Was ist ein Nazi?
Der Begriff „Nazi“ ist eine Kurzbezeichnung für „Nationalsozialist“. Im historischen Sinne bezeichnet er Mitglieder und Anhänger der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) sowie Personen, die die nationalsozialistische Ideologie unterstützten.
Die NSDAP gelangte 1933 unter Adolf Hitler an die Macht und errichtete in Deutschland eine totalitäre Diktatur, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 bestand. Die nationalsozialistische Herrschaft war geprägt von der Abschaffung der Demokratie und des Rechtsstaates, systematischer politischer Verfolgung, Rassismus und Antisemitismus, aggressiver Kriegspolitik sowie der massenhaften und systematischen Ermordung von Menschen.
Zentrale Merkmale der nationalsozialistischen Ideologie
1. Rassenideologie und Antisemitismus
Ein wesentliches Element des Nationalsozialismus war eine rassistische Weltanschauung, nach der Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen biologischen oder „rassischen“ Zugehörigkeit unterschiedlich bewertet wurden. Die Nationalsozialisten konstruierten eine angebliche Hierarchie verschiedener „Rassen“. Menschen, die sie als „arisch“ bezeichneten, wurden als besonders wertvoll und überlegen dargestellt. Daraus entwickelte sich die Vorstellung einer angeblichen „arischen Herrenrasse“. Diese Einteilung hatte keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Sie diente vielmehr dazu, Ausgrenzung, Entrechtung, Verfolgung und schließlich die systematische Ermordung bestimmter Bevölkerungsgruppen ideologisch zu rechtfertigen. Im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Feindbilder standen insbesondere Jüdinnen und Juden. Der Antisemitismus war ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie und wurde durch staatliche Propaganda, Gesetze und systematische Verfolgungsmaßnahmen umgesetzt. Auch Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen und zahlreiche weitere Personengruppen wurden aufgrund der nationalsozialistischen Ideologie ausgegrenzt, verfolgt und ermordet.
2. Extremer Nationalismus
Der Nationalsozialismus vertrat einen radikalen und aggressiven Nationalismus. Das eigene sogenannte „Volk“ wurde über andere Völker und Nationen gestellt. Die Interessen des Einzelnen sollten vollständig den vermeintlichen Interessen der sogenannten „Volksgemeinschaft“ untergeordnet werden. Wer nach nationalsozialistischen Vorstellungen nicht zu dieser Gemeinschaft gehörte oder als Gegner angesehen wurde, konnte ausgegrenzt, entrechtet oder verfolgt werden. Dieser extreme Nationalismus war eng mit Rassismus, Militarismus und einer aggressiven Expansionspolitik verbunden.
3. Führerprinzip und Personenkult
Ein weiteres zentrales Merkmal war das sogenannte Führerprinzip. Adolf Hitler wurde als oberste politische Autorität dargestellt, dessen Entscheidungen nicht durch demokratische Institutionen kontrolliert werden sollten. Um Hitler wurde ein ausgeprägter Personenkult aufgebaut. Staatliche Propaganda stellte ihn als außergewöhnlichen und nahezu unfehlbaren politischen Führer dar. Demokratische Entscheidungsprozesse, Gewaltenteilung und politische Kontrolle wurden durch ein autoritäres System von Befehl und Gehorsam ersetzt.
4. Ablehnung von Demokratie und Rechtsstaat
Die Nationalsozialisten lehnten die parlamentarische Demokratie grundsätzlich ab. Nach ihrer Machtübernahme beseitigten sie schrittweise demokratische Institutionen und grundlegende Freiheitsrechte. Politische Parteien wurden verboten oder zur Selbstauflösung gezwungen, unabhängige Gewerkschaften zerschlagen und Presse- sowie Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt. Deutschland wurde zu einer totalitären Diktatur umgestaltet. Politische Gegner – insbesondere Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere Kritiker des Regimes – wurden verfolgt, inhaftiert, misshandelt und teilweise ermordet.
5. Unterdrückung und politische Verfolgung
Die nationalsozialistische Herrschaft beruhte nicht nur auf Propaganda und ideologischer Beeinflussung, sondern auch auf systematischer Einschüchterung und Gewalt. Organisationen wie die Gestapo und die SS spielten eine zentrale Rolle bei der Überwachung, Verfolgung und Unterdrückung tatsächlicher oder vermeintlicher Gegner des Regimes. Konzentrationslager wurden zunächst unter anderem zur Inhaftierung politischer Gegner genutzt und später zu einem zentralen Bestandteil des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungssystems.
6. Expansionismus, Militarismus und Krieg
Die nationalsozialistische Ideologie war stark expansionistisch ausgerichtet. Hitler und die nationalsozialistische Führung strebten danach, das deutsche Herrschaftsgebiet gewaltsam zu vergrößern. Eine zentrale Rolle spielte dabei die rassistisch begründete Vorstellung vom sogenannten „Lebensraum im Osten“. Gebiete insbesondere in Osteuropa sollten erobert, ausgebeutet und teilweise neu besiedelt werden. Die dort lebende Bevölkerung wurde nach rassistischen Kriterien bewertet und war Vertreibung, Zwangsarbeit, Hungerpolitik und massenhafter Ermordung ausgesetzt. Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann in Europa der Zweite Weltkrieg. Die deutsche Kriegsführung war insbesondere in Osteuropa eng mit der nationalsozialistischen Vernichtungs- und Rassenpolitik verbunden.
