Was ist Animismus?

Der Begriff Animismus leitet sich vom lateinischen anima ab, was „Seele“, „Atem“ oder „Lebenskraft“ bedeutet.

Animismus bezeichnet Weltanschauungen, in denen nicht ausschließlich Menschen als beseelte oder geistig belebte Wesen verstanden werden. Auch Tiere, Pflanzen, Landschaften, Berge, Flüsse, Quellen, Wettererscheinungen und teilweise Gegenstände können als Träger einer eigenen Lebenskraft, eines Geistes, einer Seele oder einer besonderen Form von Handlungsmacht betrachtet werden.

Animistische Weltbilder unterscheiden daher häufig weniger strikt zwischen „belebter“ und „unbelebter“ Natur, als dies in modernen westlichen Naturwissenschaften üblich ist. Ein Fluss kann beispielsweise nicht nur als eine bestimmte Menge fließenden Wassers verstanden werden, sondern zugleich als ein Wesen, eine Kraft oder ein Beziehungspartner. Ähnliches kann für einen Berg, einen Wald oder ein bestimmtes Tier gelten.

Die Natur erscheint aus dieser Perspektive nicht als passive Materie, über die der Mensch beliebig verfügen kann. Vielmehr wird die Welt als ein Geflecht wechselseitiger Beziehungen verstanden, in dem Menschen gemeinsam mit Tieren, Pflanzen, Ahnen, Geistwesen und natürlichen Kräften existieren.

Beseeltheit und Eigenständigkeit der Natur

Tiere, Pflanzen, Landschaften oder Naturerscheinungen können als Wesen mit einer eigenen Qualität, Kraft oder Perspektive verstanden werden. Dabei muss nicht notwendigerweise angenommen werden, dass sie in exakt derselben Weise denken oder fühlen wie Menschen. Entscheidend ist vielmehr, dass ihnen eine gewisse Eigenständigkeit und Wirksamkeit zugesprochen wird.

In vielen animistischen Weltbildern steht der Mensch nicht grundsätzlich außerhalb oder oberhalb der Natur. Er ist vielmehr Teil eines größeren Beziehungsgefüges. Damit unterscheidet sich diese Vorstellung von Weltbildern, in denen die Natur primär als Objekt menschlicher Nutzung, Kontrolle oder Beherrschung betrachtet wird.

Wenn Tiere, Pflanzen oder Landschaften als eigenständige Wesen oder Kräfte verstanden werden, gewinnt die Qualität der Beziehung zu ihnen besondere Bedeutung. Respekt, Dankbarkeit, Rituale, Tabus oder Opfergaben können dazu dienen, ein angemessenes Verhältnis zwischen Menschen und ihrer Umwelt aufrechtzuerhalten. In zahlreichen animistischen Traditionen spielen außerdem Ahnen, Naturgeister oder andere nicht unmittelbar sichtbare Wesen eine wichtige Rolle. Sie können Einfluss auf Gesundheit, Jagderfolg, Wetter, Fruchtbarkeit oder das soziale Zusammenleben haben. Die konkreten Vorstellungen unterscheiden sich jedoch erheblich zwischen den einzelnen Kulturen.

Animismus ist keine einzelne Religion mit einem verbindlichen Glaubensbekenntnis, einer zentralen Institution oder einer festgelegten Theologie. Der Begriff dient vielmehr als Sammelbezeichnung für sehr unterschiedliche Formen des Welt- und Naturverständnisses. Deshalb sollte man vorsichtig sein, von „dem Animismus“ zu sprechen.

Entstehung des Begriffs

In die Religionswissenschaft und Anthropologie eingeführt wurde der Begriff im 19. Jahrhundert vor allem durch den britischen Anthropologen Edward Burnett Tylor. In seinem 1871 erschienenen Werk Primitive Culture entwickelte Tylor eine Theorie über die Entstehung von Religion. Nach seiner Vorstellung sei der Glaube an Seelen und Geister die ursprünglichste Form religiösen Denkens gewesen. Tylor ging davon aus, dass frühe Menschen unter anderem durch Erfahrungen mit Träumen, Tod und Bewusstlosigkeit zu der Vorstellung gelangt seien, dass Menschen einen vom Körper unterscheidbaren geistigen Bestandteil besitzen. Diese Vorstellung sei später auf Tiere, Pflanzen und Naturerscheinungen übertragen worden.

