Was gibt es an Diagnosen zu kritisieren?
Diagnosen-Kritik zielt nicht darauf ab, diagnostische Systeme grundsätzlich infrage zu stellen. Sie verweist darauf, dass Diagnosen kategoriale Beschreibungen klinischer Symptomkonstellationen sind und keine vollständige Abbildung individueller Persönlichkeiten, Lebensgeschichten oder Belastungskontexte darstellen. Diagnosen fungieren als klinische Werkzeuge zur Strukturierung von Befunden, nicht als abschließende Wahrheiten über Personen.
Zentrale Kritikpunkte
- Kategoriale statt dimensionaler Einordnung
Die gängigen Klassifikationssysteme (DSM-5, ICD-11) arbeiten überwiegend mit dichotomen Entscheidungsregeln (Diagnose liegt vor vs. liegt nicht vor). Psychische Merkmale wie Aufmerksamkeit, Stimmung, Impulsivität oder Ängstlichkeit sind jedoch dimensional verteilt.
Die Festlegung diagnostischer Schwellenwerte erfolgt pragmatisch und statistisch, ist aber nicht identisch mit einer natürlichen Grenze zwischen „gesund“ und „krank“.
- Begrenzte Berücksichtigung von Kontextfaktoren
Viele Symptome lassen sich in erheblichem Maße durch psychosoziale Lebensbedingungen erklären, etwa durch chronischen Stress, Armut, Trauma, Pflegeverantwortung oder Unsicherheit.
Diagnostische Kategorien erfassen primär Symptommuster, nicht jedoch deren soziale, biografische oder strukturelle Ursachen. Dadurch besteht die Gefahr, dass Belastungen, die aus Lebensumständen resultieren, als individuelle Störung klassifiziert werden.
- Risiko der Pathologisierung normaler Reaktionen
Emotionale Reaktionen wie Trauer, Rückzug, Wut oder Überforderung sind häufig normale Anpassungsreaktionen auf Belastungen. In diagnostischen Systemen können sie jedoch als Symptome psychischer Störungen erscheinen, wenn sie bestimmte Dauer- oder Intensitätskriterien erfüllen.
Dies ist insbesondere relevant bei Kindern, neurodivergenten Personen und gesellschaftlichen Minderheiten, deren Verhaltensweisen stärker von normativen Erwartungen abweichen können.
- Soziale und institutionelle Wirkung von Diagnosen
Diagnosen haben praktische Konsequenzen für medizinische Behandlung, therapeutische Versorgung, schulische Unterstützung und in Einzelfällen auch für arbeits- oder familienrechtliche Entscheidungen.
Aufgrund dieser steuernden Funktion können ungenaue oder vorschnelle Diagnosen erhebliche Auswirkungen auf Lebensverläufe haben.
- Auswirkungen auf Selbstkonzept und Identität
Diagnosen können zur Selbstbeschreibung werden („Ich bin depressiv“ statt „Ich habe depressive Symptome“). Dies kann entlastend wirken, aber auch dazu führen, dass psychische Zustände als stabile Eigenschaften der eigenen Person interpretiert werden. In solchen Fällen kann dies die Wahrnehmung von Veränderbarkeit und Entwicklung einschränken.
- Stigmatisierung und soziale Zuschreibung
Diagnosen können sowohl entlastend als auch stigmatisierend wirken. Sie beeinflussen das Selbstbild der Betroffenen sowie gesellschaftliche Zuschreibungen und können Diskriminierung begünstigen.
- Medikalisierung alltäglicher Erfahrungen
Es besteht die Sorge, dass normale menschliche Reaktionen – etwa Trauer oder hohe Aktivität bei Kindern – zu schnell als krankheitswertig interpretiert werden, was zu einer Ausweitung medizinischer Interventionen führen kann.
- Validitätsprobleme kategorialer Systeme
Hohe Komorbidität und fließende Übergänge zwischen Diagnosen weisen darauf hin, dass viele Kategorien möglicherweise keine klar trennbaren Störungen, sondern unterschiedliche Ausdrucksformen überlappender Belastungen abbilden.
- Fokus auf Symptome statt Ursachen
Diagnosen beschreiben primär, was jemand erlebt, nicht warum. Kritisiert wird, dass dadurch strukturelle und psychosoziale Ursachen von Leid in den Hintergrund treten können.
Aktuelle fachliche Entwicklungen
In der modernen Psychologie und Psychiatrie gewinnen Perspektiven an Bedeutung, die weniger nach festen Krankheitskategorien fragen und stärker auf biografische Erfahrungen, Belastungsfaktoren und individuelle Ressourcen fokussieren. Dazu zählen u. a. traumainformierte Ansätze, dimensionale Modelle psychischer Merkmale und personenzentrierte Diagnostik.
Trotz dieser Einschränkungen erfüllen Diagnosen wichtige Funktionen: Sie ermöglichen den Zugang zu Unterstützungsangeboten, strukturieren klinische Entscheidungen, erleichtern die Kommunikation zwischen Fachkräften und können Betroffenen helfen, ihr Leiden einzuordnen. Ihre Wirksamkeit hängt jedoch davon ab, dass sie kontextsensibel, flexibel und nicht reifizierend verwendet werden.
Werner Eberwein
