Was ist Transkulturelle Psychotherapie?

Transkulturelle Psychotherapie ist ein Ansatz in der Psychotherapie, der die kulturelle Herkunft, Werte, Lebensbedingungen und Migrationserfahrungen eines Menschen ausdrücklich mit einbezieht. Ziel ist es, psychisches Leiden im kulturellen Kontext zu verstehen und zu behandeln.

Zentrale Merkmale

Kultursensibilität: Therapeut:innen berücksichtigen kulturelle Normen, religiöse Vorstellungen, Familienstrukturen und Rollenbilder.

Mehrperspektivisches Verständnis: Symptome werden nicht nur individuell, sondern auch sozial und kulturell interpretiert (z. B. andere Ausdrucksformen von Depression oder Angst).

Migrations- und Fluchterfahrungen: Themen wie Trauma, Verlust, Identitätskonflikte, Diskriminierung oder Sprachbarrieren spielen oft eine wichtige Rolle.

Ressourcenorientierung: Kulturelle Stärken, Rituale, Gemeinschaften und Bewältigungsstrategien werden aktiv genutzt.

Arbeit mit Dolmetscher:innen: Wenn nötig, werden professionelle Sprachmittler:innen einbezogen.

Worin unterscheidet sie sich von „klassischer“ Psychotherapie?

Transkulturelle Psychotherapie ist keine eigene Therapieschule, sondern eine Haltung und Kompetenz, die in verschiedene Verfahren (z. B. Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische oder systemische Therapie) integriert wird. Der Unterschied liegt darin, dass kulturelle Faktoren nicht als Randthema, sondern als zentraler Bestandteil der Behandlung verstanden werden.

Für wen ist sie besonders geeignet?

• Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund

• Personen, die zwischen mehreren Kulturen leben

• Patient:innen, deren seelische Beschwerden stark mit kulturellen Konflikten oder Anpassungsprozessen verbunden sind

Beispiel

In manchen Kulturen äußert sich psychisches Leiden eher körperlich (z. B. Schmerzen, Erschöpfung) als emotional. Eine transkulturell geschulte Therapie erkennt dies als legitime Ausdrucksform und pathologisiert sie nicht vorschnell.

Eine transkulturelle Therapiesitzung unterscheidet sich im Ablauf nicht grundsätzlich von anderen psychotherapeutischen Sitzungen, legt aber bewusst den Fokus auf kulturelle, soziale und biografische Zusammenhänge. Hier ein typischer Ablauf – vom ersten Kontakt bis zur laufenden Therapie:

1. Erstgespräch/Anamnese

Ziel ist, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln – nicht nur der Symptome, sondern der Lebenswelt der Person.

Typische Themen:

  • Herkunft, Sprache(n), Migration oder Flucht
  • Familiäre Strukturen, Rollen, Erwartungen
  • Religiöse oder spirituelle Überzeugungen
  • Eigene Erklärungen für das Leiden
    („Was glauben Sie, warum es Ihnen so geht?“)
  • Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Diskriminierung

Wichtig: Die Therapeutin/der Therapeut nimmt eine nicht-wertende, neugierige Haltung ein und vermeidet vorschnelle Diagnosen.

2. Gemeinsame Bedeutungsfindung

Statt Symptome nur nach westlichen Diagnosesystemen zu ordnen, wird gefragt:

  • Welche Bedeutung haben die Beschwerden in Ihrer Kultur?
  • Wie würde Ihre Familie oder Gemeinschaft das Problem beschreiben?
  • Welche Bewältigungsformen sind Ihnen vertraut?

Beispiel:

  • Traurigkeit → evtl. als „Herzschwere“
  • Angst → als körperliche Unruhe oder Schwäche

3. Therapieplanung

Die Therapieziele werden gemeinsam festgelegt und kulturell angepasst:

  • Welche Veränderungen sind realistisch und akzeptabel?
  • Wie wichtig sind Familie oder Gemeinschaft für die Therapie?
  • Welche therapeutischen Methoden passen zur Person?

Dabei können klassische Methoden (z. B. Gesprächstherapie, Verhaltensexperimente, Traumatherapie) kultursensibel modifiziert werden.

4. Therapeutische Arbeit

Je nach Bedarf kann eine Sitzung beinhalten:

  • Gespräche über innere Konflikte zwischen Kulturen
  • Arbeit an Trauma (z. B. nach Flucht oder Gewalt)
  • Einbezug von Familie oder wichtigen Bezugspersonen
  • Nutzung kultureller Ressourcen
    (Rituale, Musik, Gebet, Geschichten, Metaphern)

Wenn Sprachbarrieren bestehen:

  • Arbeit mit professionellen Dolmetscher:innen
  • Klare Rollen: Therapeut:in ↔ Patient:in ↔ Dolmetscher:in

5. Reflexion der therapeutischen Beziehung

Ein zentraler Punkt ist die Selbstreflexion der Therapeutin/des Therapeuten:

  • Eigene kulturelle Annahmen und Machtpositionen
  • Mögliche Missverständnisse oder Übertragungen
  • Offenes Ansprechen kultureller Unterschiede

6. Verlauf & Anpassung

Die Therapie bleibt flexibel:

  • Ziele können sich ändern
  • Methoden werden angepasst
  • Tempo richtet sich nach Sicherheit und Vertrauen

Kurz gesagt:

Eine transkulturelle Therapiesitzung ist

dialogisch statt belehrend

kontextsensibel statt symptomfixiert

respektvoll gegenüber kultureller Vielfalt

Kontext

  • Patientin (P): 35 Jahre, vor 8 Jahren migriert, klagt über Schlaflosigkeit, Herzklopfen, Erschöpfung
  • Therapeutin (T): transkulturell geschult
  • Setting: Einzeltherapie, ohne Dolmetscher

Dialog – Ausschnitt aus einer Sitzung

T: Was hat Sie dazu gebracht, heute in die Therapie zu kommen?

