Was ist FOMO?

Der Begriff FOMO steht als Akronym für das englische Syntagma „Fear of Missing Out“, was im Deutschen präzise mit der „Angst, etwas zu verpassen“ übersetzt wird. Es handelt sich hierbei um ein verbreitetes psychologisches Phänomen, das durch die befremdende Sorge gekennzeichnet ist, dass andere Personen im eigenen Umfeld in diesem Moment wertvolle, bereichernde oder erfreuliche Erfahrungen machen, während man selbst von diesen ausgeschlossen ist.

Psychologische Grundlagen und Entstehung

Aus psychologischer Sicht ist FOMO eng an zwei menschliche Grundbedürfnisse gekoppelt: das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit und das Bedürfnis nach sozialem Vergleich. Menschen neigen von Natur aus dazu, ihren eigenen Status sowie den Gehalt des eigenen Lebens mit dem ihrer Mitmenschen zu messen.

FOMO entsteht im Kern aus der Wahrnehmung eines Defizits. Die betroffene Person befürchtet, durch Inaktivität oder Abwesenheit soziale Bindungen zu schwächen, Karrierechancen zu versäumen oder den Anschluss an relevante gesellschaftliche Trends zu verlieren.

Die Rolle digitaler Medien als Verstärker

Wenngleich das Gefühl des Ausgeschlossenseins kein rein modernes Phänomen ist, haben digitale Technologien und Plattformen (wie soziale Netzwerke und Instant-Messaging-Dienste) dessen Intensität und Frequenz erheblich verstärkt.

  • Selektive Selbstdarstellung: Auf Social-Media-Plattformen präsentieren Nutzer vorrangig die Höhepunkte ihres Alltags (Reisen, Erfolge, Feiern). Dies erzeugt bei Betrachtenden die Illusion eines dauerhaft aufregenden Lebens der anderen.
  • Ständige Verfügbarkeit: Durch die ständige Erreichbarkeit via Smartphone werden Informationen über das Handeln anderer in Echtzeit übertragen, was den Impuls verstärkt, den eigenen digitalen Status fortlaufend zu überprüfen.

Manifestation in verschiedenen Lebensbereichen

Das Phänomen FOMO beschränkt sich nicht ausschließlich auf das Freizeitverhalten, sondern erstreckt sich über mehrere gesellschaftliche Felder:

  • Soziales Leben: Das Eingehen von Verpflichtungen entgegen der eigenen Bedürfnisse (z. B. Teilnahme an Veranstaltungen trotz körperlicher Erschöpfung), um einer potenziellen Ausgrenzung vorzubeugen.
  • Finanzsektor und Börse: Die Sorge von Anlegern, an dynamischen Kursentwicklungen oder neuen Kapitalanlage-Trends (wie Kryptowährungen oder Spekulationswerten) nicht partizipiert zu haben. Dies führt nicht selten zu unüberlegten, impulsiven Investitionsentscheidungen zum Markthöchststand.
  • Information und Trends: Das zwanghafte Verfolgen von Nachrichten, Veröffentlichungen oder Medientrends aus Sorge, im Diskurs nicht mehr mitreden zu können.

Emotionale und kognitive Ebene

  • Anhaltende innere Unruhe, Ängstlichkeit oder Niedergeschlagenheit.
  • Ständiges Grübeln über verpasste Gelegenheiten oder vermeintliche Fehlentscheidungen.
  • Mangelnde Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen, da die Aufmerksamkeit gedanklich bei alternativen Szenarien verweilt.

Verhaltens- und Körperebene

  • Zwanghaftes Kontrollverhalten: Exzessives Aktualisieren von Benachrichtigungen, Social-Media-Feeds und Nachrichtengruppen.
  • Entscheidungsblockaden: Schwierigkeiten, verbindliche Zusagen zu treffen, aus Angst, eine sich später ergebende, bessere Option dadurch zu blockieren.
  • Physiologische Stressreaktionen: Bei chronischer Ausprägung können Schlafstörungen, Spannungskopfschmerzen, allgemeine Erschöpfungszustände und Konzentrationsschwächen auftreten.

Abgrenzung und Krankheitswert

FOMO ist keine eigenständige psychische Erkrankung, sondern ein subjektives Erlebensmuster beziehungsweise ein emotionaler Zustand. Wenn die Sorge vor dem Verpassen jedoch anhaltenden Stress erzeugt, die Schlafqualität massiv beeinträchtigt oder zu einer Einschränkung der alltäglichen Handlungsfähigkeit führt, kann sie das Auftreten von Angststörungen oder depressiven Phasen begünstigen.

Das Gegenmodell: JOMO

Als gesundheitliches und konzeptionelles Korrektiv zu FOMO hat sich das Konzept JOMO („Joy of Missing Out“ – die Freude am Verpassen) etabliert. JOMO beschreibt die bewusste und positiv bewertete Entscheidung, sich von der ständigen Informationsflut und den Verpflichtungen sozialer Vergleiche zurückzuziehen. Ziel ist es, den eigenen Fokus wieder auf die unmittelbare Gegenwart, die eigene Selbstfürsorge und ein entschleunigtes Handeln zu richten.

Werner Eberwein