Innerhalb des evolutionistischen Denkens des 19. Jahrhunderts interpretierte Tylor Animismus als eine frühe oder „primitive“ Entwicklungsstufe der Religion. Diese Vorstellung gilt heute als problematisch und weitgehend überholt. Sie beruhte auf einem linearen Entwicklungsmodell, nach dem menschliche Gesellschaften angeblich von „primitiven“ zu immer „höheren“ kulturellen Formen fortschreiten. Moderne Ethnologie und Religionswissenschaft betrachten solche Modelle kritisch.

Vom „alten“ zum „neuen“ Animismus

In der neueren Anthropologie hat sich das Verständnis von Animismus deutlich verändert. Beim sogenannten klassischen oder alten Animismus stand die Frage im Vordergrund, ob Menschen glaubten, dass in Tieren, Pflanzen oder Gegenständen unsichtbare Seelen oder Geister wohnen. Der sogenannte neue Animismus richtet den Blick stärker auf Beziehungen. Entscheidend ist weniger die Frage:

  • „Glauben diese Menschen, dass dieser Baum eine Seele besitzt?“

Stattdessen wird gefragt:

  • „Wie verstehen und gestalten Menschen ihre Beziehung zu diesem Baum, diesem Tier, diesem Fluss oder dieser Landschaft?“

Damit verschiebt sich die Perspektive vom Glauben an übernatürliche Wesen hin zu unterschiedlichen Formen des In-Beziehung-Seins mit einer mehr-als-menschlichen Umwelt.

Beispiele animistisch geprägter Weltbilder

Ainu

Bei den Ainu, der indigenen Bevölkerung insbesondere Nordjapans, besitzen zahlreiche Naturerscheinungen und Lebewesen eine spirituelle Dimension. Eine wichtige Rolle spielen die Kamuy, geistige oder göttliche Wesen, die beispielsweise mit Tieren, Feuer, Wasser oder Naturkräften verbunden sein können. Besondere Bedeutung hatte traditionell der Bär. Die Beziehung zwischen Menschen, Tieren und Kamuy wurde durch komplexe Rituale gestaltet.

Indigene Traditionen Australiens

Viele religiöse und kulturelle Traditionen australischer Aboriginal Peoples stehen in engem Zusammenhang mit Landschaft, Ahnenwesen und sogenannten Traumzeit-Erzählungen. Landschaften sind dabei nicht lediglich geografische Räume. Berge, Felsen, Wasserstellen oder Wege können mit den Handlungen von Ahnenwesen verbunden sein und eine spirituelle Bedeutung besitzen. Der Mensch versteht sich häufig weniger als Besitzer des Landes denn als Teil eines wechselseitigen Verpflichtungsverhältnisses mit ihm.

Inuit-Traditionen

In traditionellen Weltbildern verschiedener Inuit-Gruppen werden Tiere häufig nicht lediglich als Jagdbeute betrachtet. Sie besitzen eine eigene Würde und spirituelle Bedeutung. Daraus ergeben sich teilweise Regeln für Jagd, Verarbeitung und Umgang mit den Überresten erlegter Tiere. Die Beziehung zwischen Mensch, Tier und Natur wird dadurch rituell und moralisch strukturiert.

Shintō in Japan

Auch der japanische Shintō enthält zahlreiche Vorstellungen, die als animistisch beschrieben werden können. Zentral sind die Kami. Darunter können Gottheiten, Ahnen oder geistige Kräfte verstanden werden, die unter anderem mit Bergen, Bäumen, Wasserfällen, Felsen oder bestimmten Orten verbunden sind. Die Verehrung von Kami zeigt, dass animistisch geprägte Vorstellungen keineswegs ausschließlich historischen oder sogenannten „traditionellen“ Gesellschaften angehören.

