Affekt versus Gefühl
Die Begriffe Affekt und Gefühl werden im Alltag häufig nahezu synonym verwendet. In Psychologie, Psychiatrie, Psychoanalyse, Emotionsforschung und Philosophie werden sie jedoch teilweise unterschiedlich definiert. Eine vollkommen einheitliche Abgrenzung existiert daher nicht.
Als hilfreiche Orientierung lässt sich dennoch festhalten: Ein Affekt bezeichnet häufig eine relativ unmittelbare, intensive und körpernahe emotionale Reaktion mit einer deutlichen Handlungstendenz. Ein Gefühl bezeichnet stärker das subjektiv wahrgenommene, bewusst erlebte und sprachlich beschreibbare emotionale Erleben. Diese Unterscheidung ist allerdings eine Vereinfachung. Je nach wissenschaftlicher Tradition kann „Affekt“ auch als weiter gefasster Oberbegriff verwendet werden.
Der Affekt
Im engeren Sinne bezeichnet ein Affekt eine rasch einsetzende und häufig intensive emotionale Reaktion. Affekte können beispielsweise als Wut, Angst, Schreck, Freude oder Ekel auftreten. Charakteristisch sind häufig:
● ein schneller Beginn,
● eine relativ hohe Intensität,
● deutliche körperliche Veränderungen,
● eine unmittelbare Handlungstendenz,
● eine vorübergehend eingeschränkte Fähigkeit zur differenzierten Reflexion.
Zu den körperlichen Begleiterscheinungen können Veränderungen von Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Hautdurchblutung und Schweißproduktion gehören. Gleichzeitig verändert sich häufig die Mimik, die Stimme und die Körperhaltung.
Ein starker Affekt kann mit einem deutlichen Handlungsimpuls verbunden sein: Angst begünstigt beispielsweise Flucht oder Vermeidung, Wut kann Annäherungs- oder Angriffsimpulse verstärken, während Schreck kurzfristig zu Erstarrung führen kann.
Dabei bedeutet „Affekt“ nicht, dass ein Mensch zwangsläufig die Kontrolle verliert. Vielmehr kann bei hoher emotionaler Aktivierung die Fähigkeit zur ruhigen Abwägung und Selbststeuerung vorübergehend vermindert sein.
Ein typisches Beispiel wäre eine unerwartete Kränkung: Innerhalb weniger Sekunden steigt die körperliche Spannung, das Gesicht wird heiß, der Atem verändert sich und der Impuls entsteht, sofort scharf zu antworten.
Das Gefühl
Ein Gefühl bezeichnet stärker die subjektiv erlebte Seite eines emotionalen Vorgangs. Es ist das, was ein Mensch innerlich wahrnimmt und beispielsweise als Angst, Traurigkeit, Zuneigung, Scham, Neid, Freude oder Enttäuschung beschreibt. Gefühle können bewusst wahrgenommen, differenziert und sprachlich benannt werden:
- „Ich bin verletzt.“
- „Ich fühle mich enttäuscht.“
- „Ich habe Angst.“
- „Ich freue mich.“
Gefühle sind hinsichtlich ihrer Dauer und Intensität sehr unterschiedlich. Manche bestehen nur wenige Sekunden, andere können über Stunden oder wesentlich länger präsent sein.
Im Vergleich zu einem heftigen Affekt sind Gefühle häufig stärker mit Wahrnehmung, Erinnerung, Gedanken und Bewertungen verbunden. Dabei interpretiert ein Mensch eine Situation auf der Grundlage seiner bisherigen Erfahrungen, Erwartungen, Bedürfnisse und Beziehungsmuster. So kann dieselbe Situation bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Gefühle auslösen.
Affekt, Gefühl und Stimmung
Davon lässt sich die Stimmung unterscheiden. Eine Stimmung ist im Allgemeinen:
● länger anhaltend,
● weniger intensiv,
● diffuser,
● häufig nicht eindeutig an einen konkreten Auslöser gebunden.
Ein Mensch kann beispielsweise über Stunden oder Tage gereizt, gedrückt, heiter oder angespannt sein, ohne einen einzelnen konkreten Grund dafür nennen zu können.
