Was bedeutet „woke“?
Der Begriff „woke“ stammt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich „wach“. Im übertragenen Sinn bezeichnet er, wachsam und aufmerksam gegenüber gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Benachteiligung zu sein. Im Laufe der Zeit hat der Begriff jedoch einen erheblichen Bedeutungswandel erfahren. Heute kann „woke“ sowohl positiv als auch deutlich abwertend verwendet werden.
Ursprung des Begriffs
„Woke“ stammt ursprünglich aus dem African American English, also aus afroamerikanischen Sprachtraditionen in den USA. Die Formulierung „stay woke“ bedeutet sinngemäß „bleib wachsam“ oder „sei aufmerksam“. Historisch bezog sich diese Wachsamkeit insbesondere auf Rassismus, rassistische Gewalt und gesellschaftliche Benachteiligung schwarzer Menschen. Gemeint war, Ungerechtigkeiten wahrzunehmen, sie nicht zu verharmlosen und sich der gesellschaftlichen und politischen Bedingungen bewusst zu sein, unter denen Diskriminierung stattfinden kann.
Der Ausdruck hat eine deutlich längere Geschichte als die heutigen politischen Debatten um „Wokeness“. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde er innerhalb afroamerikanischer kultureller und politischer Zusammenhänge immer wieder verwendet. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das Wort insbesondere in den 2000er- und 2010er-Jahren bekannt. Eine wichtige Rolle spielten dabei Popkultur und soziale Medien. Ab etwa 2014, im Zusammenhang mit der Black-Lives-Matter-Bewegung, verbreitete sich „woke“ international besonders stark. Der Begriff wurde nun zunehmend allgemeiner verstanden: Nicht nur Rassismus, sondern unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Diskriminierung und Ungleichheit rückten in den Mittelpunkt.
Erweiterung der Bedeutung
Mit der zunehmenden Verbreitung wurde der Begriff auf zahlreiche gesellschaftspolitische Themen übertragen. Als „woke“ konnte nun beispielsweise eine besondere Sensibilität gegenüber folgenden Themen bezeichnet werden:
● Rassismus und ethnischer Diskriminierung,
● Sexismus und der Benachteiligung von Frauen,
● Homophobie und Diskriminierung homosexueller Menschen,
● Transfeindlichkeit,
● Diskriminierung aufgrund einer Behinderung oder chronischen Erkrankung,
● gesellschaftlicher Benachteiligung von Minderheiten,
● kolonialen und postkolonialen Machtverhältnissen,
● sozialer Ungleichheit,
● geschlechtergerechter und diskriminierungssensibler Sprache.
In diesem ursprünglichen beziehungsweise positiven Verständnis bedeutet „woke“ also, gesellschaftliche Ungleichheiten bewusst wahrzunehmen und sich für mehr Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe einzusetzen.
„Woke“ als positive Bezeichnung
Positiv verstanden steht „woke“ für eine Haltung, die gesellschaftliche Strukturen kritisch hinterfragt und darauf achtet, ob bestimmte Gruppen systematisch benachteiligt werden. Dahinter können beispielsweise folgende Vorstellungen stehen: Menschen sollen unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft, Behinderung oder anderen persönlichen Merkmalen möglichst gleiche gesellschaftliche Chancen erhalten. Diskriminierende Strukturen sollen erkannt und verändert werden. Minderheiten sollen gesellschaftlich gehört und geschützt werden. Außerdem wird darauf geachtet, dass auch Sprache bestimmte Gruppen nicht unnötig ausgrenzt oder abwertet. In diesem Sinne kann „woke“ ungefähr bedeuten:
Gesellschaftlich aufmerksam, diskriminierungssensibel und sozial verantwortlich zu sein.
Allerdings ist „woke“ heute nur noch eingeschränkt eine Selbstbezeichnung. Menschen, deren politische oder gesellschaftliche Positionen als „woke“ bezeichnet werden, würden sich selbst häufig eher als progressiv, antirassistisch, feministisch, diskriminierungssensibel oder gesellschaftspolitisch links beschreiben.
Bedeutungswandel zum politischen Kampfbegriff
Im Verlauf der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre veränderte sich die öffentliche Verwendung des Begriffs erheblich. Besonders in konservativen und rechten politischen Debatten wurde „woke“ zunehmend kritisch oder spöttisch verwendet. Damit entstand eine zweite, teilweise fast gegenteilige Bedeutung.
Wer heute beispielsweise von einer „woken Politik“, einer „woken Universität“ oder einem „woken Unternehmen“ spricht, meint dies häufig nicht anerkennend. Vielmehr wird damit der Vorwurf verbunden, bestimmte progressive Vorstellungen seien übertrieben, dogmatisch, moralisierend oder bevormundend geworden. Kritiker verbinden mit „Wokeness“ unter anderem die Vorstellung, dass gesellschaftliche Diskussionen zu stark auf Identitätsmerkmale wie Hautfarbe, Geschlecht oder sexuelle Orientierung ausgerichtet würden.
Was bedeutet „Wokeismus“?
Der Ausdruck „Wokeismus“ geht noch einen Schritt weiter. Er erweckt den Eindruck, es handle sich bei „woke“ um eine geschlossene politische Ideologie. Tatsächlich existiert jedoch keine eindeutig definierte politische Lehre namens „Wokeismus“. Es gibt beispielsweise kein einheitliches Programm und keine allgemein anerkannten Grundsätze, denen sich sämtliche als „woke“ bezeichneten Menschen verpflichtet fühlen. „Wokeismus“ ist daher überwiegend ein politischer und publizistischer Sammel- beziehungsweise Kampfbegriff. Damit werden verschiedene progressive Strömungen zusammengefasst, beispielsweise Antirassismus, Feminismus, LGBTQ+-Politik, bestimmte Formen der Identitätspolitik oder Forderungen nach einer diskriminierungssensiblen Sprache.
Fazit
„Woke“ hat im Laufe seiner Geschichte einen erheblichen Bedeutungswandel erfahren. Ursprünglich bezeichnete der Begriff vor allem die Wachsamkeit gegenüber Rassismus und gesellschaftlicher Unterdrückung schwarzer Menschen in den USA. Später wurde seine Bedeutung erweitert und umfasste allgemein eine erhöhte Sensibilität gegenüber gesellschaftlicher Diskriminierung und Benachteiligung. Heute ist „woke“ zugleich ein stark politisch aufgeladener Begriff. Er kann positiv für gesellschaftliches Bewusstsein und den Einsatz für Gleichberechtigung stehen, wird aber ebenso häufig abwertend als Bezeichnung für eine vermeintlich übertriebene, moralisierende oder identitätspolitische Form progressiver Politik verwendet.
Der Begriff „Wokeismus“ sollte deshalb mit Vorsicht verwendet werden. Er bezeichnet keine eindeutig definierte politische Ideologie, sondern dient überwiegend als Sammelbegriff für sehr unterschiedliche progressive Positionen und – insbesondere in politischen Auseinandersetzungen – häufig als Kampfbegriff. Wer verstehen möchte, was eine Person mit „woke“ meint, sollte daher nicht allein auf das Wort achten, sondern fragen:
Welche konkrete Haltung, Forderung oder gesellschaftliche Entwicklung wird damit bezeichnet?
Werner Eberwein