Indigene Gesellschaften Amazoniens

In verschiedenen Kulturen des Amazonasgebiets gibt es Vorstellungen, nach denen Tiere und andere nichtmenschliche Wesen über eine eigene Perspektive verfügen. Menschen und Tiere werden dabei teilweise als Wesen verstanden, die unterschiedliche körperliche Erscheinungsformen besitzen, aber dennoch über vergleichbare Formen von Innerlichkeit oder Subjektivität verfügen. Damit werden Jagd, Krankheit, Heilung und soziale Beziehungen in ein umfassenderes Netz zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen eingeordnet.

Animismus in der Entwicklungspsychologie

Auch in der Psychologie wird der Begriff Animismus verwendet. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget beschrieb bei Kindern die Tendenz, unbelebten Dingen menschliche Eigenschaften, Gefühle oder Absichten zuzuschreiben. Ein Kind kann beispielsweise sagen:

  • „Die Sonne verfolgt mich.“
  • „Die Wolke ist traurig.“
  • „Die Puppe möchte schlafen.“

oder:

  • „Der Tisch war böse, weil ich mich daran gestoßen habe.“

Piaget verstand solche Äußerungen als Bestandteil frühkindlichen Denkens. Kinder unterscheiden in bestimmten Entwicklungsphasen noch nicht in derselben Weise zwischen innerem Erleben, äußerer Wirklichkeit, Absicht und physikalischer Ursache wie Erwachsene. Dieses entwicklungspsychologische Konzept sollte allerdings nicht ohne Weiteres mit religiösem oder ethnologischem Animismus gleichgesetzt werden. Die Begriffe beschreiben unterschiedliche Phänomene.

Historische Verwendung in Medizin und Psychosomatik

Der Begriff Animismus wurde auch in historischen medizinischen Theorien verwendet. Der Arzt Georg Ernst Stahl vertrat im 17. und 18. Jahrhundert eine sogenannte animistische Medizin. Er nahm an, dass die Seele zentrale körperliche Lebensprozesse steuere. Diese medizinische Theorie ist vom religionswissenschaftlichen Animismus zu unterscheiden und besitzt heute vor allem wissenschaftshistorische Bedeutung.

Animistische Strukturen in Psychotherapie und Ericksonscher Hypnose

Interessant ist, dass animistisch anmutende Formen des Denkens auch in modernen psychotherapeutischen Verfahren auftreten können, ohne dass dabei tatsächlich ein religiöser Animismus vertreten wird. Besonders deutlich wird dies in bildhaften, körperorientierten und hypnotherapeutischen Verfahren. Dabei werden Körperteile, Symptome oder innere Prozesse sprachlich so behandelt, als verfügten sie über eine gewisse Eigenständigkeit.

Beispiele wären:

  • „Vielleicht weiß Ihr Körper bereits, was er jetzt braucht.“
  • „Ihr Magen darf allmählich entdecken, wie er sich beruhigen kann.“
  • „Vielleicht möchte diese Anspannung Ihnen etwas mitteilen.“
  • „Ein Teil von Ihnen kennt möglicherweise bereits einen Weg zur Entlastung.“

Solche Formulierungen behaupten nicht notwendigerweise, dass der Magen oder die Anspannung im wörtlichen Sinne ein eigenständiges Bewusstsein besitzen. Sie stellen vielmehr eine therapeutische Personifikation dar.

In der Ericksonschen Hypnotherapie spielen indirekte, metaphorische und permissive Sprachformen eine wichtige Rolle. Körperliche oder unbewusste Prozesse können dabei so angesprochen werden, als verfügten sie über ein eigenes Wissen:

  • „Ihre Hand kann vielleicht etwas entdecken, bevor Sie bewusst wissen, was es ist.“

oder:

  • „Ihr Körper kann sich an etwas erinnern, das Ihr bewusster Verstand längst vergessen hat.“

Dabei wird eine funktionale Trennung zwischen bewusstem Denken und unbewussten beziehungsweise körperlichen Prozessen sprachlich verstärkt. Die therapeutische Wirkung solcher Formulierungen muss nicht dadurch erklärt werden, dass tatsächlich eine Seele im jeweiligen Körperteil angenommen wird. Vielmehr können Personifikation und Metapher dazu beitragen, komplexe innere Prozesse erlebbar, anschaulich und emotional zugänglich zu machen.

