Können Schmerzen posttraumatisch sein?
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Warum traumatische Erfahrungen Schmerzen an verschiedenen Körperstellen auslösen oder verstärken können – und wie Psychotherapie, Hypnose und körperorientierte Verfahren helfen können.
Psychische Traumatisierungen können nicht nur seelische, sondern auch erhebliche körperliche Folgen haben. Manche Menschen leiden nach belastenden oder traumatischen Erfahrungen unter Schmerzen an unterschiedlichen Stellen ihres Körpers. Dazu gehören beispielsweise Rücken- und Nackenschmerzen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen sowie Muskel- und Gelenkbeschwerden. Die Schmerzen können dauerhaft bestehen, zeitweise auftreten oder zwischen verschiedenen Körperregionen wechseln.
Nicht immer lässt sich bei medizinischen Untersuchungen eine körperliche Schädigung feststellen, die das Ausmaß der Beschwerden vollständig erklärt. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Schmerzen eingebildet wären. Psychisch mitbedingte Schmerzen sind ebenso real wie Schmerzen aufgrund einer Verletzung oder körperlichen Erkrankung. In der Psychotherapie spricht man in diesem Zusammenhang von traumaassoziierten Schmerzen, somatischen Traumafolgesymptomen oder einer traumaassoziierten chronischen Schmerzsymptomatik.
Wie hängen psychische Traumatisierungen und körperliche Schmerzen zusammen?
Bei einer traumatischen Erfahrung wird ein Mensch mit einer Situation konfrontiert, die seine Möglichkeiten zur Bewältigung erheblich überfordert. Dies kann beispielsweise bei körperlicher oder sexueller Gewalt, schweren Unfällen, lebensbedrohlichen Erkrankungen oder wiederholten Erfahrungen von Hilflosigkeit und Bedrohung geschehen. Der Organismus reagiert auf solche Situationen mit biologischen Schutzmechanismen. Das autonome Nervensystem aktiviert körperliche Reaktionen, die auf Kampf, Flucht oder Erstarren vorbereiten. Herzschlag und Atmung verändern sich, Stresshormone werden ausgeschüttet, die Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf mögliche Gefahren und die Muskulatur spannt sich an.
Normalerweise klingt diese Alarmreaktion wieder ab, sobald die Gefahr vorüber ist. Nach einer schweren Traumatisierung kann die Stressregulation jedoch längerfristig verändert bleiben. Betroffene erleben dann beispielsweise eine anhaltende innere Anspannung, erhöhte Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen und das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen. Diese dauerhafte körperliche Alarmbereitschaft kann dazu beitragen, dass Schmerzen entstehen, verstärkt werden oder sich chronifizieren.
Warum können Schmerzen an verschiedenen Körperstellen entstehen?
Chronische Muskelanspannung
Menschen mit traumatischen Erfahrungen befinden sich manchmal über längere Zeit in einem Zustand erhöhter körperlicher Wachsamkeit. Unbewusst werden bestimmte Muskelgruppen angespannt, beispielsweise im Nacken, in den Schultern, im Rücken oder im Bauch. Diese anhaltende Muskelanspannung kann zu Verspannungen, Bewegungseinschränkungen und Schmerzen führen. Auch körperliche Schutzhaltungen, die ursprünglich einer Gefahrensituation dienten, können längerfristig bestehen bleiben.
Veränderungen der Schmerzverarbeitung
Chronische Belastungen können beeinflussen, wie das Gehirn und das Rückenmark Schmerzsignale verarbeiten. Ein wichtiger Begriff ist hierbei die zentrale Sensibilisierung. Darunter versteht man eine erhöhte Empfindlichkeit des zentralen Nervensystems gegenüber Schmerzreizen. Die Schmerzverarbeitung kann so verändert sein, dass gewöhnliche körperliche Reize ungewöhnlich intensiv oder sogar schmerzhaft wahrgenommen werden. Dadurch können Schmerzen entstehen oder anhalten, obwohl keine neue Verletzung vorliegt. Auch die körpereigenen Mechanismen zur Schmerzhemmung können verändert sein.
Das Zusammenspiel von Gefühlen und Körperempfindungen
Gefühle und körperliche Reaktionen sind eng miteinander verbunden. Angst kann beispielsweise Muskelanspannung, Herzklopfen oder Bauchbeschwerden auslösen. Traurigkeit kann mit Erschöpfung und körperlicher Schwere einhergehen. Wut kann die körperliche Anspannung erhöhen. Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, fällt es manchmal schwer, ihre Gefühle bewusst wahrzunehmen, voneinander zu unterscheiden und sprachlich auszudrücken (Alexithymie). In solchen Fällen können körperliche Beschwerden besonders stark in den Vordergrund treten. Das bedeutet nicht, dass seelischer Schmerz einfach in körperlichen Schmerz umgewandelt wird. Vielmehr beeinflussen sich emotionale, neuronale und körperliche Prozesse gegenseitig.