P: Ich kann seit Monaten nicht schlafen. Mein Herz schlägt schnell, ich bin ständig müde. Ärzte sagen, körperlich ist alles in Ordnung.

T: Wenn Sie diese Beschwerden beschreiben – was glauben Sie, woher sie kommen?

P: In meiner Kultur sagt man, wenn das Herz keine Ruhe findet, trägt man zu viel im Inneren.

T: Das ist ein starkes Bild. Was könnte dieses „Zu-viel“ bei Ihnen sein?

P: Ich muss stark sein. Für meine Kinder, für meine Familie hier und für die Familie in meinem Heimatland. Aber manchmal fühle ich mich leer.

T: Ist es in Ihrer Familie üblich, über solche Gefühle zu sprechen?

P: Nein. Wenn man traurig ist, arbeitet man mehr. Reden hilft nicht – sagt man.

T: Dann ist es etwas Neues, hier darüber zu sprechen?

P: Ja. Es fühlt sich… ungewohnt an. Fast falsch.

T: Danke, dass Sie das sagen. Wir müssen nichts tun, was sich für Sie falsch anfühlt. Vielleicht können wir gemeinsam einen Weg finden, der zu Ihnen und Ihrer Kultur passt.

P: Das ist erleichternd zu hören.

Später in der Sitzung

T: Was hat Ihnen früher geholfen, wenn es Ihnen schlecht ging?

P: Gebete. Und die Gespräche mit meiner Großmutter.

T: Wären das Dinge, die wir – in Ihrer Form – in die Therapie einbeziehen dürfen?

P: Ja. Das würde sich richtig anfühlen.

Kommentar (zur Einordnung)

In dieser Sitzung:

  • fragt die Therapeutin nach der eigenen Bedeutung der Symptome
  • respektiert kulturelle Werte (z. B. Stärke, Schweigen)
  • vermeidet Pathologisierung
  • nutzt kulturelle Ressourcen (Gebet, familiäre Bindung)
  • passt Tempo und Methode an

Kontext

  • Patient (P): 29 Jahre, Fluchterfahrung, seit Jahren Albträume, starke Schreckhaftigkeit, Rückzug
  • Therapeut (T): transkulturell & traumatherapeutisch geschult
  • Phase: frühe Stabilisierungsphase (noch keine Trauma-Konfrontation)

Dialog – Ausschnitt aus einer Sitzung

T: Bevor wir über schwierige Erinnerungen sprechen, ist mir wichtig zu wissen:

Fühlen Sie sich jetzt, hier im Raum, einigermaßen sicher?

P: Ja… mehr als draußen. Hier ist es ruhig.

T: Gut. Wenn es sich irgendwann nicht mehr sicher anfühlt, sagen Sie bitte sofort Bescheid. Sie bestimmen das Tempo.

P: Okay.

Symptome im kulturellen Kontext

T: Sie haben von Albträumen und plötzlicher Angst gesprochen. Wie erklären Menschen in Ihrer Kultur solche Erfahrungen?

P: Man sagt, die Seele ist zurückgeblieben… dort, wo etwas Schlimmes passiert ist.

T: Das ist eine sehr treffende Beschreibung. In der Traumatherapie sagen wir etwas Ähnliches:

Ein Teil von Ihnen ist noch in Alarmbereitschaft.

P: Dann bin ich also nicht verrückt?

T: Nein. Ihr Körper versucht, Sie zu schützen – auch wenn die Gefahr vorbei ist.

Kontrolle & Selbstbestimmung

T: Möchten Sie heute über das sprechen, was passiert ist –

oder wäre es hilfreicher, erst zu lernen, wie Sie Ihren Körper beruhigen können?

P: Ich will nicht über alles sprechen. Nicht heute.

T: Das respektiere ich. Wir müssen nichts öffnen, was sich nicht schließen lässt.

Stabilisierung (trauma-orientiert)

T: Gibt es etwas, das Ihnen in Ihrem Leben ein Gefühl von Halt gibt?

P: Ein Lied aus meiner Heimat. Meine Mutter hat es früher gesungen.

T: Wären Sie bereit, dieses Lied innerlich abzuspielen, wenn Angst kommt?

P: Ja. Das fühlt sich sicher an.

T: Dann lassen Sie uns das jetzt kurz üben – nur für ein paar Atemzüge.

Bedeutung & Würde

P: In meinem Land sagt man: Wer so viel Angst hat, ist schwach.

T: Ich sehe hier etwas anderes:

Jemanden, der extreme Dinge überlebt hat und weiterlebt. Das ist keine Schwäche.

(Patient atmet sichtbar ruhiger)

Was hier trauma- & transkulturell passiert

Sicherheit zuerst (Stabilisierung vor Traumaerzählung)

Kulturelle Trauma-Metaphern werden ernst genommen („Seele zurückgeblieben“)

Keine erzwungene Offenlegung

Ressourcen aus der Herkunftskultur werden genutzt

Scham und Stigmatisierung werden aktiv angesprochen

Wichtig:

Transkulturelle Traumatherapie bedeutet nicht, alles zu erzählen –

sondern Kontrolle, Würde und Sinn wiederherzustellen.

ChatGPT