Was ist ADHS?

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die vor allem im Kindesalter beginnt, aber oft bis ins Erwachsenenalter fortbesteht. Sie betrifft die Aufmerksamkeit, die Impulskontrolle und häufig auch das Bewegungsverhalten.

Die drei Hauptsymptome sind:

  1. Unaufmerksamkeit
    – Flüchtigkeitsfehler
    – Konzentrationsprobleme
    – Leichtes Ablenken durch äußere Reize
    – Schwierigkeiten, Aufgaben zu organisieren oder zu Ende zu bringen
  2. Hyperaktivität (nicht immer vorhanden)
    – Zappeln, Herumlaufen in unpassenden Situationen
    – Unruhegefühl („inneres Getriebensein“)
    – Rededrang
  3. Impulsivität
    – Plötzliche Handlungen ohne Nachdenken
    – Ungeduld
    – Schwierigkeiten, abzuwarten oder andere ausreden zu lassen

Zwei Hauptformen (nach DSM-5):

  • Vorwiegend unaufmerksamer Typ (oft bei Mädchen übersehen)
  • Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ
  • Kombinierter Typ (häufigste Form)

Ursachen:

ADHS ist multifaktoriell bedingt:

  • Genetische Veranlagung (hohe Erblichkeit)
  • Neurobiologische Unterschiede in bestimmten Hirnregionen (z. B. Frontallappen, dopaminerges System)
  • Umweltfaktoren (z. B. pränatale Belastungen, Frühgeburt, psychosozialer Stress)

Diagnostik:

  • Wird durch Fachärzt:innen oder spezialisierte Psychotherapeut:innen gestellt
  • Beinhaltet:
    – Anamnesegespräche
    – Verhaltensbeobachtungen
    – Fragebögen
    – ggf. neuropsychologische Tests

Behandlungsmöglichkeiten:

  1. Psychoedukation (Aufklärung über ADHS)
  2. Verhaltenstherapie (z. B. Selbstmanagement, Impulskontrolle)
  3. Medikamentöse Behandlung (v. a. Stimulanzien wie Methylphenidat [Ritalin®])
  4. Elterntraining und schulische Unterstützung
  5. Coaching im Erwachsenenalter

ADHS bei Erwachsenen:

  • Symptome verändern sich oft (weniger Hyperaktivität, mehr innere Unruhe und Desorganisation)
  • Kann zu Problemen in Beruf, Partnerschaft, Selbstwert und Alltagsorganisation führen
  • Wird oft spät erkannt oder mit anderen Störungen verwechselt (z. B. Depression, Angststörungen)

1. Psychodynamische Perspektive

Die psychodynamische Sicht fragt:

Welche inneren Konflikte, unbewussten Dynamiken oder frühen Beziehungserfahrungen könnten zur Symptomatik beitragen?

Mögliche Deutungen:

  • Unaufmerksamkeit als Abwehrmechanismus gegen innere Spannung oder belastende Affekte (z. B. Angst, Wut, Ohnmacht).
  • Hyperaktivität als Ausdruck eines unruhigen Ichs, das innere Leere oder Unsicherheit überdecken will.
  • Impulsivität als Folge mangelnder Frustrationstoleranz durch frühe Überforderung oder inkonsistente Bindungserfahrungen.

Entwicklungstheoretischer Hintergrund:

  • Möglicherweise frühkindliche Bindungsunsicherheit, z. B. durch wechselnde Reaktionen der Bezugsperson.
  • Überstimulierende oder auch vernachlässigende Umwelt: Das Kind lernt nicht, Spannungen zu regulieren oder Affekte zu differenzieren.
  • Symptome sind dann Ausdruck eines unreifen psychischen Apparates, der sich nicht ausreichend entwickeln konnte.

2. Systemische Perspektive

Die systemische Sicht fragt:

Welche Funktion haben die ADHS-Symptome im familiären, schulischen oder sozialen System?

Typische systemische Hypothesen:

  • Das Kind mit ADHS „spielt“ eine wichtige Rolle im Familiensystem – z. B. als Symptomträger für verdeckte Spannungen.
  • Unruhe und Unkonzentriertheit können als Reaktion auf inkongruente Botschaften oder ungelöste Konflikte im System entstehen.
  • ADHS wird als Kommunikationsform verstanden, nicht als isoliertes Problem im Kind.

Systemische Interventionen:

  • Arbeit mit der Familie (z. B. Reframing: „Was will das Symptom sagen?“)
  • Förderung von klarem, wertschätzendem Umgang, Grenzen und Struktur
  • Einbezug von Schule, Peer-Gruppe und anderen relevanten Systemen

3. Hypnotherapeutische Perspektive (z. B. nach Milton Erickson)

Die hypnotherapeutische Sicht fragt:

Welche Ressourcen sind vorhanden – und wie kann man Zugang zum unbewussten kreativen Potenzial schaffen?

Grundgedanken:

  • ADHS-Symptome werden nicht pathologisiert, sondern als kreative, wenn auch ungeschickte Lösungsversucheverstanden.
  • Der Zugang zu innerer Ruhe, Konzentration und Selbstregulation ist prinzipiell vorhanden – muss aber neu organisiert werden.
  • Das „Träumen“, das „Abdriften“ wird nicht als Defizit, sondern als Trancefähigkeit gewürdigt.