Der Holocaust und die nationalsozialistischen Massenverbrechen
Die extremste Konsequenz der nationalsozialistischen Ideologie war der Holocaust beziehungsweise die Shoah. Darunter versteht man die systematische, staatlich organisierte Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden. Etwa sechs Millionen jüdische Menschen wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft ermordet. Die Verfolgung entwickelte sich schrittweise: von gesellschaftlicher Ausgrenzung und Diskriminierung über gesetzliche Entrechtung, Enteignung und Vertreibung bis hin zu Deportationen und systematischem Massenmord. Millionen Menschen wurden in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert oder bei Massenerschießungen und anderen Mordaktionen getötet.
Neben den etwa sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden wurden zahlreiche weitere Gruppen verfolgt und ermordet. Dazu gehörten unter anderem Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner, sowjetische Kriegsgefangene sowie Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder aus anderen von den Nationalsozialisten definierten Gründen verfolgt wurden.
Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen
Die nationalsozialistische Expansions- und Kriegspolitik war eine wesentliche Ursache für den Zweiten Weltkrieg in Europa. Der Krieg entwickelte sich zu einer globalen Katastrophe. Schätzungen gehen insgesamt von etwa 70 bis 85 Millionen Toten weltweit aus. Dazu gehörten Soldaten ebenso wie eine außerordentlich große Zahl von Zivilisten. Krieg, Besatzungspolitik, systematische Massenerschießungen, Vernichtungslager, Hunger, Zwangsarbeit, Vertreibungen und Bombardierungen führten zu einem bis dahin beispiellosen Ausmaß an Tod und Zerstörung.
Was bedeutet „Nazi“ heute?
Nach der militärischen Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands 1945 wurde die NSDAP aufgelöst und verboten. Der Begriff „Nazi“ wird heute hauptsächlich in zwei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet:
Historische Bedeutung:
Als „Nazis“ werden die damaligen Nationalsozialisten bezeichnet, insbesondere Mitglieder und Anhänger der NSDAP sowie überzeugte Vertreter der nationalsozialistischen Ideologie.
Heutige politische Bedeutung:
Der Begriff wird außerdem für Personen oder Gruppierungen verwendet, die wesentliche Bestandteile nationalsozialistischen Gedankenguts vertreten oder sich ausdrücklich auf den historischen Nationalsozialismus beziehen. Für solche Strömungen ist häufig die genauere Bezeichnung „Neonazismus“ gebräuchlich.
Neonazistische Ideologien können beispielsweise durch Antisemitismus, Rassismus, ethnischen Nationalismus, die Vorstellung einer angeblichen Ungleichwertigkeit von Menschen, autoritäres Denken und die positive Bezugnahme auf historische Elemente des Nationalsozialismus gekennzeichnet sein. Nicht jeder Rechtsextreme ist automatisch ein Nazi Im alltäglichen und politischen Sprachgebrauch wird das Wort „Nazi“ teilweise sehr weit gefasst und gelegentlich auch als polemisches Schimpfwort verwendet. Dadurch kann der Begriff seine historische und politische Genauigkeit verlieren. Es ist deshalb sinnvoll, zwischen verschiedenen Begriffen zu unterscheiden.
- Eine Person kann beispielsweise rassistische, antisemitische, fremdenfeindliche, nationalistische, autoritäre oder rechtsextreme Einstellungen vertreten, ohne deshalb automatisch im engeren Sinne als Nationalsozialist oder Neonazi bezeichnet werden zu können.
- Rechtsextremismus ist ein breiterer Oberbegriff und umfasst unterschiedliche politische Ideologien und Strömungen. Neonazismus bezeichnet dagegen spezifischer eine Form des Rechtsextremismus, die ideologisch oder symbolisch unmittelbar an den historischen Nationalsozialismus anknüpft.
Für eine sachliche politische Diskussion ist es daher wichtig, möglichst präzise zu benennen, welche Haltung tatsächlich gemeint ist. Statt eine Person pauschal als „Nazi“ zu bezeichnen, kann es je nach Sachverhalt genauer sein, von rassistischen, antisemitischen, rechtsextremen, völkisch-nationalistischen, autoritären oder neonazistischen Positionen zu sprechen.
Zusammenfassung
Ein Nazi im historischen Sinne ist ein Anhänger des Nationalsozialismus und der damit verbundenen Weltanschauung. Diese Ideologie war geprägt von rassistischem Antisemitismus, einer pseudowissenschaftlichen Rassenlehre, extremem Nationalismus, dem Führerprinzip, der Ablehnung von Demokratie und Menschenrechten sowie einer aggressiven Expansions- und Kriegspolitik. Die Umsetzung dieser Ideologie führte zu einer totalitären Diktatur, zum Zweiten Weltkrieg, zum Holocaust und zu weiteren systematischen Massenverbrechen mit Millionen von Opfern.
Heute sollte der Begriff „Nazi“ möglichst präzise verwendet werden. Im engeren politischen Sinne bezeichnet er Personen, die sich mit dem historischen Nationalsozialismus identifizieren oder wesentliche Elemente seiner Ideologie vertreten. Nicht jede Person mit rechten, konservativen, nationalistischen oder auch einzelnen rassistischen beziehungsweise autoritären Positionen ist deshalb automatisch ein „Nazi“. Eine genaue begriffliche Unterscheidung trägt dazu bei, politische Einstellungen sachlich einzuordnen und die besondere historische Bedeutung des Nationalsozialismus nicht zu verwischen.
Werner Eberwein
