werden erreicht, aber emotional nicht „gespeichert“
- Kein inneres Gefühl von Kompetenz
Der Kopf weiß: Ich bin gut. Das Gefühl sagt: Irgendwas stimmt nicht.
Wichtig
Das Impostor-Syndrom entsteht nicht, weil jemand unfähig ist sondern oft gerade bei fähigen, reflektierten und verantwortungsbewussten Menschen.
Es gibt klassische Typen des Impostor-Syndroms, die beschreiben, wie sich Selbstzweifel zeigen. Viele Menschen erkennen sich in mehr als einem Typ wieder.
1. Der/die Perfektionist:in
Gedanken & Verhalten
- Extrem hohe Ansprüche an sich selbst
- Jeder kleine Fehler fühlt sich wie ein Totalausfall an
- Erfolg zählt nur, wenn alles perfekt war
Innerer Satz: „Wenn es nicht perfekt ist, bin ich nicht gut genug.“
2. Der/die Supermensch
Gedanken & Verhalten
- Muss überall überdurchschnittlich sein
- Arbeitet mehr als andere, um „nicht aufzufallen“
- Schuldgefühle bei Pausen oder Erholung
Innerer Satz: „Ich muss alles schaffen – sonst merken sie, dass ich nichts kann.“
3. Das Naturtalent
Gedanken & Verhalten
- Glaubt, Kompetenz müsse mühelos sein
- Sieht Anstrengung als Zeichen von Unfähigkeit
- Gibt schnell auf, wenn etwas nicht sofort klappt
Innerer Satz: „Wenn ich mich anstrengen muss, bin ich nicht dafür gemacht.“
4. Der/die Einzelkämpfer:in
Gedanken & Verhalten
- Hilfe annehmen fühlt sich wie Versagen an
- Will alles alleine schaffen
- Versteckt Unsicherheiten
Innerer Satz: „Wenn ich Hilfe brauche, habe ich es nicht verdient, hier zu sein.“
5. Der/die Expert:in
Gedanken & Verhalten
- Fühlt sich nie kompetent genug
- Wartet, bis er/sie „alles weiß“
- Hat Angst, Fragen zu stellen
Innerer Satz: „Ich weiß noch nicht genug, um ernst genommen zu werden.“
Werner Eberwein