Körperpsychotherapeutische Perspektive

Auch in der Körperpsychotherapie werden körperliche Empfindungen häufig nicht ausschließlich als mechanische Vorgänge betrachtet. Therapeutisch kann beispielsweise gefragt werden:

  • „Wenn diese Spannung sprechen könnte – was würde sie sagen?“
  • „Was braucht dieser Bereich Ihres Körpers?“
  • „In welche Richtung möchte diese Bewegung gehen?“
  • „Was geschieht, wenn Sie dieser Empfindung Raum geben?“

Der Körper wird dabei nicht lediglich zum Objekt diagnostischer Beobachtung, sondern zum Träger subjektiver Erfahrung. Dies hat strukturelle Ähnlichkeiten mit animistischen Denkformen: Körperliche Prozesse werden personifiziert und als Beziehungspartner behandelt. Eine solche Methode bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Therapeut oder Patient tatsächlich an eine eigenständige Seele des betreffenden Körperteils glauben.

Organsprache und Personifikation

Bei der therapeutischen Personifikation kann ein Symptom oder Körperbereich wie ein eigenständiger Akteur behandelt werden. Ein schmerzender Rücken könnte beispielsweise symbolisch „sagen“:

  • „Ich trage zu viel.“

Ein zugeschnürter Hals könnte mit dem Erleben verbunden werden:

  • „Etwas darf nicht ausgesprochen werden.“

Ein angespannter Bauch könnte metaphorisch für Schutz oder Angst stehen. Solche Bedeutungen sollten allerdings nicht vom Therapeuten festgelegt werden. Entscheidend ist die subjektive Bedeutung des Patienten. Therapeutisch sinnvoll ist daher eher die offene Frage:

  • „Wenn diese Empfindung eine Bedeutung hätte – welche könnte das für Sie sein?“

Externalisierung

Ein weiterer Mechanismus ist die Externalisierung. Eine Empfindung, ein Schmerz oder eine innere Spannung kann beispielsweise als Form, Farbe, Temperatur, Bewegung oder Figur imaginiert werden. Der Patient könnte einen Schmerz etwa als:

– schweren Stein,

– engen Ring,

– dunkle Wolke,

– heiße Kugel,

– festgefrorenen Knoten

erleben.

Dadurch entsteht eine gewisse psychische Distanz. Statt:

  • „Ich bin dieser Schmerz“

kann sich die Erfahrung verändern zu:

  • „Da ist ein Schmerz, den ich beobachten kann.“

Diese Distanzierung kann therapeutisch hilfreich sein, weil das Symptom dadurch zu etwas wird, mit dem eine Beziehung aufgenommen und experimentiert werden kann.

Ressourcen als eigenständige innere Instanzen

Nicht nur Symptome können personifiziert werden. Auch Ressourcen können in metaphorischer Form eine gewisse Eigenständigkeit erhalten:

  • „Vielleicht gibt es einen Teil in Ihnen, der schon lange weiß, wie man durch schwierige Zeiten kommt.“
  • „Vielleicht erinnert sich Ihr Körper an Situationen, in denen Sie sich sicher gefühlt haben.“
  • „Vielleicht kann sich eine ruhige Seite von Ihnen wieder bemerkbar machen.“

Dadurch werden Fähigkeiten oder Erfahrungen zugänglich gemacht, die dem bewussten Denken momentan möglicherweise nicht unmittelbar zur Verfügung stehen.

Naturmetaphern und animistische Struktur

Besonders anschaulich zeigt sich diese Verbindung bei Naturmetaphern. Ein Fluss kann beispielsweise für innere Prozesse stehen:

  • Er kann frei fließen.
  • Er kann langsamer werden.
  • Er kann auf Hindernisse treffen.
  • Er kann sich stauen.
  • Er kann Umwege finden.
  • Er kann Hindernisse umspülen.
  • Und er kann schließlich wieder in Bewegung kommen.