Körperliche Erinnerungsreaktionen
Traumatische Erfahrungen können mit bestimmten Körperempfindungen verknüpft sein. Ein Geruch, eine Berührung, eine Körperhaltung oder eine zwischenmenschliche Situation kann beispielsweise unbewusst an eine frühere Bedrohung erinnern. Daraufhin können erneut Muskelanspannung, Herzklopfen, Atemveränderungen oder Schmerzen auftreten. Solche Reaktionen werden gelegentlich als körperliche Traumaerinnerungen bezeichnet.
Schlafstörungen und Erschöpfung
Viele Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden unter Ein- und Durchschlafstörungen, Albträumen oder einer anhaltenden inneren Unruhe. Schlafmangel kann die Schmerzempfindlichkeit erhöhen und die Regeneration beeinträchtigen. Gleichzeitig können chronische Schmerzen den Schlaf verschlechtern. Auf diese Weise entsteht ein wechselseitiger Verstärkungskreislauf.
Wenn sich Trauma und Schmerz gegenseitig verstärken
Psychische Traumatisierungen und chronische Schmerzen können sich gegenseitig aufrechterhalten. Ein körperlicher Schmerz kann Erinnerungen an eine frühere Verletzung oder Bedrohung aktivieren. Dadurch entstehen Angst, innere Unruhe oder Muskelanspannung, die wiederum den Schmerz verstärken können. Umgekehrt kann die ständige Beschäftigung mit Schmerzen dazu führen, dass Betroffene körperliche Aktivitäten vermeiden, sich zurückziehen und immer aufmerksamer auf mögliche Schmerzsignale achten.
In der Schmerzpsychologie wird dieser Zusammenhang unter anderem durch das sogenannte Mutual Maintenance Model beschrieben, also das Modell der gegenseitigen Aufrechterhaltung. Dabei spielen körperliche, emotionale und verhaltensbezogene Faktoren zusammen. Die therapeutische Aufgabe besteht darin, diese sich gegenseitig verstärkenden Prozesse zu erkennen und schrittweise zu verändern.
Welche Krankheitsbilder können damit verbunden sein?
Schmerzen an unterschiedlichen Körperstellen sind keine eigenständige Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Sie können jedoch bei verschiedenen psychischen und körperlichen Erkrankungen auftreten.
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Kennzeichnend sind unter anderem belastende Erinnerungen, Wiedererleben traumatischer Erfahrungen, Vermeidungsverhalten und ein anhaltendes Gefühl erhöhter Bedrohung. Körperliche Schmerzen können zusätzlich auftreten.
- Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung: Sie kann insbesondere nach wiederholten oder lang anhaltenden traumatischen Erfahrungen entstehen. Zusätzlich zu den klassischen PTBS-Symptomen bestehen Schwierigkeiten in der Gefühlsregulation, ein beeinträchtigtes Selbstbild und Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen.
- Chronische Schmerzstörungen: Hier stehen länger anhaltende Schmerzen im Vordergrund, die mit körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren zusammenhängen können.
- Fibromyalgiesyndrom: Diese Erkrankung ist durch chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen gekennzeichnet. Häufig treten zusätzlich Schlafstörungen, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme auf. Traumatische Erfahrungen können einen Risikofaktor darstellen, sind aber keineswegs die einzige oder notwendige Ursache.
Wie können traumabedingte Schmerzen behandelt werden?
Traumafokussierte Psychotherapie
Bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung gehören traumafokussierte psychotherapeutische Verfahren zu den am besten untersuchten Behandlungen. Dazu zählen insbesondere die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie, die verlängerte Exposition und EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Die Behandlung unterstützt Betroffene dabei, traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, belastende Bewertungen zu verändern und Vermeidungsverhalten abzubauen. Wenn die traumabedingte Alarmbereitschaft nachlässt, können sich auch körperliche Beschwerden verbessern.
Schmerzpsychotherapie
- Die psychologische Schmerztherapie beschäftigt sich mit den Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen, die chronische Schmerzen beeinflussen. Dazu gehört beispielsweise die Bearbeitung von Katastrophengedanken, der Angst vor Bewegung oder einer ständigen Überwachung körperlicher Symptome. Ein wichtiges Ziel besteht darin, trotz vorhandener Beschwerden wieder mehr körperliche Aktivität, Selbstvertrauen und Lebensqualität zu entwickeln.
- Auch die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) kann helfen, einen flexibleren Umgang mit Schmerzen zu entwickeln, ohne das gesamte Leben auf deren Vermeidung auszurichten.
Körperorientierte Psychotherapie
- Körperorientierte Verfahren können dazu beitragen, die Wahrnehmung körperlicher Empfindungen zu verbessern und einen bewussteren Umgang mit Muskelanspannung, Atmung und Bewegung zu entwickeln. Dazu gehören beispielsweise achtsamkeitsbasierte Körperarbeit, traumasensitives Yoga, Somatic Experiencing und sensomotorisch orientierte psychotherapeutische Ansätze. Im Mittelpunkt steht häufig die Erfahrung, den eigenen Körper wieder als beeinflussbar, lebendig und möglichst sicher wahrnehmen zu können. Betroffene lernen, körperliche Anspannung frühzeitig zu erkennen und zwischen Belastung und Entspannung zu unterscheiden.