Hypnotherapeutische Zugänge:

  • Ressourcenaktivierung: z. B. mit inneren Bildern von Ruhe, Zentrierung, Fokus
  • Metaphernarbeit: z. B. das innere „Energiebündel“ in eine gelenkte Bahn bringen
  • Selbsthypnose-Techniken zur Fokussierung und Affektregulation
  • Arbeit mit dem inneren Kind oder mit Symbolen von Selbstkontrolle

Fazit: Drei Blickwinkel – eine vertiefte Sicht

PerspektiveFokusHaltung
PsychodynamischInnere Konflikte und frühe BeziehungserfahrungenVerstehen und Integration
SystemischKontext und BeziehungsmusterFunktion erkennen und verändern
HypnotherapeutischRessourcen und kreative LösungsmöglichkeitenZugang zum Unbewussten ermöglichen

Fallbeispiel: „Jonas, 10 Jahre alt“

Jonas ist ein aufgeweckter, lebhafter Junge. In der Schule kann er sich kaum konzentrieren, unterbricht oft den Unterricht, steht ständig auf und redet dazwischen. Zu Hause ist er impulsiv, widersetzt sich Regeln, verliert Dinge und vergisst häufig Hausaufgaben. Die Eltern sind überfordert und streiten viel. Ein Kinderarzt diagnostiziert ADHS und empfiehlt medikamentöse Behandlung.

1. Psychodynamische Perspektive

Hypothese:

Jonas’ Symptome sind Ausdruck eines inneren Konflikts und einer frühen Bindungsunsicherheit. Vielleicht erlebt er unbewusst Schuldgefühle oder Verlassenheitsängste, die er durch Unruhe überdeckt.

Deutung:

  • Die mangelnde Konzentration könnte ein Schutz sein vor inneren Spannungen.
  • Seine Impulsivität ein Versuch, Aufmerksamkeit zu sichern, bevor er „vergessen wird“.
  • Unruhe spiegelt eine innere Unsicherheit und fehlende emotionale Selbstregulation.

Intervention:

  • Spieltherapie oder kindgerechte Tiefenpsychologie: Ausdruck von Affekten, Verarbeitung früher Erfahrungen.
  • Einbezug der Eltern: Arbeit an frühen Beziehungsmustern und deren Wiederholung.
  • Ziel: Aufbau eines stabileren inneren Selbstbildes, das nicht durch äußere Aktivität kompensiert werden muss.

2. Systemische Perspektive

Hypothese:

Jonas trägt durch sein auffälliges Verhalten zur Stabilisierung des Familiensystems bei. Seine Symptome lenken ab von dem elterlichen Beziehungskonflikt.

Deutung:

  • Jonas „sorgt“ durch sein Verhalten dafür, dass die Eltern sich zusammentun – wenn auch nur durch gemeinsame Sorge.
  • Sein Verhalten spiegelt verdeckte familiäre Spannungen.
  • Das Symptom hat eine Funktion: es kommuniziert etwas, das anders nicht sagbar ist.

Intervention:

  • Familiensitzungen, um die Symptomfunktion zu entschlüsseln.
  • Arbeit an Kommunikationsmustern, Rollenverteilung, Grenzen.
  • Ressourcenaktivierung: Was läuft gut im Familiensystem, worauf kann aufgebaut werden?
  • Systemische Frage: „Was würde sich in der Familie verändern, wenn Jonas plötzlich still und angepasst wäre?“

3. Hypnotherapeutische Perspektive

Hypothese:

Jonas hat ein hohes Maß an Trancefähigkeit, die sich in „Abwesenheit“, Unruhe und Tagträumen zeigt – ungerichtet, aber kreativ.

Deutung:

  • Seine Impulsivität ist ein „kreativer Lösungsversuch“ bei Reizüberflutung.
  • Er hat Ressourcen, die aber nicht bewusst verfügbar sind.
  • Statt gegen die Unruhe zu kämpfen, wird sie umgelenkt.

Intervention:

  • Trancegeschichten über einen „wilden Wind“, der lernt, sich zu bündeln.
  • Selbsthypnose-Techniken mit Bewegungsfokus (z. B. mit Imaginationsreisen, die mit Atem oder Fingerbewegungen gekoppelt sind).
  • Arbeit mit inneren Helferfiguren: z. B. ein „Fokus-Tier“, das ihm hilft, bei der Sache zu bleiben.
  • Nutzung der natürlichen Bildhaftigkeit und Suggestibilität des Kindes.

Fazit

PerspektiveWas wird gesehen?Was wird gemacht?
PsychodynamischInnere Konflikte und unbewusste ÄngsteTiefenpsychologische Exploration, Elternarbeit
SystemischSymptom als Ausdruck familiärer MusterFamiliendynamik analysieren und verändern
HypnotherapeutischRessourcen und TrancefähigkeitTrance, Imagination, Selbstregulation stärken

Werner Eberwein