Eine solche Metapher personifiziert den inneren Prozess nicht vollständig, verleiht ihm jedoch eine lebendige Dynamik. Der Patient kann innere Erfahrungen wie Anspannung, Blockierung, Erstarrung oder Lösung in einem äußeren Bild wiedererkennen. Die Metapher schafft dabei gleichzeitig Nähe und Distanz: Das persönliche Problem wird nicht unmittelbar beschrieben, ist aber in symbolischer Form dennoch emotional und körperlich erfahrbar. Gerade darin kann die therapeutische Kraft von Metaphern liegen.

Animismus, Metapher und Trance

Es liegt nahe, einen Zusammenhang zwischen animistisch anmutender Sprache und Tranceprozessen zu vermuten. In hypnotischen Zuständen kann die Aufmerksamkeit stärker auf Bilder, Körperempfindungen, Metaphern und assoziative Zusammenhänge gerichtet werden. Dadurch können Formulierungen wie:

  • „Der Körper weiß …“
  • „Die Hand erinnert sich …“
  • „Der Schmerz möchte …“

Oder

  • „Der Fluss findet seinen Weg …“

besonders unmittelbar erlebt werden. Animistisch wirkende Sprache kann sich hierfür besonders eignen, weil sie abstrakte psychische Prozesse in lebendige Beziehungen und Bilder übersetzt.

Therapeutische Bedeutung

Aus psychotherapeutischer Sicht muss daher zwischen zwei Ebenen unterschieden werden:

  • Ontologischer Animismus behauptet, dass Naturwesen, Gegenstände oder Körperteile tatsächlich eine eigene Seele oder geistige Existenz besitzen.
  • Metaphorischer oder therapeutischer Animismus verwendet dagegen sprachliche Personifikationen, ohne diese notwendigerweise wörtlich zu verstehen.

Wenn in einer Therapie gesagt wird:

  • „Vielleicht weiß Ihr Körper etwas, das Ihr bewusster Verstand noch nicht weiß“,

muss dies daher keine metaphysische Behauptung sein. Es kann vielmehr eine therapeutische Einladung darstellen, implizites Wissen, Körperempfindungen, Erinnerungen und unbewusste Prozesse ernst zu nehmen.

Gerade Körperpsychotherapie und Hypnotherapie können von dieser sprachlichen Ebene profitieren. Körper, Symptome, innere Anteile und Naturbilder werden nicht ausschließlich analysiert, sondern gewissermaßen zu Gesprächspartnern. Dadurch können Erfahrungen zugänglich werden, die über rein begrifflich-rationales Denken nur schwer erreichbar sind.

Zusammenfassung

Animismus bezeichnet ursprünglich Weltbilder, in denen Menschen nicht als einzige beseelte oder subjektartige Wesen betrachtet werden. Tiere, Pflanzen, Landschaften, Naturerscheinungen oder andere Entitäten können ebenfalls eine eigene geistige Qualität oder Handlungsmacht besitzen.

Der im 19. Jahrhundert von Edward B. Tylor entwickelte klassische Animismusbegriff war mit einer inzwischen überholten Vorstellung kultureller Entwicklungsstufen verbunden. Die moderne Anthropologie betrachtet animistische Weltbilder wesentlich differenzierter und versteht sie häufig als besondere Formen der Beziehung zwischen Menschen und einer mehr-als-menschlichen Umwelt.

Strukturell vergleichbare Denk- und Sprachformen finden sich auch in Psychotherapie und Hypnose. Wenn Körperteile, Symptome, Ressourcen oder Naturmetaphern so behandelt werden, als hätten sie ein eigenes Wissen, eine Richtung oder eine Stimme, entsteht eine Form therapeutischer Personifikation.

In diesem Sinne lässt sich Animismus nicht nur als religionswissenschaftliches Konzept betrachten, sondern auch als Hinweis auf eine grundlegende menschliche Fähigkeit: Wir können mit inneren und äußeren Vorgängen in Beziehung treten, indem wir ihnen Gestalt, Stimme, Bedeutung und Lebendigkeit verleihen.

Werner Eberwein