Entspannungsverfahren und Bewegung
- Progressive Muskelentspannung, Atemübungen, Achtsamkeitstraining und Biofeedback können dazu beitragen, körperliche Anspannung und Stressreaktionen zu regulieren. Auch regelmäßige, individuell angepasste Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung chronischer Schmerzen. Dabei geht es nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern darum, Vertrauen in die eigene körperliche Belastbarkeit zurückzugewinnen und übermäßiges Schonungsverhalten abzubauen.
Hypnotherapie bei traumabedingten Schmerzen
In der Hypnose wird die Aufmerksamkeit gezielt auf innere Vorstellungen, Körperempfindungen und mögliche Veränderungen der Schmerzwahrnehmung gelenkt. Dabei können verschiedene Vorgehensweisen eingesetzt werden. Veränderung der Schmerzempfindung: Betroffene stellen sich beispielsweise vor, dass sich die Temperatur, Größe, Form oder Intensität eines Schmerzes verändert.
- Arbeit mit inneren Bildern: Ein Schmerz kann bildhaft als Licht, Farbe oder Gegenstand dargestellt werden, dessen Eigenschaften sich allmählich verändern.
- Hypnotische Schmerzlinderung: Vorstellungen von angenehmer Kühle, Wärme, Leichtigkeit oder Taubheit können genutzt werden, um die subjektive Schmerzempfindung zu beeinflussen.
- Ressourcenaktivierung: Angenehme Erinnerungen, innere Kraftquellen oder Vorstellungen von Sicherheit und Geborgenheit werden gestärkt.
- Aufmerksamkeitslenkung: Die Aufmerksamkeit wird zeitweise auf angenehme Körperempfindungen oder schmerzfreie Körperregionen gerichtet. Ein Beispiel für eine hypnotherapeutische Suggestion könnte lauten:
„Vielleicht können Sie sich vorstellen, dass es irgendwo in Ihrem Inneren einen kleinen Regler gibt, ähnlich dem Dimmer einer Lampe. Und während Sie diesen Regler betrachten, können Sie ganz in Ihrem eigenen Tempo ausprobieren, ob sich die Intensität der Empfindung ein wenig verändern lässt. Nichts muss geschehen. Vielleicht verändert sich etwas, vielleicht bleibt es zunächst so, wie es ist. Und Sie können jederzeit selbst entscheiden, was für Sie angenehm und hilfreich ist.“
Gerade bei traumatisierten Menschen ist es wichtig, dass sie während einer hypnotischen Behandlung jederzeit die Kontrolle über das Geschehen behalten. Sie sollten selbst entscheiden können, ob sie ihre Augen schließen oder geöffnet lassen, ob sie eine Vorstellung vertiefen oder unterbrechen möchten. Bei ausgeprägter Dissoziationsneigung können kürzere Übungen mit regelmäßiger Orientierung im gegenwärtigen Raum sinnvoll sein.
Können Schmerzen eine unbewusste Bedeutung haben?
In der psychotherapeutischen Arbeit kann es hilfreich sein, die persönliche Bedeutung von Schmerzen zu untersuchen. Manche Betroffene erleben beispielsweise Schmerzen an Körperstellen, die während einer früheren Gewalterfahrung verletzt wurden. Andere bemerken, dass bestimmte Beschwerden vor allem in Situationen auftreten, in denen sie sich hilflos, bedroht oder ausgeliefert fühlen. Solche Zusammenhänge können therapeutisch bedeutsam sein. Die biografische Exploration sollte offen, behutsam und ohne suggestive Vorgaben erfolgen.
Fazit: Wenn der Körper nach einer Traumatisierung schmerzt
Psychische Traumatisierungen können langfristige Auswirkungen auf das Nervensystem, die Muskelspannung, die Stressregulation und die Schmerzverarbeitung haben. Die Folgen können sich in chronischen Schmerzen äußern, die an unterschiedlichen Körperstellen auftreten oder zwischen verschiedenen Regionen wechseln. Solche Schmerzen sind real. Sie sind weder eingebildet noch ein Zeichen persönlicher Schwäche(!).
Eine wirksame Behandlung sollte deshalb weder ausschließlich nach körperlichen Ursachen suchen noch die Beschwerden vorschnell als psychisch bedingt einordnen. Besonders hilfreich kann eine Kombination aus medizinischer Abklärung, traumafokussierter Psychotherapie, psychologischer Schmerzbehandlung, körperlicher Aktivierung und hypnotherapeutischen Verfahren sein. Das therapeutische Ziel besteht nicht allein darin, Schmerzen zu verringern. Ebenso wichtig ist es, das Vertrauen in den eigenen Körper wiederherzustellen, Gefühle und Körperempfindungen besser regulieren zu können und schrittweise mehr Sicherheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität zu gewinnen.
Werner Eberwein
