Was ist der Biorhythmus?

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Der menschliche Körper folgt natürlichen biologischen Rhythmen. Sie beeinflussen unseren Schlaf, unsere Leistungsfähigkeit, den Hormonhaushalt und unser psychisches Befinden. Diese regelmäßig wiederkehrenden Abläufe werden als Biorhythmen bezeichnet.

Allerdings wird der Begriff in zwei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet: als wissenschaftlich erforschtes Phänomen der Chronobiologie und als klassische Biorhythmuslehre, deren Annahmen wissenschaftlich nicht belegt sind.

Der wissenschaftliche Biorhythmus

Die Chronobiologie untersucht die zeitlichen Abläufe biologischer Prozesse. Unser Organismus verfügt über innere Uhren, die zahlreiche Körperfunktionen koordinieren. Die wichtigste zentrale Steuerungsstelle befindet sich im Hypothalamus des Gehirns. Sie wird vor allem durch Tageslicht mit dem natürlichen Tag-Nacht-Wechsel synchronisiert. Die Wissenschaft unterscheidet drei grundlegende Arten biologischer Rhythmen:

● Zirkadiane Rhythmen: Sie dauern ungefähr 24 Stunden und beeinflussen beispielsweise den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Körpertemperatur, den Blutdruck und die Ausschüttung von Hormonen wie Melatonin und Cortisol.

● Ultradiane Rhythmen: Sie sind kürzer als 24 Stunden. Dazu zählen unter anderem die etwa 90-minütigen Schlafzyklen und bestimmte hormonelle Schwankungen.

● Infradiane Rhythmen: Sie dauern länger als 24 Stunden. Beispiele sind der Menstruationszyklus und jahreszeitliche biologische Veränderungen.

Diese Rhythmen sind wissenschaftlich nachgewiesen. Für die Entdeckung molekularer Mechanismen der inneren Uhr wurde 2017 der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen.

Biorhythmus und psychisches Befinden

Biologische Rhythmen beeinflussen nicht nur körperliche Vorgänge, sondern auch Aufmerksamkeit, Konzentration, Stimmung und emotionale Belastbarkeit. Dabei unterscheiden sich Menschen in ihrem individuellen Tagesrhythmus. Während sogenannte „Lerchen“ morgens besonders aktiv sind, erreichen „Eulen“ ihre bevorzugten Aktivitätszeiten eher später am Tag. Auch für die psychische Gesundheit spielt die innere Uhr eine wichtige Rolle. Schlafstörungen und unregelmäßige Tagesabläufe können mit Depressionen, Angststörungen und erhöhter Stressbelastung zusammenhängen.

Umgekehrt können psychische Erkrankungen den Schlaf-Wach-Rhythmus verändern. Deshalb berücksichtigen auch psychotherapeutische Behandlungen zunehmend die Bedeutung von Schlaf, Tageslicht, Bewegung und regelmäßigen Alltagsstrukturen.

Die klassische Biorhythmuslehre – wissenschaftlich nicht belegt

Von den biologischen Rhythmen ist die klassische Biorhythmuslehre zu unterscheiden. Sie entstand um 1900 und geht unter anderem auf Wilhelm Fließ und Hermann Swoboda zurück. Nach dieser Theorie wird das menschliche Befinden seit der Geburt durch drei feste Zyklen beeinflusst:

● Körperlicher Rhythmus: 23 Tage

● Emotionaler Rhythmus: 28 Tage

● Geistiger Rhythmus: 33 Tage

Anhand dieser Zyklen sollen sich günstige und kritische Tage berechnen lassen, an denen Menschen beispielsweise besonders leistungsfähig oder fehleranfällig seien. Für diese Behauptungen gibt es jedoch keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege. Untersuchungen konnten keine zuverlässige Vorhersagekraft der berechneten Kurven nachweisen. Dass solche Vorhersagen gelegentlich zutreffend erscheinen, lässt sich unter anderem durch den psychologischen Bestätigungsfehler erklären: Menschen nehmen Übereinstimmungen mit ihren Erwartungen häufig stärker wahr als Widersprüche. Die klassische Biorhythmuslehre gilt deshalb als Pseudowissenschaft.

Fazit

Biologische Rhythmen sind wissenschaftlich belegt und beeinflussen unsere körperliche und psychische Gesundheit. Ihre Erforschung liefert wichtige Erkenntnisse für die Medizin, Psychologie und Psychotherapie. Die Vorstellung, dass sich Leistungsfähigkeit, Gefühle und geistige Fähigkeiten anhand fester Zyklen seit dem Geburtstag berechnen lassen, ist dagegen wissenschaftlich nicht haltbar. Unsere innere Uhr beeinflusst, wie wir uns fühlen und wie leistungsfähig wir sind. Sie bestimmt jedoch nicht nach einem starren Kalender über gute oder schlechte Tage.

Werner Eberwein