Vereinfacht könnte man daher sagen:
Affekt: rasch, intensiv und handlungsnah
Gefühl: subjektiv erlebt und bewusst wahrnehmbar
Stimmung: länger anhaltender emotionaler Hintergrund
Psychoanalytische Perspektive
In der klassischen Psychoanalyse besitzt der Affektbegriff eine besondere Bedeutung. Bei Freud stehen Affekte in enger Beziehung zu Triebimpulsen und deren psychischer Verarbeitung. Freud unterschied dabei zwischen Vorstellungen beziehungsweise Repräsentanzen und der damit verbundenen affektiven Besetzung. In der psychoanalytischen Theorie wurde vielmehr diskutiert, in welcher Form affektive Prozesse verdrängt, verschoben, gebunden oder von ihren ursprünglichen Vorstellungen getrennt werden können. In späteren psychoanalytischen und psychodynamischen Ansätzen spielen insbesondere Fragen der Affektwahrnehmung, Affektdifferenzierung und Affektregulation eine zentrale Rolle.
Ein Mensch kann beispielsweise eine starke innere Spannung erleben, ohne zunächst zu verstehen, ob dahinter Angst, Scham, Wut oder Trauer steht. Ein therapeutisches Ziel kann darin bestehen, dieses zunächst diffuse affektive Erleben zunehmend wahrzunehmen, zu differenzieren und sprachlich auszudrücken.
Neurowissenschaftliche und emotionspsychologische Perspektive
In der modernen Emotionsforschung wird meistens der Begriff Emotion als übergeordnete Kategorie verwendet. Eine Emotion umfasst typischerweise mehrere miteinander verbundene Komponenten:
● körperliche beziehungsweise physiologische Veränderungen,
● Bewertung einer Situation,
● subjektives Erleben,
● Ausdruck durch Mimik und Körperhaltung,
● Motivation beziehungsweise Handlungstendenzen.
Das Gefühl wird dabei häufig als die subjektiv erlebte Komponente einer Emotion verstanden.
Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio hat beispielsweise zwischen emotionalen körperlich-neuronalen Prozessen und dem bewussten Erleben dieser Veränderungen unterschieden. Vereinfacht formuliert bezeichnet „Emotion“ bei ihm stärker den organismischen Reaktionsprozess, während „Feeling“ beziehungsweise „Gefühl“ die subjektive Wahrnehmung bestimmter körperlicher und neuronaler Zustände beschreibt.
Verhaltenstherapeutische Perspektive
In der modernen Verhaltenstherapie wird meist von Emotionen, Gedanken, körperlichen Reaktionen und Verhalten gesprochen. Ein typisches verhaltenstherapeutisches Modell untersucht beispielsweise:
- Situation → Bewertung → Emotion → körperliche Reaktion → Verhalten
Dabei wird davon ausgegangen, dass nicht nur das äußere Ereignis selbst entscheidend ist, sondern insbesondere dessen individuelle Bewertung.
Beispiel:
- Eine Person erhält auf eine Nachricht mehrere Stunden keine Antwort.
Mögliche Bewertung:
- „Ich bin ihm nicht wichtig.“
Mögliche Emotion:
- Angst, Traurigkeit oder Wut.
Mögliche körperliche Reaktion:
- Anspannung, Herzklopfen, Unruhe.
Mögliches Verhalten:
- erneute Nachrichten, Rückzug oder Vorwürfe.
Der Begriff Affekt findet sich in der Verhaltenstherapie besonders häufig im Zusammenhang mit Affektregulation, emotionaler Dysregulation oder hoher Affektintensität.
Philosophische Perspektiven
Auch in der Philosophie besitzt der Begriff Affekt eine lange Tradition. Bei Baruch Spinoza bezeichnet ein Affekt einen Zustand von Körper und Geist, durch den die Fähigkeit eines Menschen zu handeln vergrößert oder vermindert werden kann. Spinoza unterscheidet dabei unter anderem zwischen aktiven Affekten, bei denen der Mensch stärker aus eigener Einsicht handelt, und passiven Affekten beziehungsweise Leidenschaften, bei denen er stärker durch äußere Ursachen bestimmt wird. In späteren philosophischen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen, beispielsweise bei Gilles Deleuze oder Brian Massumi, wird „Affect“ als eine noch nicht vollständig subjektiv oder sprachlich organisierte Intensität verstanden.
Zusammenfassung
- Affekt bezeichnet häufig die unmittelbare, intensive, körpernahe und handlungsorientierte Seite eines emotionalen Prozesses.
- Gefühl bezeichnet stärker das subjektive und bewusst wahrgenommene Erleben dieses emotionalen Zustands.
- Emotion wird in der modernen Psychologie häufig als umfassender Begriff verwendet, der körperliche Reaktionen, Bewertungen, subjektives Erleben, Ausdruck und Handlungstendenzen miteinander verbindet.
- Stimmung bezeichnet einen eher länger anhaltenden emotionalen Hintergrund, der häufig weniger intensiv und weniger eindeutig an einen konkreten Auslöser gebunden ist.
Werner Eberwein
