Was ist Patriotismus?

Der Begriff des Patriotismus (zurückgehend auf das griechische patris bzw. das lateinische patria für Vaterland) bezeichnet im Kern die emotionale Verbundenheit des Einzelnen mit dem eigenen Land, seiner Gemeinschaft, seiner Kultur und seinen Institutionen. Verbunden ist damit traditionell die Bereitschaft, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen und sich für dieses einzusetzen.

Obgleich das Phänomen auf den ersten Blick intuitiv verständlich erscheint, ist der genaue Gehalt des Begriffs in Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie umstritten. Insbesondere im historischen und gesellschaftlichen Kontext Deutschlands hat sich eine hochgradig differenzierte und kontroverse Debatte entwickelt.

Theoretische Grundlagen und begriffliche Abgrenzungen

Um den Patriotismus analytisch zu fassen, wird er in der wissenschaftlichen Literatur meist von verwandten Phänomenen abgegrenzt:

  • Patriotismus versus Nationalismus: In der klassischen Differenzierung gilt Patriotismus als die positive Verbundenheit zum eigenen Ort und der eigenen Lebensweise, ohne den Anspruch, diese anderen aufzuzwingen (eine Unterscheidung, die unter anderem von George Orwell betont wurde). Der Nationalismus hingegen wird als ideologische Überhöhung der eigenen Nation verstanden, die häufig mit der aggressiven Abwertung anderer Nationen einhergeht („Wir gegen die anderen“). Kritiker wenden allerdings ein, dass sich beide Haltungen in der politischen Praxis selten trennscharf voneinander scheiden lassen.
  • Der Verfassungspatriotismus: Um eine Form der Landesverbundenheit zu etablieren, die frei von ethnischem Nationalismus ist, prägte der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger den Begriff des Verfassungspatriotismus, den der Philosoph Jürgen Habermas maßgeblich weiterentwickelte. Hierbei richtet sich die Loyalität der Bürgerinnen und Bürger nicht auf Abstammung, Volkstum oder ein mythisches „Blut“, sondern auf die Werte, Prinzipien und Verfahren der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
  • Kritische Positionen: Aus ethischer Sicht wird Patriotismus bisweilen als unzulässige moralische Parteilichkeit kritisiert – es stelle sich die normative Frage, warum man den eigenen Landsleuten moralisch oder emotional näherstehen sollte als Menschen anderer Nationen. Befürter hingegen betonen, dass ein Mindestmaß an lokalem Zusammenhalt und Loyalität die notwendige Basis für die Realisierung von Solidarität und Wohlfahrt in einem Staat bildet.

Die historische Entwicklung des deutschen Diskurses

Die Diskussion um den Patriotismus in Deutschland ist primär von der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit und der Suche nach einer unbelasteten nationalen Identität geprägt.

  • Die alte Bundesrepublik (1949–1989): Nach den Verbrechen des NS-Regimes war ein unbefangener nationaler Stolz politisch und moralisch kaum möglich. In diesem Vakuum etablierte sich der Verfassungspatriotismus als staatsbürgerlicher Konsens. Ein Höhepunkt dieser Debatte war der sogenannte Historikerstreit (1986/87), in dem Jürgen Habermas Position gegen konservative Versuche bezog, die deutsche Geschichte zu „normalisieren“, da er darin die Gefahr einer Relativierung der NS-Verbrechen sah.
  • Die Wiedervereinigung und die 1990er-Jahre: Mit dem Zusammenfluss der beiden deutschen Staaten im Jahr 1990 entbrannte die Debatte neu: Darf und soll Deutschland wieder eine „normale Nation“ sein? Markante Stationen dieser Kontroverse waren Martin Walsers Paulskirchenrede von 1998 und die Auseinandersetzungen mit dem damaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, über den angemessenen Umgang mit der kollektiven Erinnerung.
  • Wandel im 21. Jahrhundert: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 („Sommermärchen“) gilt in der soziologischen Betrachtung vielen Beobachtern als Wendepunkt, da das Zeigen von Schwarz-Rot-Gold in der Öffentlichkeit plötzlich als unbeschwert, leicht und frei von aggressivem Pathos erlebt wurde. Für Kritiker blieb dieser sogenannte „Party-Patriotismus“ allerdings oberflächlich und ignorierte strukturelle Fragen politischer Haltung.

Aktuelle Streitpunkte in Politik und Gesellschaft

In der gegenwärtigen politischen Landschaft manifestiert sich die Diskussion um den Patriotismus vor allem an zwei Punkten:

1. Das Konzept der „Leitkultur“: Der ursprünglich 1998 vom Soziologen Bassam Tibi geprägte und später unter anderem von CDU-Politikern wie Friedrich Merz aufgegriffene Begriff zielt auf einen verbindlichen Wertekonsens in einer pluralistischen Einwanderungsgesellschaft. Während Befürworter darin eine Integrationsklammer sehen, werten Kritiker den Begriff häufig als ein Instrument der Ausgrenzung von Minderheiten.

2. Die politische Vereinnahmung: Während nationale Symbole und der Begriff des Patriotismus lange Zeit stark von rechten und rechtspopulistischen Parteien besetzt wurden, gibt es in der politischen Mitte und im linken Spektrum immer wieder Versuche, den Begriff neu zu definieren oder zurückzugewinnen – etwa mit dem Ansatz eines modernen, weltoffenen und pluralistischen Patriotismus (wie er beispielsweise in publizistischen Debatten der letzten Jahre von Politikern wie Robert Habeck vertreten wurde). Andere politische Strömungen lehnen den Begriff hingegen weiterhin als historisch zu stark belastet ab und plädieren stattdessen für kosmopolitische oder europäische Identitätsentwürfe.

Werner Eberwein