Ist Donald Trump ein Faschist?
Die Frage, ob Donald Trump als Faschist eingeordnet werden kann, gehört zu den umstrittensten Debatten der gegenwärtigen Politikwissenschaft.
Eine eindeutige Antwort existiert nicht, da die Bewertung stark von der jeweiligen Definition des Begriffs „Faschismus“ abhängt.
Faschismus als politikwissenschaftlicher Begriff
Der Begriff „Faschismus“ ist in der Forschung nicht einheitlich definiert. Unterschiedliche Theoretiker setzen unterschiedliche Schwerpunkte:
- Der Historiker und Politikwissenschaftler Roger Griffin definiert Faschismus als „palingenetischen Ultranationalismus“, also als Ideologie der nationalen Wiedergeburt nach einem wahrgenommenen gesellschaftlichen Niedergang.
- Robert Paxton versteht Faschismus stärker als politische Praxis und soziale Dynamik, geprägt durch Massenmobilisierung, Führerkult, Feindbilder und die Bereitschaft zur politischen Eskalation.
- Der Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco beschrieb in seinem Konzept des „Ur-Faschismus“ eine Reihe typischer Merkmale autoritärer Bewegungen, darunter Nationalismus, Feindbildkonstruktionen und die Ablehnung pluralistischer Demokratie.
In der Politikwissenschaft gilt Faschismus häufig als sogenannter „Idealtypus“ im Sinne von Max Weber. Das bedeutet, dass reale politische Bewegungen historische Merkmale unterschiedlich stark erfüllen können. Daher wird weniger gefragt, ob eine Person eindeutig „faschistisch“ ist, sondern eher, in welchem Ausmaß bestimmte faschistische Elemente vorliegen.
Argumente für die Faschismus-These
Einige Historiker und Politikwissenschaftler sehen bei Trump strukturelle Parallelen zu historischen faschistischen oder protofaschistischen Bewegungen.
Genannt werden unter anderem:
- nationalistischer Populismus und die „America First“-Rhetorik,
- die Darstellung politischer Gegner oder Migranten als Bedrohung für die Nation,
- die Inszenierung eines starken Führers,
- Angriffe auf Medien, Gerichte und Wahlprozesse,
- sowie die Behauptung eines nationalen Niedergangs, der durch eine politische „Wiedergeburt“ überwunden werden müsse.
Besonders häufig wird dabei der Slogan „Make America Great Again“ als Beispiel eines Wiedergeburtsnarrativs interpretiert. Kritiker verweisen zudem auf Trumps Verhalten im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl 2020 und den Ereignissen vom 6. Januar 2021 am United States Capitol.
Vertreter dieser Sichtweise argumentieren, dass Trump zentrale Elemente autoritärer oder faschistischer Politik verwende, auch wenn die historischen Bedingungen des europäischen Faschismus des 20. Jahrhunderts nicht vollständig reproduziert würden.
Argumente gegen die Faschismus-These
Andere Wissenschaftler lehnen die Einordnung als Faschist ab oder halten sie für analytisch unpräzise.
Ihre wichtigsten Argumente:
- Die USA blieben auch unter Trump eine funktionierende Mehrparteien-Demokratie.
- Opposition, Medien und Gerichte konnten weiterhin frei agieren.
- Es gab keine Einparteienherrschaft oder vollständige Ausschaltung politischer Gegner.
- Trumps politische Agenda gilt vielen eher als populistisch und opportunistisch als ideologisch geschlossen.
- Historischer Faschismus war häufig mit totalitärer Staatsorganisation, paramilitärischen Massenbewegungen und umfassender gesellschaftlicher Mobilisierung verbunden.
Einige Politikwissenschaftler ordnen Trump daher eher als Rechtspopulisten oder Vertreter eines illiberalen Nationalismus ein. Andere vergleichen seinen Führungsstil mit Konzepten wie „autoritärem Populismus“ oder „Demokratieabbau“, ohne den Begriff Faschismus zu verwenden.
Zudem wird darauf hingewiesen, dass der Begriff historisch eng mit den Regimen von Benito Mussolini und Adolf Hitler verbunden ist. Eine zu breite Verwendung könne historische Unterschiede verwischen.
Aktuelle Einordnungen in der Forschung
In der neueren Debatte verwenden viele Analysten Zwischenbegriffe wie:
- „protofaschistisch“,
- „illiberaler Populismus“,
- „autoritärer Nationalismus“,
- oder „demokratischer Rückschritt“.
Damit soll beschrieben werden, dass Trumps Politik und Rhetorik bestimmte strukturelle Ähnlichkeiten mit autoritären Bewegungen aufweisen, ohne vollständig mit historischen faschistischen Regimen gleichgesetzt zu werden.
Einige Forscher, darunter auch Robert Paxton, haben ihre Einschätzung nach den Ereignissen vom Januar 2021 verschärft. Andere bleiben bei der Auffassung, dass der Begriff „Faschismus“ analytisch zu ungenau oder historisch unangemessen sei.
Fazit
Die Frage, ob Trump als Faschist bezeichnet werden kann, bleibt innerhalb der Politikwissenschaft umstritten. Viele Experten sehen autoritäre oder illiberale Elemente in seinem politischen Stil. Ob daraus die Bezeichnung „Faschismus“ folgt, hängt wesentlich davon ab, welche Definition des Begriffs zugrunde gelegt wird und wie eng historische Vergleiche gezogen werden.
Werner Eberwein
